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Vitra.

Collage'

Bewährtes fortgesetzt - die neue Produktionshalle von Antonio Citterio

Die Suche nach guter Industriearchitektur gleicht (überall auf der Welt) dem ähnlich verzweifelten Bemühen, eine im Heuhaufen verloren gegangene Stecknadel wiederzufinden. Egal in welcher Ecke der Republik man nach positiven Beispielen sucht – in fast jedem Industrie- oder Gewerbegebiet wird man erschlagen von der phantasielosen Aneinanderreihung typisierter Systemhallen, zusammengefügt aus Sandwichpaneelen oder massiven Fertigelementen. Die Fassaden dieser Produktionsgebäude und Lagerhallen mit beigestellten Bürotrakten zeigen sich entweder eintönig und langweilig oder geben sich übermässig schrill und laut. Je nachdem, ob die Frage nach der Architekturqualität falsch oder gar nicht beantwortet worden war – sofern sie denn überhaupt je gestellt wurde. Auch das Industriegebiet vor den Toren der Stadt Neuenburg am Rhein, unweit der BAB 5 Karlsruhe-Basel gelegen, macht da keine Ausnahme – auf den ersten Blick. Wer sich jedoch die Mühe macht, seinen Streifzug bis ins hinterste Eck der anarchistisch bepflanzten Baufelder fortzusetzen, stösst am Ende der Strasse auf zwei fast zwillingsgleiche Bauten, die sich mit hohem Niveau, klarem Stil und fester Ordnung dem Chaos der dahin gewürfelten Industriebauten entgegenzustemmen versuchen. Beide Hallen tragen die Handschrift des Mailänder Architekten und Designers Antonio Citterio, der bei der Planung des in zwei Etappen entstandenen Vitra Logistik- und Produktionscenters seinem Markenzeichen treu geblieben ist: der Reduktion, die sich allein auf die Funktion fokussiert – sei es bei seinen Bauten oder den von ihm designten Industrieprodukten.

So konsequent Citterio seinen kreativen Weg geht, so standhaft hält Rolf Fehlbaum, der Inhaber von Vitra, an seinem Faible fest, mit jeder baulichen Erweiterung seines Unternehmens ein weiteres Stück Architekturgeschichte zu schreiben. Somit kam es auch bei dieser Produktionsstätte fernab des Vitra Campus in Weil am Rhein nicht in Frage, das Projekt an irgendeinen Planer zu vergeben, sondern auch dafür einen Architekten von Rang und Namen zu beauftragen. Im Gegensatz zu der auf dem Vitra Campus versammelten Gegenwartsarchitektur, wo sich die Bauten der irakisch-englischen Architektin Zaha Hadid, des Kaliforniers Frank Gehry, der Japaner Tadao Ando, Kazujo Sejima und Ryue Nishizawa (beide SAANA), des Portugiesen Álvaro Siza sowie der Schweizer Jacques Herzog und Pierre de Meuron aneinanderreihen, führen die im Abstand von 16 Jahren fertig gestellten beiden Hallenbauten in dem tristen Industriegebiet in Neuenburg im Grunde ein Mauerblümchendasein. Zu Unrecht, denn bereits der 1992 bezogene, erste Hallenbau Citterios setzt das Corporate Image von Vitra in direkten Bezug zu seinen Produkten: die glänzenden Aluminium-Sandwich-Paneele des rund 6.000 Quadratmeter fassenden "Hangars" bestehen aus einem Material, aus dem Vitra auch Stühle und Möbel herstellt. Die massiven V-Holzstützen, die das weit auskragende Vordach tragen, versteht Citterio als Hommage an die umliegenden Scheunen und Bauernhöfe, die diesem ländlich geprägten Ort sein Gesicht geben. Doch anders als bei den düsteren Schwarzwaldhäusern mit ihren bis zum Boden reichenden Dächern braucht es weder in den aus der Längsfassade hervortretenden Büros noch im Inneren der Halle tagsüber einen Schalter für das Kunstlicht, um sich zurechtzufinden und seiner Arbeit nachzugehen. Die optimale Nutzung des Tageslichts ist bei beiden Hallenbauten ein wesentlicher Teil des Planungskonzepts, um den Stromverbrauch auf möglichst niedrigem Niveau zu halten. Insofern steht bereits der erste Abschnitt des Vitra Logistik- und Produktionscenters ganz im Zeichen einer Identität stiftenden Industriearchitektur, die sich zudem einem hohen Gebrauchswert verpflichtet und für die der italienische Architekt in Bau und Betrieb ein Ressourcen schonendes Konzept verfolgt hat.

