Recht genau 30 Jahre vor der ersten Super Normal-Ausstellung in der Axis-Galerie in Tokio, fand auf der Mathildenhöhe in Darmstadt, einem Zentrum des deutschen Jugendstils, die Ausstellung „Das gewöhnliche Design“ statt. Friedrich Friedl und Gerd Ohlhauser präsentierten damals Fahrradreifen, Dübel, Taschentücher, Flaschenöffner, Aktenordner und Wäscheklammern in den Räumen der dortigen Fachhochschule für Design. Bundesrepublikanische Haushaltswaren der siebziger Jahre wurden zu Studienobjekten erklärt. Bazon Brock, Professor für Ästhetik in Wuppertal, hielt damals die Eröffnungsrede. Darin hiess es: „Wir müssen unsere gegenwärtige Alltagswelt so analysieren und verstehen, als handle es sich um den Alltag einer historischen Gesellschaft. Beispielsweise um die Alltagswelt Pompejis in der Zeit vor 79 vor Christus, als der Vesuv diese Stadt für alle Zeiten verschüttete und damit für uns erhielt.“ Auf den ersten Blick wirkt ihre programmatische Ausstellung von 110 Objekten, die sich damals gegen die Dominanz und den allzu weihevollen Umgang mit dem Jugendstil in Darmstadt wandte, wie ein Vorläufer des Super Normal-Projekts. Bei genauerer Betrachtung stand damals allerdings eher die Banalität der Dingwelt im Vordergrund: Kaum ein Produkt der Zusammenstellung war teurer als drei bis fünf D-Mark, nicht ohne Witz und Hintersinn setzte man Badewannenstöpsel, Pappteller, Bleistifte und Bierflaschen in Vitrinen den floral ornamentalisierten, kostbaren Möbel und Leuchten des Jugendstils mit ihren fliessenden Formen und ihrer exaltierten Gestik entgegen. Ausstellungsort und -Zeitpunkt spielten im Darmstadt von 1976 also eine ganz entscheidende Rolle, während Fukasawas und Morrisons Super Normal-Präsentation in jedem Land der westlichen Welt die gleiche Botschaft und Aussagekraft hat, und inhaltlich ähnlich langlebig ist wie einige der von ihnen ausgewählten Produkte.
Warum also ist gerade heute das Sichtbarmachen des Supernormalen notwendig? Um dies zu beantworten, genügt der Besuch von ein paar Kaufhäusern, Supermärkten, Messen und Websites, genügt ein flüchtiger Blick in Lifestyle-Magazine und Coffeetable-Books: Das vordergründig Spektakuläre und Pseudo-Moderne ist im Produkt-Design längst zur Normalität geworden, überflüssige Features, Ellypsen, dynamische Wölbungen, Perforationen und Effektlacke beherrschen das Bild heutiger Formgebung. Das gilt für die meisten Autos (innen wie aussen), genauso wie für Sportartikel, HiFi-Geräte, Uhren oder Möbel. Vom Packaging Design ganz zu schweigen. Fukasawa dagegen hat vor einigen Jahren die leuchtend gelbe, aufrecht stehende Verpackung für einen Bananensaft so gestaltet, das ihre leicht bräunlichen Kanten an die Banane selbst denken lassen, ohne ihre typische Krümmung zu imitieren. Ihre Tülle indes lässt sich mit der gleichen Handbewegung öffnen, wie man eine Banane schält. Wäre es nicht super, wenn solches Design irgendwann einmal normal würde?
Gerrit Terstiege
Gerrit Terstiege ist Chefredakteur des Design-Magazins form und seit 2003 Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Design-Theorie und -Forschung. Er war Autor für das Handelsblatt, Dozent an den Design-Hochschulen in Karlsruhe, Basel und Zürich und Vertretungsprofessor für Design- und Mediengeschichte an der Fachhochschule Mainz.
Dieser Text wurde 2007 in dem Buch „Super Normal – Sensations of the Ordinary“ bei Lars Müller Publishers erstveröffentlicht. ISBN 978-3-03778-106-7 www.lars-mueller-publishers.com

09 April 2008.