Auch wenn das Design Museum bereits für einen stilistischen Umbruch stand, lösten die zwischen 1993 und 1994 fertig gestellten Gebäude erhebliche Erschütterungen aus. Die Fabrikationshalle von Álvaro Siza ist ein puristischer Kubus aus Ziegeln mit monumentalen vertikalen Leerräumen und einer skulpturalen Dachkonstruktion. Sie präsentiert sich absolut unspektakulär im Verhältnis zu den grossen Ambitionen des Gesamtkonzepts und dient als neutraler Hintergrund für das gestenreiche Werk von Zaha Hadid, wenngleich mit den in all seinen Werken vorhandenen Charakteristika des Portugiesen.
Der Konferenz-Pavillon von Tadao Ando ist durch die für den aus Osaka stammenden Architekten charakteristische Präzision gekennzeichnet. Dem Meister des Betons und des Lichts bot sich zuvor noch keine Gelegenheit für ein Werk in Europa, wenn man den mittlerweile verschwundenen Pavillon auf der Expo 1992 in Sevilla ausklammert. Für Vitra realisierte er ein in den Boden abgesenktes Gebäude, das sich um einen quadratischen in den Rasen eingelassenen Innenhof erhebt. Es besteht aus einem Zylinder und zwei Quadern, die elegant und in ruhiger Klarheit und Schönheit miteinander verbunden sind.
In der gleichen Bauphase realisierte auch Zaha Hadid ihr erstes Gebäude überhaupt – bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie lediglich die Innenräume eines Restaurants in Japan gestaltet. Nach zehn Jahren kontinuierlicher Präsenz in der architektonischen Avantgarde wurde sie mit der Realisation des Feuerwehrhauses plötzlich auf die Titelseiten der Fachmagazine katapultiert. Auf einem Werkgelände, das einmal durch einen Brand zerstört wurde, hat ein derartiges Gebäude einen hohen Stellenwert – auch wenn es durch die spätere Verlagerung der Feuerwehr in die Stadt Weil seiner ursprünglichen Funktion beraubt wurde und heute für Ausstellungen genutzt wird. Die dynamische und explosive Konstruktion greift das Tempo der ausrückenden Fahrzeuge auf, streift aber mit ihrer geschossartigen Gewalt zugleich die Grenze zur Brandstiftung. Die geneigten, instabilen Elemente aus Stahlbeton spiegeln auf musterhafte Weise das Interesse der irakisch-englischen Architektin am russischen Suprematismus wider – eine Neigung, die sie in ihrer Wahlheimat London von ihrem Lehrer Rem Koolhaas in der Architectural Association übernahm. Die die Gravitation verleugnende Konstruktion erfordert jedoch den Einsatz von derart viel Stahl, dass der darüber liegende Beton kaum mehr als Korrosionsschutz für das Metall darstellt. Für die bis dahin nur für ihre futuristischen Zeichnungen ausgedehnter, schwebender geometrischer Formen bekannte Architektin, die nach eigenem Bekunden davon überzeugt ist, dass Gebäude schweben können, ist die Verwirklichung des Feuerwehrhauses von Vitra – entgegen sämtlicher Prognosen – ein Meilenstein, der aus dem kleinen Gebäude ein Werk von grosser Tragweite macht. Ebenso wie Gehry wurde sie von Fehlbaum ursprünglich für die Gestaltung von Stühlen angefragt, und ebenso wie er errichtete sie schliesslich Bauwerke von zentraler Bedeutung für die Architektur.
Diese dynamischen Bauwerke, die kulturelle und stilistische Grenzen überschreiten, sind Metaphern einer Welt im Umbruch. Sie repräsentieren zum einen die Hektik von Menschen, Städten, Informationen und Bildern, die die Erde in einem Schwindel erregenden Fluss miteinander verbinden. Zum anderen sind sie jedoch auch Abbild der wachsenden Instabilität und des Nomadentums, die die moderne Wirtschaft und Gesellschaft prägen, und deren Ungleichgewichte Veränderungen und Brüche noch beschleunigen. Die bewegten Formen von Gehry und die beschleunigte Architektur von Hadid, ebenso wie die expansive, leichtfüßige Dynamik von SANAA oder die schwankende Balance in den Bauten von Herzog & de Meuron sind architektonische Entdeckungen einer Welt in Bewegung, spielerische Bauten, die manchen lächeln lassen, ohne dabei an Ernsthaftigkeit einzubüssen. Die Architektur ist in Bewegung, wenngleich man – wie bei der Welt – nicht weiss in welche Richtung.
Luis Fernández-Galiano ist Architekt und Professor an der Architekturschule der Universidad Politécnica in Madrid. Er ist tätig als Gastprofessor an zahlreichen Universitäten in Europa und den USA, als Jury-Mitglied von wichtigen Wettbewerben (z.B. Architekturbiennale Venedig 2002), als Kurator, als Autor sowie als Herausgeber der Zeitschriften „AV Monografias“ und „Arquitectura Viva“.

09 April 2008.