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Diogene

A cabin designed by Renzo Piano and RPBW for Vitra

Vitra Campus Renzo Piano Pavillion

Mit Diogene wird der Vitra Campus in Weil am Rhein im Juni 2013 um ein weiteres Element ergänzt. Auf einem Hügel zwischen dem VitraHaus und dem Dome gelegen, hat der italienische Architekt Renzo Piano mit dem Renzo Piano Building Workshop (RPBW) das bisher kleinste Gebäude und gleichzeitig grösste Produkt von Vitra entwickelt.

Die Entstehung von Diogene
Die Idee der minimalen Behausung, so erklärt Renzo Piano im Gespräch, habe ihn seit seinen Studientagen beschäftigt; es sei gleichsam eine Obsession – eine gute Obsession. Ein Wohnraum von zwei mal zwei mal zwei Metern, gerade genug Platz für ein Bett, einen Stuhl und einen kleinen Tisch, sei der typische Traum eines Architekturstudenten. Damals konnte er die Idee nicht umsetzen. Aber Ende der Sechzigerjahre, als Piano an der Architectural Association in London unterrichtete, baute er mit seinen Studierenden Minihäuser auf dem Bedford Square. Und der Architekt hat Boote entworfen, Autos, und vor einigen Jahren Zellen für die Nonnen des Klarissenklosters in Ronchamp. Auch dort ging es um die Frage der Minimierung der räumlichen Umgebung des Menschen. Nicht aus Gründen der ökonomischen Effizienz, sondern der Selbstbescheidung. Das minimale Haus ist eine Idee, die Piano weiter fasziniert, gerade in einer Zeit, in der sich sein Büro mit Grossprojekten befasst, etwa dem zur Zeit seiner Fertigstellung im Jahr 2012 höchsten Hochhaus Europas, „The Shard“ in London.

Diogene Interior

Vor ungefähr zehn Jahren hat Renzo Piano aus eigenem Antrieb und ohne Auftraggeber damit begonnen, ein solches kleines Haus zu entwickeln. In Genua entstanden diverse Prototypen – aus Sperrholz, aus Beton und schliesslich aus Holz. Die letzte Variante des mit Diogene titulierten Projekts wurde im Herbst 2009 im monografischen Heft „Being Renzo Piano“ der italienischen Zeitschrift „Abitare“ publiziert: ein hölzernes Satteldachhaus von 2,4 x 2,4 Metern Grundfläche, einer Firsthöhe von 3,2 Metern und einem Gewicht von 1,2 Tonnen. Piano stellte seine Vision mit dem Zeitschriftenbeitrag zwar der Öffentlichkeit vor, vermerkte aber in einem Kommentar, es bedürfte eines Auftraggebers, um Diogene weiterzutreiben. Diesen Partner fand der italienische Architekt mit Rolf Fehlbaum, dem Chairman von Vitra. Fehlbaum hatte die Ausgabe von „Abitare“ gelesen und fühlte sich von Renzo Pianos Ideen unmittelbar angesprochen. Nicht zuletzt deswegen, weil auch Vitra sich nicht als Hersteller von einzelnen Designobjekten versteht, sondern Möbel als essentiellen Teil der menschlichen Umwelt begreift. Blickt man zurück auf die Geschichte des Möbeldesigns, so ging es stets auch darum, den Lebensraum des Menschen neu zu qualifizieren; die Wohnlandschaften der Sechziger- und Siebzigerjahre sind hierfür nur eines der möglichen Beispiele.

Ende Juni 2010 trafen sich Renzo Piano und Rolf Fehlbaum, die zu dieser Zeit beide der Pritzker-Preis-Jury angehörten, und vereinbarten, das Projekt Diogene gemeinsam weiter voranzutreiben. Nach dreijähriger Entwicklungsarbeit wird nun anlässlich der Art Basel 2013 ein neuer Prototyp von Diogene auf dem Vitra Campus auf der Grünfläche gegenüber dem VitraHaus präsentiert. Es handelt sich nicht um ein fertiges Produkt, sondern um eine Versuchsanordnung, die es erlaubt, die Potenziale des minimalen Hauses zu erproben. Vitra betritt damit Neuland: Während üblicherweise lediglich serienreife Produkte an die Öffentlichkeit gelangen, entschied man sich aufgrund der Komplexität des Projekts dafür, das Publikum an der Erprobung von Diogene teilhaben zu lassen. Wie das Projekt weiter entwickelt wird und ob es in die Serienfertigung geht, darüber wird zu einem späteren Zeitpunkt entschieden.

