Der Architekturpark auf dem Vitra Campus in Weil am Rhein ist ebenso charakteristisch für das Unternehmen Vitra, wie die Wohn- und Büromöbel, die es produziert. Nach einem Brand im Jahre 1981, der den Grossteil der seit den 1950er-Jahren errichteten Produktionsgebäude auf dem Firmengelände zerstörte, ist an diesem Ort ein heterogenes Ensemble zeitgenössischer Architektur entstanden. Der Architekturkritiker Philip Johnson schrieb darüber: „Seit der Gründung der Weissenhofsiedlung in Stuttgart im Jahr 1927 wurden nirgends auf der Welt mehr Bauwerke von den herausragendsten Architekten der westlichen Hemisphäre errichtet“. Dabei haben die Architekten Wert darauf gelegt, ihre Bauwerke harmonisch in das umliegende Wohngebiet einzufügen und sie mit der Natur im Dreiländereck zu verschmelzen. Es liegt vor allem an der erstaunlichen Dichte und der Qualität der hier auf kleinem Raum versammelten Zweckbauten, dass sich der Vitra Campus zu einem Anziehungspunkt für Architekturliebhaber aus der ganzen Welt entwickelt hat.
Das VitraHaus ist der Flagshipstore von Vitra, hier werden die Möbel der Home Collection den Besuchern in inspirierenden Arrangements erlebbar gemacht. Vor diesem Hintergrund haben die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron bei ihrem Entwurf auf die Form des Urhauses zurückgegriffen: Häuser mit Giebeldach, die einer Ausstellung von Wohnmöbeln am meisten gerecht werden, haben sie in die Länge gezogen, ineinander gestapelt und an den Stirnseiten mit mächtigen Fenstern verglast.
Die Auskragungen der einzelnen 12 Häuser schweben bis zu atemberaubenden 15 Meter übereinander und ergeben einen „Häuserhaufen“, der beinahe chaotisch anmutet. Mit 57 Metern Länge, 54 Metern Breite und 21,30 Metern Höhe überragt das VitraHaus die übrigen Gebäude des Campus – und gibt so nicht nur einen Überblick über die Vitra Home Collection, sondern auch über die nähere und weitere Umgebung.
Das VitraHaus beeindruckt darüber hinaus mit einer Tages- und einer Nachtansicht: Sieht man tagsüber aus dem VitraHaus in die Landschaft, so strahlt das Gebäude bei Dunkelheit von innen, während seine eigene Form sich auflöst. Die Räume öffnen sich, die verglasten Stirnseiten werden sozusagen zu Vitrinen, die über dem Vitra Campus und der Umgebung leuchten.
Die vom japanischen Architekturbüro SANAA entworfene Produktionshalle ist mit Ausnahme der Fassade, die Ende 2012 fertiggestellt wurde, seit 2010 ein Bestandteil des Vitra Campus. Das Gebäude hat eine frei gerundete, nicht ganz kreisförmige Form und besteht aus zwei halbrunden Betonschalen, die miteinander verbunden wurden. Diese ovale Form optimiert logistische Abläufe, indem sie LKWs genügend Zirkulationsfläche bietet.
Die aus poliertem Stahl bestehende Bushaltestelle gibt durch die gläsernen Wände den Blick auf den Vitra Campus und das Weindorf Ötlingen frei. In den Bushaltestellen sitzt man auf von Charles & Ray Eames entworfenen und von Vitra produzierten Wire Chairs. Mit den beiden Bushaltestellen als Entree zum Vitra Campus schuf Jasper Morrison elegante Unikate in schlichter Form.
Die grosse, schlichte Backsteinhalle von Álvaro Siza, die an anonyme Fabrikgebäude des 19. Jahrhunderts erinnert, tritt hinter die Bedürfnisse der anderen Baukörper auf dem Gelände zurück. Am augenfälligsten wird dies an der geschwungenen Brückendachkonstruktion, die die Halle an das benachbarte Gebäude anbindet: Sie ist so hoch angebracht, dass der Blick auf das Feuerwehrhaus von Zaha Hadid nicht beeinträchtigt wird und senkt sich bei Regen automatisch ab, um den Logistikfahrzeugen die witterungsgeschützte Passage zum Grimshaw-Bau zu gewährleisten. Mit ihrer Backsteinverblendung nimmt die Siza-Halle formal Bezug auf die 1981 abgebrannten Produktionsgebäude.
Als Lehre aus dem Grossbrand von 1981 richtete Vitra eine Werksfeuerwehr ein. Den entsprechenden Bau übertrug man Zaha Hadid. Da eine Betriebsfeuerwehr nur den Ersteinsatz vornehmen, nicht aber die Arbeit der öffentlichen Feuerwehr ersetzen konnte, wurde sie einige Jahre später aufgelöst. Die Räume werden seither für Veranstaltungen oder Ausstellungen des Vitra Design Museums genutzt. Für Einsätze auf dem Vitra Campus ist heute die Weiler Feuerwehr in Kooperation mit den Basler Feuerwehren zuständig.
