Die Sammlung deckt fast alle Bereiche des täglichen Gebrauchsmöbels ab: von Sitzmöbeln für die private Wohnung über Kindermöbel und Einrichtungen für gemeinschaftliches Wohnen und das Büro bis hin zu den modernen Formen eines nomadischen Wohnens. Für die Zeit ab den sechziger Jahren gibt es zudem zahlreiche Beispiele von Möbeln, die die zeitgenössische Kunst reflektieren und dann, ab den achtziger Jahren, vermehrt die expliziten Autorenentwürfe, die häufig als Unikate bzw. in limitierten Auflagen produziert wurden. Überhaupt gibt es in der Sammlung keineswegs nur industrielle Möbel, sondern etliche Modelle, die als Einzelstücke oder in wenigen Exemplaren angefertigt wurden; auch sie haben im Vitra Design Museum ihren berechtigten Platz weil sie in formaler, konstruktiver, technologischer oder funktionaler Hinsicht wichtig für die Entwicklung des industriellen Möbeldesigns sind.
Neben einer kleinen Abteilung für Unterhaltungselektronik – vor allem einer Sammlung von Braun-Geräten – wird unter der Regie von Raymond Fehlbaum eine Sammlung industrieller Leuchten aufgebaut, die es in den Ausstellungen erlaubt, die Designgeschichte des Wohnens noch besser darzustellen. Die Kriterien bei der Auswahl entsprechen jenen, die auch bei Möbeln den Ausschlag geben. Ein entscheidender Unterschied liegt jedoch in der zeitlichen Begrenzung, denn auf dem Gebiet industriell hergestellter, elektrischer Leuchten beginnt die Geschichte erst Ende des 19. Jahrhunderts bei Thomas Alva Edison. Die Sammlung beginnt bei Peter Behrens und setzt sich fort über die Bauhaus-Gestalter Christian Dell, Marianne Brandt und Wilhelm Wagenfeld. Skandinavische Designer wie Poul Henningsen oder Verner Panton, der auch in diesem Fach wichtige Entwürfe hervorbrachte, sind ebenso vertreten wie zahlreiche italienische Leuchten, etwa von Gino Sarfatti oder Angelo Lelli, sowie Kreationen von Serge Mouille. Zu den bedeutenden Vertretern der letzten Jahre zählt vor allem Ingo Maurer mit seinen poetischen Lichtskulpturen.
Für die Arbeit des Museums stellen die Bibliothek und das Archiv eine ebenso wichtige Informationsquelle dar wie die Möbelsammlung selbst. Umfangreiche Bestände der 250 wichtigsten Zeitschriften und etwa 9500 Buchtitel zu Möbeldesign, Architektur und den verwandten Bereichen sowie ein Archiv mit Firmenkatalogen, Fotos, Filmen, Zeichnungen und Schriftdokumenten bilden die Grundlage für unsere wissenschaftliche Arbeit.
Eine Sammlung, deren historischer Rahmen bis in die Gegenwart reicht, kann nie vollständig sein, und je jünger ein Gegenstand ist, umso schwieriger ist die Beurteilung seiner historischen Bedeutung. Angesichts der wahren Schwemme, die uns in den letzten zwanzig Jahren mit Entwürfen überrollt, die schon als Unikate und Kleinstauflagen enorme Publizität erzielen, ist beim Sammeln aktueller Produkte besondere Vorsicht geboten. Gerade in diesem heiklen Bereich aber sind die Kenntnis und das Augenmass von Rolf Fehlbaum stets von größtem Wert gewesen. Was die Lücken der Sammlung in den tatsächlich historischen Dekaden der Designgeschichte betrifft, so werden diese immer kleiner, auch wenn sich einige davon sicher nicht mehr schliessen lassen – sei es weil es die fehlenden Objekte nur noch in wenigen, fest in anderen Sammlungen verankerten Exemplaren gibt, oder sie schlicht nicht mehr existieren.
So ist das Bild, das die Sammlung des Vitra Design Museum von der Geschichte des modernen Möbeldesigns zeichnet, zwar unvollständig, dafür aber gerade in seiner bewussten Beschränkung wesentlich klarer als viele der grossen Sammlungen in öffentlicher Hand.
Alexander von Vegesack leitet seit 1989 das Vitra Design Museum. Im Rahmen dieser Tätigkeit schuf er ein ständig wechselndes Programm international zirkulierender Ausstellungen über Design und Architektur, gab zahlreiche Publikationen heraus, initiierte eine jährlich stattfindende internationale Museumskonferenz und ein international anerkanntes Seminarprogramm.

11 April 2008.