Was aber hat Antonio Citterio bewogen, 16 Jahre später einen solitären Erweiterungsbau in dasselbe Kleid zu stecken? Gingen ihm die Ideen aus? Entsprach die Kopie womöglich einem geheimen Masterplan? Hatte Vitra keine Lust mehr auf architektonische Experimente jenseits des Campus? Keine dieser Mutmassungen trifft natürlich zu – das Motiv Citterios, sowohl die Gestalt als auch das Konstruktionsprinzip des Vorgängerbaus auf den ungefähr doppelt so grossen Neubau zu übertragen, lag darin begründet, dass sich das rationale Modul-System im Kern bewährt hatte und ein Ensemble aus zwei identischen, klar strukturierten Gebäudekörpern der umgebenden Patchwork-Architektur nachhaltiger Paroli bieten würde, als die Implementierung eines weiteren starken Solitärs – egal, wie überzeugend dieser daherkommt. Zudem bot die Wiederholung identischer Baustrukturen die Chance, aus vergangenen Fehlern zu lernen und die betrieblichen Erfahrungen aus den letzten 16 Jahren mit dem Vorgängerbau ebenso einfliessen zu lassen wie die technologischen Fortschritte bei den heute verfügbaren Bauprodukten und -elementen.

Als Grundlage für die Neukonzeption wurden die (bau-) technischen, energetischen und betrieblichen Kennwerte der älteren Halle analysiert und die verbesserten neuen Vorgaben in einem Pflichtenheft festgeschrieben. Dessen Kernaussage fordert ein optimiertes Arbeitsumfeld – befördert sowohl von einem flexiblen Raumkonzept, als auch von einer Gebäudetechnik, die auf die Nutzung regenerativer Energien ausgerichtet ist. Geheizt wird das Gebäude über eine Fussbodenheizung. Dafür wurden in der zum Erdboden gut gedämmten Bodenplatte insgesamt 36 Kilometer Leitungen verlegt. Während beim Vorgängerbau lediglich 100 mm Mineralwolle unter der Zinkblecheindeckung die Wärme zurückhalten, hat Citterio bei dem neuen Metall-Leichtdach 60 Millimeter zusätzlich draufgepackt. Auch die mit Hartschaum gedämmten Sandwich-Paneele der Aussenwände erreichen natürlich deutlich bessere U-Werte. An heissen Sommertagen führen die insgesamt 16 jeweils 35 Meter langen Oberlichtbänder unbehagliche Stauwärme rasch ab, was automatisierte Öffnungen in der Fassadenverglasung nach Kräften unterstützen. Als Wärmequelle für die Heizung dient eine 85-kW-Wärmepumpe. Diese wird mit rund 15 °C warmem Schichtenwasser aus dem Oberrheingraben gespeist, zu dem ein Saug- und Schluckbrunnen bis in die Tiefe von 26 Metern hinabreicht.

