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Vitra.

Collage'

Design seems like a teenager to me

Auf dem Salone del Mobile 2008 stellte Vitra drei neue Konzepte von Jasper Morrison vor, eines Mannes also, der für seinen minimalistischen und rationalen gestalterischen Ansatz bekannt ist. Neben dem Place Sofa und dem mit dunkelbraunem Leder überzogenen Loungesessel Monopod zeigte der Hersteller auch Morrisons aus Kunststoff und Holz gefertigten Basel Chair. Jasper Morrison und sein japanischer Kollege Naoto Fukasawa präsentierten vor zwei Jahren zum ersten Mal Super Normal-Entwürfe (Möbel ohne Schnickschnack) in Tokio und sorgten damit für einige Aufregung. Das Debüt wurde von einem Buch mit dem Titel Super Normal: Sensations of the Ordinary begleitet, das Morrison ‘als perfekte Zusammenfassung dessen betrachtet, was Design sein sollte, wobei dies heute mehr als jemals zuvor gelte’. Die Botschaft des Designers lautet, dass das Super Normal(e) Objekt einer langen Tradition von Entwicklungsfortschritten entspringe, wobei es die historisch gewachsene Formgebung nicht als obsolet hinter sich lasse, sondern sie vielmehr zusammenzufassen suche und das Objekt seinen Ort in der ‘Gemeinschaft der Dinge’ anerkenne.


Frame: Welche Reaktionen gab es auf die Super Normal Ausstellungen?

Jasper Morrison: Die Resonanz auf die Ausstellungen in Tokio und Mailand war sehr unterschiedlich, vielleicht aufgrund der verschiedenen Präsentationsformen. Die Premiere in der Axis Gallery war ein Erfolg, da sie nicht inmitten des Messetrubels stattfand und den Entwürfen den Raum bot, für sich zu stehen. Die Ausstellung in Mailand hingegen ging etwas in der programmfüllenden Masse der Ausstellungen des Salone del Mobile unter. Davon abgesehen schien das allgemeine Publikum die Präsentation zu mögen. Leider hatten wir nur wenige Reaktionen auf Super Normal aus der Designszene. Einige unserer Kollegen äußerten sich ziemlich negativ und nahmen uns übel, dass wir entschieden hatten, ihre Entwürfe nicht zu zeigen. Ich hatte gehofft, dass die Initiative von mir und Fukasawa eine Diskussion in der Designfachwelt anregen würde – eine Debatte über die Rolle des Designs heutzutage. Aber ich bin irgendwie auch nicht überrascht, dass das nicht passiert ist. Die Designszene ist in den letzten paar Jahren in viele Fragmente auseinander gefallen und viele unserer Kollegen interessieren sich mehr für sich selbst als für Design als Thema im übergreifenden Sinne. Super Normal wirft Fragen in Bezug auf den Sinn und Zweck von Design auf und das ist ein heikles Thema.


Frame: Wie wird sich Super Normal auf Ihre zukünftige Arbeit auswirken?

JM: Fukasawa und ich haben ein paar Veränderungen für die bestehende Super Normal Ausstellung für die ICFF in New York vorgenommen und wir diskutieren nach wie vor gerne über das Thema, aber darüber hinaus sind aktuell keine gemeinsamen Projekte geplant. Super Normal wird jedoch weiterhin eine massgebliche Rolle in meiner Arbeit und meinem Denken spielen, denn ich bin überzeugt, dass Design Super Normal sein sollte, heute mehr denn je zuvor. Der Basel Chair für Vitra ist für mich ein Schritt in die Richtung eines realistischen Designs, das das visuelle und materielle Umfeld einbezieht. Ich habe, wie so viele andere Designer, Kunststoffstühle in verschiedenen Farben entworfen und dann sieht man sie auf den Bürgersteigen rumliegen und schämt sich für seine Arbeit und den ganzen Berufsstand. Das ist sozusagen Design zur visuellen Umweltverschmutzung, ein heutzutage sehr verbreitetes Phänomen und ich finde, es ist an der Zeit, dass wir als Designer Verantwortung für das von Menschen geschaffene Erscheinungsbild unserer Umwelt übernehmen. Super Normal zeichnet sich über das Visuelle und Formale hinweg durch andere Eigenschaften aus. Aufgrund der exzessiven Medienberichterstattung richten viele Designer ihr Augenmerk eher auf ein spektakuläres Erscheinungsbild, um die Entwürfe entsprechend auf den Seiten der Hochglanzmagazine zu positionieren, als auf Problemlösungen oder Reflektionen über einen Gesamtzusammenhang und die Frage, was langfristig gesehen gutes Design ausmacht.

