Ein Gespräch zwischen dem Fotografen Florian Böhm und dem Set-Designer Paolo Bonfini hinter den Kulissen der Produktion „Vitra Fiction“ in Rom am 16. Januar 2012.
Florian Böhm Für Vitra Fiction warfen wir zunächst einen Blick auf Select&Arrange, den Home Katalog 2005 von Vitra, der auf einer wunderbaren und, zu seiner Zeit, innovativen Idee basierte: Er führte den Leser an Orte, die echt waren und versuchte eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie die Leute im wirklichen Leben wohnen. Doch der Betrachter neigt mittlerweile eher dazu, sich bei allzu viel Realität zu langweilen. Heutzutage besitzt fast jeder eine Kamera mit der er seine eigene Alltagsrealität dokumentiert. Die Ästhetik dieses Trends ist repetitiv – nichts kann uns mehr überraschen, vor allem in der Werbung. Um die Darstellung dieses Bereichs wieder zu beleben, schlug ich vor, von der Realität zur Fiktion zu wechseln und die Möbel als Teil einer Inszenierung zu präsentieren.
Paolo Bonfini Du bringst erzählerische Elemente sowie Menschen und Bewegung in die Produktfotografie von Möbeln ein. Doch weshalb setzt du auf nachgestellte Situationen, statt auf dokumentarische Formen?
Florian Böhm Stell dir vor, wie viel Glück dazu gehört, genau in der Sekunde eine Kamera zur Hand zu haben und auf den Auslöser zu drücken, wenn zufällig gerade ein Glas zerbricht! Das wäre ein überzeugendes Bild, aber leider lässt sich so etwas produktionstechnisch kaum realisieren. Unser Kompromiss lag darin, Mittel der Filmproduktion anzuwenden. Ein Film weckt unsere Fantasie und Emotionen und obwohl wir wissen, dass die Szenen konstruiert sind, glauben wir das, was wir sehen, wenn es gut gemacht ist.
Paolo Bonfini Das stimmt. Ein Film hat eine starke erzählerische Struktur und eine gewisse Authentizität, während er gleichzeitig vollständig inszeniert ist.
Florian Böhm Für den Zuschauer ist ein Film überzeugend, weil eine tatsächliche Person ganz konkret etwas tut. Doch technisch gesehen bestehen sehr geringe Unterschiede zwischen Fotografie und Film.
Paolo Bonfini Mit der Filmkamera werden mit Hilfe von 24 Aufnahmen pro Sekunde Bewegungen eingefangen. Dies bedeutet, dass innerhalb von 10 Sekunden 240 Aufnahmen entstehen. In einer Stunde sind das 14'400 … und so weiter. In der Fotografie dagegen setzt man unter Umständen einen ganzen Tag für ein einziges Foto ein. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied!
Florian Böhm Das Schöne am Film ist, dass man eine einzelne Einstellung isolieren kann, und das Einzelbild trotzdem weiterhin als Teil einer Geschichte wahrgenommen wird. Die Geschichte ist den Bildern förmlich einverleibt. Das liegt u.a. daran, dass sich während der Produktion die Arbeit aller Beteiligter – Set-Design, Beleuchtung, Ton, Schauspieler… – ganz auf die Handlung konzentriert.
Paolo Bonfini Es geht um Teamarbeit.
Florian Böhm Auf diese Weise wird diese erzählerische Qualität in die Ästhetik eines Film-Screenshots eingebunden.
Paolo Bonfini Wir haben in Rom an sechs verschiedenen Orten gearbeitet. Die Logistik, die Requisiten und die Schauspieler mussten wie bei einer tatsächlichen Filmproduktion organisiert werden, und letztlich war es das ja dann auch. Du hast mich und mein Team genau das machen lassen, was wir auch normalerweise an einem Filmset tun. Doch dank dieser etwas anderen Herangehensweise wurde dieses Mal etwas Neues ausgelöst.
Florian Böhm Die Kulisse war real. Wir wollten anhand von alltäglichen Begebenheiten über die Lebensweise von unterschiedlichen Menschen berichten.
Paolo Bonfini Una storia di vita.
Florian Böhm Eine Geschichte von Vitra...