Diogene

Die Idee des kleinen Hauses
Das einfache, archaische Haus in der Natur, das nach dem antiken Architekturtheoretiker Vitruv den Beginn von Technik und Architektur markiert, stiess im ausgehenden 18. Jahrhundert auf neuerliches Interesse, wie insbesondere der Kupferstich der vitruvianischen Ur-Hütte beweist, der der 1755 erschienenen 2. Auflage von Marc-Antoine Laugiers „Essai sur l'Architecture“ beigegeben wurde. Seither hat die Idee des auf das nötige Minimum reduzierten Hauses Architekten immer wieder fasziniert. Mal standen dabei formale Aspekte im Vordergrund, mal soziale Überlegungen – etwa bei der „Wohnung für das Existenzminimum“, die in den 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts diskutiert wurde. In den vom Strukturalismus geprägten 60er-Jahren waren es Minimalzellen, die zu Clustern zusammengefügt werden sollten, in jüngster Vergangenheit ging es häufig um mobile Wohnstrukturen zum Einsatz bei Naturkatastrophen oder in von Kriegen heimgesuchten Regionen der Welt.

Diogene ist keine Notunterkunft, sondern ein freiwillig gewählter Rückzugsort. Er soll unter verschiedenen Klimabedingungen und von bestehender Infrastruktur unabhängig funktionieren, also als autarkes System. Das benötigte Wasser wird vom Haus selbst gesammelt und nach der Nutzung gereinigt wieder abgegeben, der Strom wird selbst erzeugt, die benötigte Standfläche ist minimiert. Wir leben in einem Zeitalter, in dem das Gebot der Nachhaltigkeit dazu zwingt, den ökologischen Fussabdruck zu minimieren. Dieses Postulat paart sich mit dem Wunsch, die unmittelbare Lebensumwelt auf die wirklich essenziellen Dinge zu konzentrieren und zu reduzieren. Man mag sich angesichts von Diogene an Henry D. Thoreau erinnern, der 1854 in „Walden“ schrieb: „Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte.“ Nicht ohne Grund versteht Piano sein Projekt auch als „ziemlich romantisch“ und unterstreicht den Aspekt der „spirituellen Ruhe“, den es vermittelt: „Diogene versorgt einen mit dem, was man wirklich benötigt, und mit nichts sonst.“

Als architektonische Referenzen verweist Renzo Piano auf den „Cabanon“, den sich Le Corbusier Anfang der Fünfzigerjahre in Cap-Martin an der Côte d’Azur errichtete, auf präfabrizierte Hausstrukturen von Charlotte Perriand – oder den Nakagin Capsule Tower, den Kisho Kurokawa 1972 in Tokio errichtete. Die späten 60er- und frühen 70er-Jahre in London waren für Piano prägend: Im Gespräch erwähnt er als wichtige Einflüsse dieser Zeit insbesondere Cedric Price mit seinem „Fun Palace“ und die Hippiebewegung.