Frame: Wie finden Sie den gegenwärtigen Hype um limitierte Auflagen?

JM: Früher fand ich, dass limitierte Auflagen das Letzte sind, mittlerweile sehe ich das nicht mehr ganz so eng. Ich beginne sogar, die Widersprüche in meiner Arbeit zu mögen, da sie ihr in gewisser Weise neuen Antrieb geben. Limitierte Auflagen wie der Cork Chair für Vitra gewähren mir die Freiheit, Entwürfe zu machen, ohne dabei die durch die Massenproduktion auferlegten Beschränkungen im Kopf zu haben. Limitierte Auflagen bieten Spielräume für frische Ideen, wovon einige dann zu Serienprodukten werden können. Der Monopod zum Beispiel, der neu Teil der Vitra Home Collection ist, basiert auf dem Cork Chair, den ich für die Vitra Edition entworfen habe. Die grundlegende Form ist die gleiche, aber das Material wurde den Anforderungen der Serienproduktion angepasst.


Frame: Wie experimentell kann eine limitierte Auflage des Cork Chair sein, wenn es so leicht ist, ihn in ein Industrieprodukt zu verwandeln?

JM: Cork Chair ist nicht das einzige Produkt aus einer limitierten Auflage, das ich für die Serienproduktion weiterentwickelt habe. Ich habe auch die Carrara Tischserie für Galerie Kreo konzipiert, die Cappellini später in massiver Eiche produziert hat. Diese Form der Weiterentwicklung dient mir teilweise als Rechtfertigung dafür, dass ich limitierte Auflagen mache. Durch sie finden Designer Lösungen, auf die sie ansonsten keinesfalls gekommen wären. Allerdings ist es bedauerlich, dass nur jene Leute Design aus einer limitierten Auflage erwerben können, die das nötige Geld dafür haben. Warum also nicht ein Industrieprodukt daraus machen, das man für einen günstigeren Preis erwerben kann? In der Geschichte des Möbeldesigns gibt es viele Beispiele für Produkte, die ursprünglich auf eine spezielle Weise gefertigt und später für die industrielle Produktion weiterentwickelt wurden und grosse Verbreitung fanden. Wenn Sie finden, dass die Zeit diesbezüglich ein Kriterium ist, dann sollten Sie bedenken, dass die Konzeption des Cork Chair nunmehr ein Jahr zurückliegt. Und es vergeht sicherlich ein weiteres Jahr, bevor Monopod, das Serienprodukt mit Lederpolsterung, in den Läden erhältlich sein wird. Ein wichtiger Aspekt ist zudem, dass bei Auftragsmöbeln diese ganzen lächerlichen Standards, die man erfüllen muss, ins Spiel kommen. Im Rahmen der Weiterentwicklung des Cork Chair zu einem Auftragsmöbel mussten wir das Fussteil 8 kg schwerer machen und die Standfläche vergrössern, um Standards zu erfüllen, die sich irgendwelche Idioten in Brüssel ausgedacht haben, um andere Idioten davor zu bewahren, von Stühlen zu fallen. Und das ist nur ein Beispiel für die Beschränkungen, mit denen Designer sich herumschlagen müssen.


Frame: Aber finden Sie nicht, dass Design für das grosse Geld dem Konzept von Super Normal widerspricht?