Das Feuerwehrhaus ist das erste Gesamtbauwerk von Zaha Hadid überhaupt. Es besteht aus Räumen für Feuerwehrautos, Duschen und Umkleideräume der Feuerwehrmänner sowie einem Besprechungsraum mit Küchenabteil. Das Feuerwehrhaus ist eine vor Ort in Beton gegossene Skulptur, die mit der rechtwinkligen Ordnung der benachbarten Hallen wie eine erstarrte Explosion kontrastiert. Durch den Verzicht auf Farben und rechte Winkel erleben Besucher im Gebäude ungewöhnliche Raumeindrücke.
1993 wurde mit dem Konferenzpavillon von Tadao Ando dessen erstes Bauwerk ausserhalb Japans fertiggestellt. In diesem stillen und zurückhaltenden Bau sind mehrere Konferenzräume vereint. Er zeichnet sich durch seine geordnete Gliederung aus, einen grossen Teil seiner Ausdehnung verbirgt der Baukörper unter Bodenhöhe. Bemerkenswert ist der zum Pavillon führende Pfad, der Meditationswege in japanischen Klostergärten zitiert. Da in Japan Kirschbäume von grosser traditioneller Bedeutung sind, versuchte Ando möglichst viele von ihnen zu erhalten. Lediglich drei Kirschbäume mussten dem Gebäude weichen.
Im Laufe der Jahre war bei Vitra eine Möbel- und Stuhlsammlung entstanden, die man der Öffentlichkeit zugänglich machen wollte. Am Anfang war lediglich ein Schuppen für ihre Aufbewahrung und Ausstellung beabsichtigt. Doch während der Planung für den ersten Bau von Frank Gehry in Europa änderte sich der ursprünglich vorgesehene Zweck. Es wurde, als unabhängige Stiftung, ein Museum gegründet, das sich der Erforschung und Popularisierung von Design und Architektur widmen sollte: das Vitra Design Museum.
Das Gebäude des Vitra Design Museums ist ein trotz seiner bescheidenen Ausmasse programmatisches Werk des Dekonstruktivismus, eine Collage aus Türmen, Rampen und Kuben. Seine expressiven Formen sind nicht willkürlich, sie werden durch ihre Funktion und die Lichtführung bestimmt. Auf zwei Etagen befinden sich ca. 700 qm Ausstellungsflächen, das Tageslicht tritt durch grosse Fensteröffnungen im Dachbereich ein.
Die Vitra Design Museum Gallery wurde 2003 als Annex der bereits seit 1989 bestehenden Pforte von Frank Gehry gebaut. Sie diente zunächst als Vitra Design Museum Shop, bis dieser 2010 in das VitraHaus umzog. Seit 2011 werden in der Vitra Design Museum Gallery, parallel zu den grossen Wechselausstellungen im Hauptgebäude des Vitra Design Museums, kleinere Ausstellungen und experimentelle Projekte gezeigt.
Das Pförtnerhaus markiert den Eingang zum nicht öffentlich zugänglichen Bereich des Vitra Campus, der nur im Rahmen einer Architekturführung besichtigt werden kann. Es beherbergt den Wachdienst des Firmengeländes sowie einen Raum für diverse Nutzungen. Bevor 2010 das VitraHaus, der Flagshipstore von Vitra, errichtet wurde, diente nur die Pforte als Tor zum Vitra Campus.
Die hinter dem Vitra Design Museum liegende Fabrikhalle entspricht in der Grösse und Höhe dem benachbarten Bau von Nicholas Grimshaw. Die klare Gliederung mit grossen Fensterflächen löst sich zum Museum hin auf, wo Rampen und Türme eine formale Verbindung zum Museumsbau bilden. Die Halle beherbergt nebst Produktionsräumen auch einen Showroom, die Kantine, Büros und das Testcenter, in dem Klassiker und neue Produkte von Vitra vielfältigen Belastungstests unterzogen werden. Im ersten Obergeschoss befinden sich Fenster, die einen Einblick in die ganze Halle und die dort laufende Produktion geben.
Nicholas Grimshaws erster Bau auf dem Vitra Campus wird 1981 als Bekenntnis zur industriellen Nutzung des Geländes und zur technischen Kompetenz des Unternehmens gesehen. Von der Planung bis zur Fertigstellung der Produktionshalle, die aus vorgefertigten Elementen errichtet wurde, vergingen lediglich die sechs Monate, welche die Versicherung nach dem Grossbrand abdeckte. Das mit horizontal gewellten Fassadenteilen aus Aluminiumblech versehene Gebäude enthält neben den Produktionsräumen zwei Showrooms.
In der 1986 erstellten, zweiten Fabrikalle Grimshaws befindet sich ausser den Produktionsräumen auch das Citizen Office. Dieses wurde von Sevil Peach 2010 geplant und eingerichtet. Die Gründerin des Londoner Designstudios Sevil Peach Gence Associates, SPGA, arbeitet seit über 10 Jahren mit Vitra zusammen und entwirft Büroumgebungen sowohl für und mit Vitra als auch für führende internationale Unternehmen.