Paolo Bonfini ... wie die Szene mit den rollenden Mandarinen.
Florian Böhm Ja, man lässt etwas fallen. Entweder fängt man es auf, oder man muss sich hinknien, um es aufzuheben, während es z.B. unter einen Tisch rollt. So etwas passiert uns allen hin und wieder. Die Auswahl solcher Momente ist grenzenlos. Solange die inszenierte Szene ausreichend glaubhaft ist und der Betrachter einen Bezug herstellen kann, ist es für uns nicht wichtig, den erweiterten Handlungszusammenhang zu erklären.
Paolo Bonfini In der Tat, diese Szenen haben keinen Anfang und kein Ende. Es gibt keine Auflösung der Handlung.
Florian Böhm Eigentlich wissen wir nichts von der Person im Film. Man sieht lediglich einen flüchtigen Moment…
Paolo Bonfini Und auch die gelegentlichen Untertitel liefern keine klare Antwort.
Florian Böhm Die von Eckhart Nickel verfassten Texte und Untertitel sind eine zusätzliche Ebene zum Bild. Sie geben Hinweise, liefern aber keine klaren Antworten zum Kontext der Szene. Untertitel haben eine lange Tradition. Bei Stummfilmen, zum Beispiel, wurde mit Untertiteln gearbeitet, da mit Gestik nur beschränkte Aussagen gemacht werden konnten. Federico Fellini spielte wie viele andere gerne damit und verfasste Dialoge oft erst in der Nachbearbeitung.
Paolo Bonfini Normalerweise wird im Film alles durch die Handlung vorgegeben, Möbelstücke sind Mittel zum Zweck. Meine Arbeit besteht darin, gerade genug, aber nie zu viel von etwas zu zeigen. Wenn etwas die Aufmerksamkeit des Publikums von einem Schauspieler ablenkt, wird es ein wenig zur Seite geschoben. Wenn ich ein Objekt an einer zu prominenten Stelle platziere, wird das sofort als Product-Placement wahrgenommen.
Florian Böhm Bei diesem Projekt war es genau umgekehrt. Unsere Protagonisten waren die Möbelstücke, sie spielten die Hauptrolle.
Paolo Bonfini Bei einem Film ist die Gesamtstimmung von grösster Bedeutung. Wir dürfen dazu sogar mit Attrappen operieren, wie beispielsweise einem falschen Teppich oder einer falschen Tapete, um eine Szene möglichst lebendig zu gestalten.
Florian Böhm Die niedrige Videoauflösung hat zur Folge, dass man im Film nie alle Details sieht. In der Fotografie kommt man nicht umhin, dass ein Foto ganz genau inspiziert werden kann, wenn es z.B. stark vergrössert an einer Wand hängt. Es gibt keinen Ton und keine Bewegung, mit denen der Betrachter abgelenkt werden kann. Bei Fotos mit hoher Auflösung haben die einzelnen Dinge daher eine grössere Bedeutung. Wir müssen jedes Detail in Frage stellen, um in den Filmsets auch Standbilder produzieren zu können.
Paolo Bonfini Das ist der Wahnsinn der Fotografie. Auf einem Filmset wird ein Glas Wasser auf einem Tisch platziert. Das ist alles. Ganz unkompliziert und einfach – es spielt keine Rolle, ob das Glas 2 cm mehr links oder rechts steht. Wichtig ist, dass das Glas von jemandem in die Hand genommen und zerschlagen werden soll. Die Hauptaufgabe eines Set-Designers besteht darin, eine gewisse Leichtigkeit zu bewahren, die natürlich wirkt und sogar zufällig erscheinen kann. Bei meiner Arbeit muss man sich immer mal wieder vor Augen halten, dass wir nicht versuchen, Leben zu retten, sondern dass wir schlussendlich nur einen Film drehen …
Florian Böhm … oder bewegte Bilder …
Paolo Bonfini … oder die Kulissenbilder eines Films herstellen …
Florian Böhm … eines nicht existierenden Films über das wirkliche Leben …
Paolo Bonfini … und die Dinge, aus denen das Leben besteht …
Florian Böhm … Vitra Fiction.