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Drei Fragen an Konstantin Grcic

Citizen, ein neuartiger Lounge-Chair

Konstantin Grcic hat für Vitra den Lounge-Chair Citizen entworfen. Ungewöhnlich ist die Konstruktion des Sessels: Sein Sitz ist mit drei Stahlseilen frei am Rahmen aufgehängt. Der Designer erzählt, wie es sich in dem neuen Stuhl sitzt.

Für «Citizen» haben Sie eine besondere Konstruktionsidee umgesetzt: Der Sitz ist an drei Punkten aufgehängt. Gibt es Vorbilder dafür?

Ja, es gibt ein Vorbild: den Hardoy Chair oder auch Schmetterlingsstuhl. Dieser Stuhl aus den 1940er-Jahren hat mit einem leichten, gebogenen Metallgestell, in das der Sitz in Form eines Sacks aus Canvas oder Leder an vier Punkten eingehängt ist, eine ganz einfache Konstruktion. Der Rahmen spannt den Sitz auf. Im Entwicklungsprozess haben wir die ursprüngliche Idee aber stark verändert: Bei Citizen sind es drei Stahlseile, mit denen der Sitz von der tragenden Konstruktion abgehängt ist, während das Rückenteil fest am Rahmen montiert bleibt. Die Stahlseile sind übrigens stärker als es zum Tragen eines menschlichen Gewichts notwendig wäre. Die Dicke gibt den Seilen eine gewisse Festigkeit und Federspannung, mit der wir die Bewegung des Sitzes definieren und kontrollieren. Der Sitz sollte sich nicht ungebremst bewegen können, nicht «schwimmen».

Wie fühlt es sich an, in Citizen zu sitzen?

Bei einem Projekt wie Citizen geht es nicht um Innovation, nicht um eine Neuerfindung. Und doch entdeckt man manchmal etwas Neues. Die einfache Aufhängung erzeugt ein Sitzgefühl, das es so noch nicht gibt. Die Bewegung ist frei, aber ganz leicht und subtil, sie hat fast etwas Meditatives. Ein bisschen wie als würde man auf einem weichen Kissen reflexhaft seine Sitzposition zurechtrücken. Ich empfinde das als sehr angenehm. Interessant ist, dass von aussen betrachtet eindeutig eine Bewegung erkennbar ist, während die oder der Sitzende selbst das nicht so deutlich wahrnimmt. Auf jeden Fall hat das Sitzen in Citizen nichts mit einem Schaukelstuhl zu tun, oder mit einem Bürostuhl mit Synchronmechanik.

Was hat Citizen mit den anderen Lounge-Chairs im Vitra-Programm gemein, mit dem legendären Eames Lounge Chair oder dem Grand Repos von Antonio Citterio? Was unterscheidet sie?

Was sie gemeinsam haben, ist der Anspruch des Loungens. Loungen ist eine entspannte, ausgeruhte Körperhaltung, die dennoch Bewegung erlaubt. Beim Loungen kann man lesen, telefonieren oder auch arbeiten. Zu dieser Stuhltypologie gehört eine niedrige Sitzhöhe und ein drehbares Untergestell. Was die drei unterscheidet? Der Lounge Chair von Charles und Ray Eames ist der Lounge-Chair schlechthin, eine Ikone. Das war damals eine völlig neue Typologie, an ihm müssen sich bis heute alle Entwürfe messen lassen. Grand Repos wiederum bringt mit der Synchronmechanik eine Technologie aus der Welt der Büromöbel in das Zuhause. Formal ist er eher konservativ gestaltet, er ist voll gepolstert und hat Gewicht. Auch der Eames Lounge Chair wirkt klassisch mit dem Lederbezug und den Holzschalen. Citizen bricht mit diesem Bild des Lounge-Chairs. Er wirkt leichter, hat eine offene Konstruktion und drückt damit eine ganz andere Dynamik aus. Alle drei Modelle haben jedes für sich ihre Bestimmung und ihre Qualitäten, sie konkurrieren nicht miteinander.


Veröffentlichungsdatum: 24.7.20
Autor: Jasmin Jouhar
Bilder: Florian Böhm, Markus Jans