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Verwerfen

/ Chair, Design Naoto Fukasawa

Um Naoto Fukasawas Arbeit zu verstehen, muss man wohl zunächst einmal die Welt ausblenden und sich im Geist an einen ruhigen Ort versetzen. Es geht darin mehr um ein Spüren und Wahrnehmen als um explizites Denken. In den letzten Jahren arbeitete Fukasawa an seinem Konzept „without thought“. Es handelt sich dabei um den Versuch wiederzuentdecken, wie Menschen unbewusst alles in ihrer Umgebung Geeignete und Verfügbare für ihre Bequemlichkeit – und optimale Funktionstüchtigkeit – einsetzen. In diesem Bestreben möchte Fukasawa sie durch Formen unterstützen, die sich möglichst weitgehend „auflösen“. Sich auflösende Formen? Lassen Sie mich das etwas ausführen. Stellen Sie sich zwei Situationen vor: Sie sind auf einem steil ansteigenden Bergpfad unterwegs. Während Sie schwer atmend aufsteigen, fühlen Sie sich durch eine zufällige Felsformation am Boden an eine Treppe erinnert. Oder Sie betreten an einem regnerischen Tag das Haus eines Freundes und da steht kein Schirmständer: Sie würden die Spitze Ihres Schirmes sorgfältig in einer Fuge zwischen den Fliesen platzieren, damit er nicht umfällt. Wenn hier von „sich auflösen“ die Rede ist, so sind Objekte gemeint, die sich in ihrer jeweiligen Umgebung auflösen, in ihr aufgehen, Teil des Ganzen werden. Für Fukasawa sieht der Idealfall wie folgt aus: Der gestalterische Akt ist vollendet und der Zweck ist erfüllt – doch das gestaltete Objekt ist fast abwesend – aufgelöst in seinem Umfeld. Also wäre im zweiten Beispiel sein idealer Schirmständer kein Kübel, sondern eher eine schmale Rinne am Boden, die von den Gästen vielleicht als Gelegenheit zum Deponieren des Schirms erkannt wird, vielleicht aber auch nicht. Fukasawa stützt sich bei seinem Ansatz auf das Werk des amerikanischen Psychologen James J. Gibson (1904–1979); dieser hat den Begriff der Affordanz (engl. affordance) geprägt, um das komplementäre Verhältnis zwischen Tieren (und Menschen) und ihrer Umwelt zum Ausdruck zu bringen. Fukasawa glaubt, dass wir laufend mit Affordanzen konfrontiert sind – wie etwa der „Treppe“ im Fels – und dass wir diese, wie primitive Tiere, auch laufend lesen und spüren, wenn wir gehen, sehen, etwas berühren, usw.

Fukasawa entdeckt selbst in den kompliziertesten modernen Umgebungen noch Affordanzen. Beispielsweise geht ein Teenager in Tokio durch die Untergrundbahnstation und schreibt ein SMS. Während sein Blick auf den kleinen Bildschirm seines Mobiltelefons gerichtet ist, bewegt er sich munter dem höckerigen gelben Plastikstreifen entlang, der ursprünglich als Orientierungshilfe für Blinde am Boden angebracht wurde, sich ihm aber zu anderweitiger Nutzung anbietet. Die Umwelt verdankt ihre Gestalt nicht nur der Natur, sondern auch Objekten, die von Menschen gemacht sind, gesellschaftlichen Sitten, Trends und sogar unseren Launen. Und wie steht es mit Stühlen? Für die Vitra Edition sucht Fukasawa die einfachste und bildhafteste Beziehung zwischen uns und der Umgebung herauszufiltern, wenn wir uns in unterschiedlichen Situationen hinsetzen. Auch wenn die Absicht des Designers dem Sitzenden möglichst nicht bewusst werden soll, ist sein Witz doch deutlich erkennbar. Seine Arbeit versteht: Während sich Menschen durch die Welt bewegen, antizipiert die Umwelt ihr Tun und Treiben und reagiert darauf, häufig wohlwollend. Noriku Takiguchi

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14 April 2008.