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Vitra.

Collage'

Vitra und die Ökologie des Gebrauchswerts

Die Frage nach der ökologischen Rechenschaft eines Konzerns wird normalerweise in einer Art besprochen, der man schwerlich allzuviel Interesse abgewinnen kann. Sie wird gewöhnlich verhandelt als moralisches Bekenntnis zu einem gesellschaft-lich geltenden Massstab.

Anstatt als Pflicht, die von aussen an Unternehmenszwecke herangetragen wird und primär Kosten für sie bedeutet, kann man den Zusammenhang der ökologischen Konsequenzen der Produktion eines Gebrauchsguts freilich auch als Teil von dessen eigenem Nutzen betrachten. Als eine Design-Frage.

Die Sensibilität für Umweltthemen hat sich infolge von Umweltkatastrophen und exponentiell wachsenden Müllmengen in den Industrienationen Anfang der 80er Jahre entwickelt und schliesslich zu einem gesellschaftlichen Konsens geführt. Nicht erst dieser Umschlag hat allerdings den Anfang des Reflektierens auf die Thematik bei Vitra markiert. Es war wiederum die Denktradition der Eames, die die Auffassungen bei Vitra von Beginn an strukturiert hat. Obgleich es die Ter-mini Umweltbelastung und Ökologie damals nicht gegeben hat, bestand für Charles und Ray Eames Design immer im Entwurf eines ethischen und eines gesellschaftlichen Zusammenhangs. Sie wollten Alltagsobjekte mit hoher Qualität für einen möglichst geringen Preis möglichst vielen Menschen zugänglich machen. In der industriellen Produktion erblickten sie dafür das Mittel. Formalen Fragen haben sie hingegen nie eine autonome Bedeutung beigemessen, und ein Design-Begriff, der zum Attribut eines nur elitären Produktgenres herhalten könnte, wäre ihnen unverständlich gewesen. Zum Ethos der Qualität gehörte für die Eames vor allem die Haltbarkeit des Endprodukts und die im Dienste der Lebensdauer stehende Austauschbarkeit einzelner Teile. Das hatte es zuvor nicht gegeben: Modulare Möbel wie die Stühle und Sessel der Plastic Group, deren konstruktive Pointe die offene Schnittstelle zwischen verschiedenen Schalen und Untergestellen war. Dass sich die wirkungsvollste Massnahme bei der Vermeidung von Müll im Sicherstellen einer aussergewöhnlichen Beständigkeit gründet, die sich auf die physische Existenz genauso bezieht, wie auf die ästhetische, sieht man allen Möbeln von Vitra in dieser Zeit an. So zum Beispiel auch beim zum Archetyp der Moderne gewordenen Lounge Chair. Ein Werbefilm, den die Eames nach Fertigstellung des ersten Serienmusters aus Spass drehten, konzentriert sich nicht auf seine repräsentativen Qualitäten, nicht einmal auf seine üppige Bequemlichkeit, sondern gerade auf seine Zusammengesetztheit. Ein Mann baut den ganzen Sessel in Minuten vor den Augen des Zuschauers aus seinen konstruktiven Elementen auf und lässt sich am Ende in seine Polster fallen. Fast ein halbes Jahrhundert vor der Entstehung des Begriffs der Materialtrennung waren schon alle Entwürfe der Eames zerlegbar.

Es ist die Überzeugung von Vitra, dass es zum Gebrauchswert und zur Nützlichkeit eines Möbels natürlich dazugehört, dass weder seine Produktion, noch seine Benutzung oder schliesslich seine Entsorgung in einen Schaden für den Benutzer münde. Genauso wie Schönheit und Funktionalität gehört der Umweltbezug zur Sache und ihrem Nutzen. Er ist Teil des Designs. Bei einem komplexen Unternehmen genügt aber eine Überzeugung nicht, um zu gewährleisten, dass in den tausenden von einzelnen Handlungsschritten ein Begriff von ökologischen Konsequenzen vorhanden ist und Kontrolle ausübt. Deshalb fand 1986 die Gründung einer Arbeitsgruppe „Vitra und die Umwelt“ statt, die in eine umfassende Umweltmanagement-Struktur überging. Alle Aktivitäten des Unternehmens werden darin der Reflexion auf das Kriterium des Schutzes der Umwelt ausgesetzt. Interne Audits und eine Überprüfung des Systems durch externe Gutachter geben zusätzliche Gewissheit für die kontinuierliche Weiterentwicklung aller Massnahmen.

Die Vermeidung von vergänglichen und kurzlebigen Stylingausflüssen für den Müllberg der Geschmacksgeschichte bleibt dabei der Kern einer vernünftigen Industriekultur, für die Vitra steht: Langlebige Produkte, sorgfältig entwickelt aus Materialien von hoher Qualität, ebenso zu Reparatur- wie Patinafähigkeit begabt und mit einer möglichst undatierten ästhetischen Lebenserwartung. An diesem Ideal arbeitet Vitra.


Text und Grafik: Wolfgang Scheppe

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