Wir sind diesen Monat in Puducherry – genauer in Auroville, der zukünftigen Stadt, die noch nicht gebaut ist – um über etwas nachzudenken, das vielleicht eine Bushaltestation oder auch nur ein schattiges Plätzchen ist, um die Füsse ausruhen zu lassen. Es steht in einer Lichtung nicht weit von der Strasse – ein bisschen zu weit weg für ein Bushäuschen, werden Sie vielleicht denken. Es ist ein Aufbau aus zylindrischen Beton-Gusselementen, die zusammen ein einigermassen brauchbares Ganzes mit kombinierten Funktionen formen: Das Dach ist ausladend genug, um ein wenig Schatten zu spenden und vor Regen zu schützen. Ein stützender Pfeiler ragt aus dem Boden und führt durch zwei konische Zylinder hindurch, die zusammen eine kreisrunde Bank mit einer geneigten Rückenlehne bilden. Ich frage mich, was ein Bauingenieur über die Verbindung des Pfeilers mit dem Dach sagen würde. Aber auf der anderen Seite bewundere ich die bildhauerische Qualität und die grossmütige Idee.
Es war zwar niemand in der Nähe, als ich das Bild schoss, aber man kann sich nebst der konzeptionellen Eleganz einen unbehaglichen funktionalen Aspekt vorstellen. Kein Problem, wenn man als Erster ankommt und Platz nimmt, wo man will. Aber der Zweite muss eine schwierige Wahl treffen: Zu nahe am Ersten wird jener sich bedrängt fühlen, zu weit weg im Rund wird er denken, Sie ignorieren ihn. Wo immer Sie sitzen wird es schwierig sein, ein Gespräch ohne Körperverdrehungen zu führen. Aber vielleicht gibt es ja einen völlig anderen Grund, dass diese Schatten spendende Rundum-Bank hier steht.
Der britische Designer Jasper Morrison (*1959) gilt als Vorreiter einer „Neuen Einfachheit“, die für eine bescheidene und ernsthaftere Auffassung von Design einsteht. Zusammen mit dem japanischen Designer Naoto Fukasawa hat er 2006 mit der Ausstellung „Super Normal“ und den darin enthaltenen Thesen grosse Aufmerksamkeit erregt.


