Bei einem Besuch der umfangreichen Archive von Jean Prouvé nimmt uns seine Tochter Catherine auf einen Spaziergang in die Vergangenheit mit.
«Mein Vater liebte es, auf den Hinterbeinen seines Stuhls zu balancieren», entsinnt sich Catherine Prouvé in Erinnerung an ihren Vater Jean. «Das ist die Position, die er einnahm, um über neue Erfindungen und Designlösungen nachzudenken. Er war der Einzige, der es schaffte, auf nur zwei Beinen vollständig still zu stehen.»
Diese Erinnerung der Tochter gibt uns einen Hinweis darauf, warum zwei Beine des bekanntesten Stuhls von Jean Prouvé – der Standard Stuhl – die typisch konische Form haben. Im Gegensatz zu den dünnen, stiftartigen Vorderbeinen des Stuhls verjüngen sich die hinteren, voluminösen Beine zum Boden hin. Sie bestehen aus geformtem Stahlblech, sind robust und dennoch leicht. Aber vielleicht genauso wichtig ist, dass sie sich für spielerische Zwecke einsetzen lassen und nicht nur als Sitzmöglichkeit.
Jean Prouvé wird im Allgemeinen als einer der grössten französischen Designer des zwanzigsten Jahrhunderts beschrieben. Er war ein produktiver Erfinder, enthusiastischer Lehrer und Ingenieur, Architekt, praktischer Arbeiter und visionärer Produzent seiner Entwürfe. Seine immense Begeisterung für Konstruktionen war universell, sie umfasste grosse Industriemaschinen, das Innenleben von Fotokameras oder die Logik von Sebastian Bach, bei der er nicht der Versuchung widerstehen konnte, ihre Klänge in höchster Lautstärke zu hören. Er sass am Steuer von Flugzeugen und Autos und konnte Stunden damit verbringen, an deren Motoren zu basteln. Jean mochte schnelle Autos und fuhr am liebsten Cabrio mit offenem Verdeck. Nach Aussage seiner Tochter «schloss er nicht mal das Verdeck, wenn es anfing zu regnen». «Er hat uns Kindern weisgemacht, dass der Regen einfach über unsere Köpfe hinausschiesst, wenn er nur schnell genug fährt.»
In den ersten dreissig Jahren seiner Karriere in den Ateliers Prouvé in Nancy, die Jean Prouvé 1931 nach seiner Ausbildung zum Kunstschmied gegründet hatte, arbeitete er an zahlreichen Designlösungen für alle möglichen Projekte von Holz- und Stahlblechmöbeln bis zu experimentellen Bauten. Sein Engagement für das Gemeinwohl führte nicht nur dazu, dass er während des Krieges in der französischen Résistance aktiv war – als Resultat wurde er später zum Bürgermeister von Nancy ernannt –, sondern zur Erschaffung einer vollständig neuen Palette von Möbeln, die den Zweck hatten, die Umgebung in Gebäuden wie Schulen, Krankenhäusern und Büros zu verbessern. Er entwarf für Obdachlose und entwickelte vorgefertigte Flüchtlings- und Ferienhäuser. Die Tropen-Fertighäuser aus dieser Zeit – das Maison Tropicale – sind zu einem der begehrtesten Schätze unter hoch bietenden Sammlern der Vintage-Architektur geworden.
In einem dieser «Fallstudienhäuser» wuchsen Catherine und ihre vier Geschwister auf. «In unserem Zuhause drehte sich alles um das Experimentieren. Wir lebten mit Prototypen, die sich laufend veränderten, da unser Vater ständig Verbesserungen vornahm oder Teile und Materialien austauschte, selbst wenn sich ein Stuhl längst in der Massenproduktion befand.»
Die Familienurlaube waren auch abenteuerlich. «Wir verbrachten einen Sommer alle zusammen in einem grossen Zelt, das unser Vater nur für diesen Anlass konstruiert hatte. Am Ende hat das «Schmetterlingszelt» aber die vierwöchige Prüfung wohl nicht bestanden, da es nie zu einem Produkt entwickelt wurde und meine Mutter sich im nächsten Jahr stattdessen für ein Wohnmobil entschied.»