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Diogene und seine Ausstattung
Diogene – benannt nach dem antiken Philosophen Diogenes, der in einer Tonne lebte, weil er weltlichen Luxus für überflüssig hielt – ist eine auf das Notwendige reduzierte Wohneinheit, die als geschlossenes System vollkommen autark funktioniert und damit von ihrer Umgebung unabhängig ist. Mit 2,5 x 3 Metern Grundfläche lässt sie sich komplett zusammengebaut und eingerichtet auf einen Lastwagen verladen und an einen beliebigen Ort transportieren. Entspricht Diogene äusserlich dem Bild eines einfachen Hauses, so ist es in Wahrheit ein hochkomplexes technisches Gebilde, ausgestattet mit diversen Installationen und technischen Systemen, die erst die Selbstversorgung und die Unabhängigkeit von lokalen Infrastrukturen garantieren: Photovoltaik-Zellen und Solarpaneele, Regenwassertank, biologische Toilette, natürliche Belüftung, Dreifach-Isolierverglasung. Für die energietechnische Optimierung arbeitet Renzo Piano mit Matthias Schuler von der renommierten Firma Transsolar zusammen, für die Statik ist Maurizio Milan verantwortlich.

Diogene ist mit allem ausgestattet, was man zum Leben braucht. Der vordere Teil dient als Wohnraum: Auf der einen Seite findet sich ein Bettsofa, auf der anderen ein Klapptisch unterhalb des Fensters. Hinter einer Trennwand sind Dusche und WC sowie eine kleine, ebenfalls auf das Nötigste reduzierte Küche angeordnet. Haus und Ausstattung bilden eine Einheit. Die Konstruktion besteht aus Holz, dessen warmer Charakter auch das Innere bestimmt. Zwecks Witterungsschutz ist das Äussere mit einer Aluminiumverkleidung versehen. Die Gesamtform ruft mit ihrem Satteldach das Urbild eines Hauses in Erinnerung, doch mit seinen abgerundeten Ecken und dem All-Over der Fassadenmaterialien zeigt sich Diogene zugleich als ein zeitgenössisches Produkt. Es ist keine banale Hütte, sondern ein technisch perfektes und ästhetisch attraktives Refugium. Die grosse Herausforderung bestand darin, das komplexe Produkt so zu planen, dass es sich für eine industrielle Fertigung in Serie eignet. „Dieses kleine Haus ist das Resultat einer langen, langen Reise, die zum Teil von Wünschen und Träumen bestimmt ist, zum Teil aber auch von Technik und einer wissenschaftlichen Herangehensweise“, so Renzo Piano.

Die Einsatzmöglichkeiten für Diogene sind vielfältig: Es kann als kleines Wochenendhaus, als Studiolo, als kleines Büro dienen. Es kann frei in der Natur aufgestellt werden – aber auch im unmittelbaren Arbeitsumfeld, ja sogar als vereinfachte Variante inmitten eines Open-Space-Office. Denkbar ist es aber auch, Gruppen von Häusern aufzustellen, etwas als informelles Hotel oder Gästehaus. Diogene ist so klein, dass es zwar als individueller Rückzugsort funktioniert, aber bewusst nicht allen Bedürfnissen des Menschen in gleichem Masse entspricht. Kommunikation beispielsweise wird anderswo stattfinden – und so lädt Diogene zugleich dazu ein, das Verhältnis von Individuum und Gemeinschaft neu zu tarieren.

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Renzo Piano Building Workshop
Der Renzo Piano Building Workshop bezeichnet eine interaktive Partnerschaft mit Ursprung in den kreativen Ansichten von Renzo Piano. Der Workshop besteht aus einem Team von über 100 Architekten in den Niederlassungen Genua, Paris und New York City, sowie externen Fachleuten und Beratern. Der Workshop zeichnet sich durch seinen Forschergeist aus und sucht nach mutigen Lösungen, die experimentelle Techniken mit traditionellen Materialien und Handwerkskunst vereinen. Die in einem streng iterativen Prozess zu endgültigen Konstruktionen weiterentwickelten Ideen sollen dabei immer im Kontext zum Ort und zu den Bedürfnissen der Öffentlichkeit und des Individuums stehen. Übliche formalistische Einschränkungen und traditionelle interdisziplinäre Grenzen werden aufgeweicht – der Überzeugung von Renzo Piano folgend, dass ein Architekt um weit mehr als die blosse Ästhetik besorgt sein muss. So ergänzen sich im Renzo Piano Workshop Ingenieure, Techniker, Landschaftsarchitekten, Anthropologen, Musiker und Künstler.