Den Strom für die Wärmepumpe liefert eine Photovoltaikanlage auf dem Dach. Sie versorgt die Heizungsanlage aber nicht direkt, sondern durch das Einspeisen von jährlich rund 112.000 kWh ins Stromnetz. Der Stromertrag entspricht ziemlich genau der Leistungsaufnahme der Wärmepumpe oder analog dem Strombedarf von 25 Einfamilienhäusern. Unbeschadet der Zuteilung vermeiden die in der Dachdichtung integrierten Photovoltaikmodule CO2-Emissionen von etwa 60 Tonnen pro Jahr. Den tatsächlich verbrauchten Strom kauft Vitra als Ökostrom aus Wasserkraft. Das gilt nach den 1993 formulierten Leitlinien des Unternehmens für umweltbewusstes Handeln indes für alle Betriebsstandorte – und damit auch für das ältere Pendant der besseren Hälfte.

Die Energieeinsparungen gegenüber der älteren Halle sind beträchtlich: Der Strombedarf des doppelt so grossen Neubaus liegt 15 bis 20 Prozent niedriger, was einerseits auf die optimale Nutzung des Tageslichts zurückgeht, andererseits aber auch dem BUS-gesteuerten Beleuchtungskonzept zu verdanken ist. Diese Technologie ermöglicht sowohl das beliebig programmierbare, automatische Ansteuern der Beleuchtung mit Zeit- und Gruppenszenarien, als auch das individuelle Schalten und Dimmen jeder einzelnen Leuchte von Hand. Übergeordnet wird die Lichtzuteilung über Sensoren gesteuert, die das Kunstlicht mit dem einfallenden Tageslicht energiesparend koordinieren. Besonders gravierend reduzierte sich der Energiebedarf für die Heizung: Während die Heizanlage im Vorgängerbau in den ersten drei Monaten des Jahres 2009 rund 40.000 Kubikmeter Gas verbrannte, kam der Neubau dank zusätzlich installierter Wärmepumpe und der besser gedämmten Hülle im gleichen Zeitraum auf gerade einmal 6.500 Kubikmeter. Und das bei doppelter Fläche und einer um 1,5 Meter aufgestockten Innenhöhe auf nunmehr acht Meter.

Die Erweiterung der nutzbaren Innenhöhe schafft auf der Gesamtnutzfläche von rund 12.000 Quadratmetern deutlich mehr Stauraum. Die Grundfläche der neuen Halle lässt sich wegen eines auf 25 Meter erweiterten Stützenrasters zudem sehr flexibel nutzen. Dass die beiden Hallenbauten nicht direkt miteinander verbunden sind, ist kein Nachteil – einerseits liessen sich die Funktionen und Produktionsabläufe sauber auf beide Gebäudeteile aufteilen, anderseits erlaubt ein zwischen den Rampen beider Hallen pendelnder, automatisch gesteuerter Containershuttle problemlos den Austausch der Güter.

Im Detail besehen hat Antonio Citterio den Vorgängerbau nur äusserlich kopiert, im Kern jedoch perfektioniert. Der 16 Jahre später geborene Zwilling belegt, dass sein älterer Bruder keineswegs einer sich überlebten Generation angehört, sondern eher zu den zeitlosen, wandlungsfähigen Spezies zählt, denen man das Alter nicht so schnell anmerkt. Immerhin waren die betrieblichen Erfahrungen im Vorgängerbau über 16 Jahre hinweg so positiv ausgefallen, dass nichts gegen einen äusserlich unveränderten Erweiterungsbau sprach – was die Qualität der Industriearchitektur von Antonio Citterio einmal mehr unterstreicht. Die energetischen Verbesserungen, die Optimierungen des Lichtkonzepts und das erweiterte Raumangebot qualifizieren daher den Vorgänger keineswegs ab, sondern zeigen, welches Potenzial in einer hochwertigen Industriearchitektur steckt. Anders als viele der umliegenden Systemhallen von der Stange zeigt Vitra mit seinem neuen "alten" Logistik- und Produktionscenter, dass man vorhandene Ressourcen zu nutzen versteht. Mehr als nur eine Hommage an die Nachhaltigkeit.

Klaus Siegele

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