Einige Jahre zuvor hatte die Familie eines der vorgefertigten Flüchtlingshäuser des Erfinders ausprobiert. «Es muss Anfang Juni 1946 gewesen sein, als ein Fertighaus auf einen Zug geladen und in die Bretagne transportiert wurde, wo Mutter auf die Lieferung wartete. Sie war ein paar Tage früher aufgebrochen, um einen geeigneten Ort zu finden, an dem das Haus über den Sommer aufgebaut werden konnte. Im Herbst wurde es wieder abgebaut, verkauft und zu den neuen Besitzern transportiert.»
«Wir waren wie eine Familie von Versuchskaninchen», sagt Catherine Prouvé lachend. Alles drehte sich um neue Ideen. Die Abendessen wurden damit verbracht, über neue Konstruktionsmöglichkeiten zu sprechen. Unter den häufigsten Gästen bei uns zu Hause waren Kollegen aus dem Werk, aber auch Kreative wie Le Corbusier und Alexander Calder, die auf einen Besuch bei uns vorbeischauten. «Meine Mutter hielt immer grosse Mengen an Lebensmitteln bereit. Sie wusste nie, wie viele Freunde mein Vater mitbringen würde. Manchmal waren es auch völlig fremde Personen, sogar Anhalter, die er auf einer seiner Fahrten zwischen Nancy und Paris mitgenommen hatte. Es konnte passieren, dass wir am Morgen ins Wohnzimmer kamen und einen Haufen Studenten aufschreckten, die auf den Cité-Sesseln übernachtet hatten.»
Eine derart ausgeprägte menschliche Note war für die damalige Zeit so ungewöhnlich, dass dies manchmal gegen ihn arbeitete. «Die Leute warfen meinem Vater vor, ein schlechter Geschäftsmann zu sein. Es stimmt, dass er nicht daran interessiert war, persönlichen Reichtum anzuhäufen. Der jährliche Gewinn wurde zuerst in neue Maschinen investiert, der Rest unter den Arbeitern aufgeteilt. Wenn Investitionen in Forschung und glückliche Arbeiter schlecht für das Geschäft sind – sei’s drum!» Catherine ist besonders empfindlich gegenüber dieser Art von Kritik an ihrem Vater, da es sie an die schmerzvolle Zeit erinnert, als ihm der Zugang zu seinen Werkstätten verwehrt wurde. In den 1950er Jahren hatten sich die Werkstätten zu einem grossen Industrieunternehmen entwickelt und der neue Finanzier, Aluminium Français, verfolgte eine aggressivere, verkaufsorientierte Strategie. Der Versuch, Prouvé den Blaumann zu verleiden und ihn zum Büroarbeiter zu machen, scheiterte. Hinter einem schicken Schreibtisch am Champs-Élysées im fernen Paris fühlte sich Prouvé vom eigentlichen Konstruktionsprozess im Werk abgeschnitten und war bald frustriert. 1956 verliess er seine Werkstätten mit den Worten: «Ich kann so nicht arbeiten.» Zu jenem Zeitpunkt hatte er über 50 Erfindungen patentiert.
Prouvé sagte einmal: «Baut für die Ewigkeit, dann können die Gegenstände Relikte aus der Vergangenheit werden. Baut für eine Generation, dann können sie mehrere Generationen überdauern.» Prouvés Forschung wird bei Vitra fortgesetzt. Ein kürzlicher Besuch der umfassenden Archive von Jean Prouvé führte nicht nur zu der Wiederentdeckung einiger wundervoller Stücke, die bereits in Vergessenheit geraten waren, sondern bestätigte auch, dass die Arbeiten von Jean Prouvé nach zwei Generationen immer noch zu den innovativsten und wirklich zeitgenössischen Designs zählen, die es gibt. Catherine Prouvé bringt es auf den Punkt: «Wer denkt nicht gerne bei einem Stuhl an mehr als nur einen Stuhl?»
Anniina Koivu






