Zum 70. Geburtstag von Willi Fehlbaum, dem Gründer von Vitra, schenkten ihm seine Kinder die Skulptur „Balancing Tools“. Auf dem Areal zwischen der Hauptstrasse und den Firmengebäuden errichtet, stellt sie die aufeinander gestellten Werkzeuge des Polsterers – Zange, Hammer und Schraubendreher – in übergrossen Dimensionen dar. Im Studio von Claes Oldenburg lernte Rolf Fehlbaum, der Chairman von Vitra, Frank Gehry kennen.
Durch Eindrücke aus dem 2. Weltkrieg beeinflusst, entwarf Richard Buckminster Fuller eine leichte geodätische Kuppel als Unterkunft für Truppenteile der Armee, Verwundete oder Flüchtlinge. Die Aluminiumröhren, die als Gerüst dienen, sind durch ein Stecksystem verbunden, das einen schnellen Auf- und Abbau ermöglicht. Buckminster Fullers Konstruktionsprinzip wurde 1954 in den USA patentiert.
Der Dome auf dem Vitra Campus entstand 1975 in Zusammenarbeit mit Thomas C. Howard bei Charter Industries und wurde 1978/79 in Detroit (USA) als Autosalon genutzt. Im Jahr 2000 wurde er von Rolf Fehlbaum auf einer Auktion erstanden und im selben Jahr in Weil am Rhein aufgestellt. Heute wird die Zeltkonstruktion als Veranstaltungs- und Ausstellungsraum genutzt.
Die von Jean Prouvé gemeinsam mit seinem Bruder Henry Prouvé entworfene Tankstelle gehört zu den ersten seriell hergestellten Tankstellen. Sie wurde ca. 1953 für die Firma Mobiloil Socony-Vacuum gebaut und stand am „Relais des Sangliers“ im Département Haute-Loire. Modular in Einzelteilen gefertigt, wurde sie 2003 als eines von noch drei existierenden Exemplaren auf dem Vitra Campus installiert.
Das Gebäude besteht aus winkelförmigen Aluminiumelementen und aus von Bullaugen durchbrochenen Blechen. Tragwerk und Wandaufbau sind deutlich – auch farblich – voneinander getrennt. Viele der aus vorgefertigten Metallelementen konstruierten Gebäude Prouvés sind statisch und formal fast identisch mit seinen Tischentwürfen und zeigen auf, wie konsequent er die Gestaltung aus tektonischen Belastungen abgeleitet hat.
Der originale Airstream-Wohnwagen, Modell Globetrotter 20‘ von 1968, wurde von einem Trucker-Scout in Nevada gefunden und per Schiff nach Hamburg gebracht. Seit seiner Restauration im Jahr 2011 ist er im Besitz von Vitra und ein Teil des Vitra Campus geworden. In den Sommermonaten wird er als Take-Away genutzt und erweitert so das kulinarische Angebot auf dem Vitra Campus.
Mit „Diogene“ entwickelten Renzo Piano und sein Architekturbüro Renzo Piano Building Workshop eine Wohneinheit, die auf einer bescheidenen Wohnfläche von 6m² alle elementaren Funktionen des temporären Wohnens unter einem Dach vereint. Als moderne Interpretation einer archaischen Hütte ist „Diogene“ das grösste Produkt von Vitra, aber gleichzeitig auch das kleinste Objekt des Architekturensembles in Weil am Rhein. Das Objekt ist benannt nach dem griechischen antiken Philosophen Diogenes von Sinope (italienisch „Diogene di Sinope“), der in einer Tonne lebte, weil er weltlichen Luxus für überflüssig hielt.
Entspricht Diogene äusserlich dem Bild eines einfachen Hauses, so ist es in Wahrheit ein hochkomplexes technisches Gebilde, das sowohl im Betrieb als auch in der Produktion und Entsorgung den höchsten Ansprüchen an Nachhaltigkeit und Energieeffizienz gerecht wird. Sei es als Zweithaus in der freien Natur, Arbeitsraum im eigenen Garten oder für eine temporäre Installation, ermöglicht das Objekt den Traum der minimalen Behausung und bietet einen Rückzugsort für den neuzeitlichen Diogenes – einen Stadtnomaden, der sich nach der Rückkehr zu einer einfachen Lebensform sehnt, weit entfernt von der Geschwindigkeit, vom Lärm und von den vielfältigen Reizen der vernetzten und globalisierten Welt.
Auf einer Architekturführung des Vitra Design Museums erfahren Sie die Hintergründe zu den Gebäuden von Tadao Ando, Zaha Hadid, Herzog & de Meuron, Frank Gehry, Nicholas Grimshaw, Álvaro Siza und SANAA, sowie zu den Bauten von Richard Buckminster Fuller und Jean Prouvé. Öffentliche Führungen mit einer Dauer von ca. 2 Stunden finden täglich um 11, 13 und 15 Uhr auf Deutsch sowie um 12 und 14 Uhr auf Englisch statt. Gruppen ab zehn Personen werden gebeten, sich vier Wochen im Voraus für eine private Führung anzumelden. Weitere Informationen finden Sie unter www.design-museum.de/architekturfuehrungen.
Kontakt:
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