JM: Design ist eine der wenigen visuellen Disziplinen, der so viele Beschränkungen auferlegt werden. Ab einem bestimmten kreativen Level gibt es weniger Beschränkungen als im Produktdesign – in der Kunst, Architektur, Mode oder im Grafikdesign zum Beispiel. Solche Beschränkungen können inspirierend und sogar hilfreich sein, aber manchmal ist ein Objekt nicht so gut wie es eigentlich hätte sein können, weil eine Einschränkung auf ein bestimmtes Material erfolgt ist oder aus wirtschaftlichen oder technologischen Überlegungen einem bestimmten Verfahren der Vorzug gegeben wird. Ich verstehe nicht, warum es schlecht sein soll, Designern die gleiche Freiheit in ihren Ausdrucksformen zuzugestehen wie dies in anderen Disziplinen der Fall ist.


Frame: Established & Sons zeigt eine Fortsetzung Ihrer Crate Series. Welche Idee verbirgt sich hinter diesen Objekten?

JM: Als ich The Crate, das erste von einer Weinkiste inspirierte Objekt dieser Serie entwarf, überraschten mich die kontroversen Reaktionen. Es war interessant, wie unterschiedlich die Leute auf diese Holzkiste reagierten – von totaler Ablehnung und Kommentaren, wie zynisch dieser Entwurf sei, bis zu echter Begeisterung gab es alles. Bemerkenswert ist doch, dass im gleichen Jahr, in dem ich die Idee hatte, eine Weinkiste als Nachttisch zu benutzen, sich andere Designer mit Modedesignern zusammentaten, um Stühle zu entwerfen, die Kleider tragen können! Ich entschied mich, der Serie jedes Jahr einige Objekte hinzuzufügen, um sie zu einer der grössten existierenden Möbelserien zu machen, zum einen weil ich ein bisschen nerven wollte und zum anderen weil ich mich für die Art und Weise interessiere, wie man praktische Lösungen findet, die gute Laune verbreiten. Es klingt vielleicht altmodisch, aber ich finde die dem Projekt zugrunde liegende Idee, nämlich Objekte zu entwerfen und zu entwickeln, die sich positiv auf die Atmosphäre ihres Umfeldes auswirken, immer noch sehr inspirierend.


Frame: Und was ist als Nächstes geplant, ausser weiteren Crate Möbeln?

JM: Wir werden weiter für so spannende Kunden wie Vitra, Flos, Cappellini, Alessi oder Magis und auch für Unternehmen wie Samsung und Muji tätig sein. Dann gibt es andere urbane Planungsprojekte, wo es zum Beispiel um die Gestaltung eines Dorfplatzes und eines Platzes in Turin geht. Für die schweizerische Uhrenfirma Rado entwickeln wir eine neue Uhr, das ist auch ein spannendes Projekt.



Frame: Was glauben Sie, wie wird sich die Designszene in den nächsten paar Jahren entwickeln?

JM: Design erinnert mich in gewisser Weise an Teenager: es heischt nach Aufmerksamkeit, ist laut, penetrant und auf eine seltsame Weise unausgereift. Die Hersteller werfen wie verrückt schlecht durchdachtes Design auf den Markt. Wir hoffen, dass mit Super Normal der Reifungsprozess vorangetrieben, das Substantielle zum Vorschein gebracht wird und die Leute ermutigt werden, gutes Design zu respektieren. Ich glaube, dass sich ein Verständnis für das Wesentliche des Designs herauszubilden beginnt. In Paris ist mir zum Beispiel aufgefallen, dass die Cafés ihren Designer-Look zugunsten einer natürlicheren Atmosphäre ablegen. Ich meine, wer will heutzutage schon in einem Design-Café sitzen?


Jaspers Portrait


Dieser Text wurde in der Zeitschrift Frame erstveröffentlicht.

Text: Kristina Raderschad

Fotos: Andrew Meredith & vitra

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