Ich bin sehr interessiert an der Forschung des amerikanischen Kognitionspsychologen James Gibson über die so genannte Affordanz, den Angebotscharakter von Objekten. Der Angebotscharakter ist kein Anreiz, sondern bezieht sich auf den Wert, den eine Umgebung den Menschen in einer bestimmten Situation anbietet. Wir können es als aktive Handlung eines Objekts und seiner Umgebung definieren, wenn sie zu einem unbewussten Verhalten einladen. Ich stütze meine Design-Ideen auf die Beobachtung dieses Angebotscharakters, versuche, ihn in den Handlungen zu entdecken, die Menschen unter bestimmten Voraussetzungen vornehmen: eine Jacke über einer Stuhllehne aufzuhängen oder die Hände auf den Tisch zu legen, wenn man aufsteht, sind deutliche Zeichen des Angebotscharakters. Oder anders gesagt: es geht um das „Tun“ unter jeweils speziellen Umständen.
Gesessen wurde schon bevor Stühle existierten. Ein Fels oder ein umgefallener Baumstamm repräsentieren Typen des Angebotscharakters, indem sie ganz natürlich dazu auffordern, sich hinzusetzen. Auch seitdem es Stühle gibt, kann man individuelle Formen des Sitzens beobachten. Das kann ein Aluminiumkoffer am Flughafen oder Bahnhof sein, ein Heubündel auf einem Bauernhof, ein Baumstumpf oder ein Filzballen. Auch das Anlehnen, während man auf jemanden wartet, gehört dazu. Sind bestimmte Grundvoraussetzungen gegeben, sucht sich jeder ein bestimmtes Objekt oder Material als natürlichen Gegenstand, um darauf zu sitzen. Was ausgewählt wird, ist nicht notwendigerweise ein Stuhl.
Meine Entwürfe für die Vitra Edition 2007 versuchen die beschriebenen natürlichen Verhaltensweisen zu berücksichtigen. Die Form dieser Dinge zum Sitzen ist auf sehr symbolische Weise stuhlartig. Das belegt auch die Tatsache, dass Vitra ihnen den Namen „Chair“ gab – auch wenn die Grenze zwischen Gebrauchsgegenstand und Kunstwerk fliessend ist. Ich glaube, dass das charakteristisch ist für den traditionellen japanischen Gestaltungsansatz: Dinge zu entwerfen, die natürlich wahrnehmbare Verhaltensweisen nicht stören. Diese Verhaltensweisen und diese Objekte sind so „normal“, so „vernünftig“, dass wir sagen: „Genau hier würde ich mich normalerweise hinsetzen.“ Das Einzige, was dieser Vernunft und den normalen Verhaltensweisen des Menschen in die Quere kommen kann, sind die bewussten Absichten. Die beste Wahl aber wird ohne Nachdenken getroffen.
Naoto Fukasawa

09 April 2008.