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«Der britische Detailhandel hat etwas Mutiges»

Interview mit Universal Design Studio

Napoleon nannte die Briten eine «Krämernation». Noch 200 Jahre später wird London diesem Ruf gerecht. Als ewige Anwärterin auf den heiss umkämpften Titel der weltweiten Shopping-Hauptstadt ist London voll von weltberühmten Warenhäusern, bekannten Märkten und Einkaufsstrassen. Während die lange Tradition als Shopping-Metropole weiterlebt, erneuert London gleichzeitig sein Ladenangebot für eine nächste Generation von Kunden.

Seit der Gründung durch Edward Barber and Jay Osgerby 2001 hat sich das Universal Design Studio in London als Büro für Architektur und Innenraumgestaltung im Detailhandel einen Namen gemacht. Das Unternehmen verdankt dies renommierten Kunden wie Stella McCartney und Mulberry sowie einer Reihe von beeindruckenden und atemberaubenden Konzepten. Grant Gibson hat die beiden Co-Direktoren Hannah Carter Owers und Jason Holley, zum Interview getroffen.

Grant Gibson: Wie würdet ihr die aktuelle Situation des Einzelhandels in London beschreiben?

Hannah Carter Owers: Der Bereich scheint einen grossen Boom zu erleben – die Leute investieren wieder in physische Läden. Vor allem im mittleren und oberen Marktsegment beobachten wir einen Trend in Richtung Lifestyle – der Einzelhandel orientiert sich weg von der klassischen, produkt-fokussierten Warenpräsentation.

GG: Was kennzeichnet diese neue Orientierung?

HCO: Die Idee, dass der Einzelhandel mehr als nur klassisches Shopping und vielleicht noch ein bisschen Verpflegung umfasst. In die neuen Lifestyle-orientierten Konzepte können heute auch bewusst Bewegung, Networking oder sogar Co-Working miteinfliessen. Das ist ein sehr breiter Ansatz. Im Vergleich dazu ist Online-Retail in gewisser Weise beschränkt. Alles wird dort für den User gefiltert und von Algorithmen gesteuert. Je mehr man mit dem Angebot interagiert, desto selektierte – und damit limitierter – ist die Auswahl.

Der stationäre Handel bietet die Möglichkeit zu echter zwischenmenschlicher Interaktion. Wir arbeiten zum Beispiel oft an Co-Working-Räumen für Unternehmer. Der Mensch sehnt sich danach, unter anderen Menschen zu sein. Zwar schaut man den ganzen Tag nur auf seinen Bildschirm, aber man wünscht sich, dies an einem lebendigen, quirligen Ort zu tun. Der Trend in Richtung Lifestyle wird weiterwachsen. Ich glaube aber nicht, dass das nur in London so ist. Das gilt weltweit. Der Einzelhandel ist mehr als reine Transaktion. Es geht darum, kulturelle Räumen zu schaffen und Menschen zusammenzubringen.

GG: Gibt es einen Unterschied zwischen euren Retail-Designs und anderen Arbeiten?

Jason Holley: Keinen grossen. Im Detailhandel sind technisch einige Dinge zu beachten: Das Produkt muss in den Raum passen und gut präsentiert werden können. Was aber Gesamtkonzepte angeht, die Art und Weise, wie wir Flächen gestalten, die Herausforderungen, die sich uns stellen, und die Art und Weise, wie wir über Räume und Menschen nachdenken – hier gibt es kaum Unterschiede zwischen den Läden oder aber Arbeitsplätzen, Hotels oder Restaurants, die wir gestalten. Man braucht im Grunde immer das gleiche: WLAN, Strom, einen guten Platz zum Sitzen und etwas Schönes zum Anschauen.

GG: Spielt die Umgebung im Detailhandel noch eine Rolle? Gibt es eine bestimmte Einkaufswahrnehmung, die man mit London verbindet?

HCO: Der alles vereinheitlichende Effekt der Globalisierung lässt sich nicht leugnen. Aber kürzlich lief ich zum Beispiel durch Shoreditch und merkte, dass das Viertel seine ganz eigene Atmosphäre versprüht. Ich denke, das liegt an den vielen unabhängigen Geschäften dort, die sich an den Ort anpassen. Sie stehen miteinander in Beziehung. Man nimmt die Geschäfte stärker als Gemeinschaft wahr und spürt so ihre Vielfalt. Die Lamb’s Conduit Street ist ein weiterer Ort, der dieses London-Gefühl vermittelt. Ich denke, der britische Detailhandel hat etwas Mutiges.

Manchmal bitten uns Marken, ein typisch britisches Design zu gestalten. Da stellt sich uns die Frage, wie wir das alles zusammenpacken und wirklich britisch machen, sodass auch die Leute in Südkorea diese Britishness gleich spüren, ohne dass überall die britische Flagge weht oder ein roter Bus herumsteht. Und neben dem Mut herrscht im britischen Einzelhandel auch ein Sinn für Humor. Man grenzt sich ab und zeigt Charakter. Es geht darum, die Dinge richtig und vor allem richtig gut zu machen, sich dabei aber nicht allzu ernst zu nehmen. Das sind schwer fassbare Eigenschaften, die zusammen das Grossbritannien-Gefühl ausmachen.

Weitere Informationen finden Sie auf universaldesignstudio.com.


Veröffentlichungsdatum: 2.3.2017
Autor: Grant Gibson führte das Interview für die Vitra Publikation «The Merchant #02».
Bilder: Bild von Hannah Carter Owers und Jason Holley von Anna Huix, Store-Fotos von Charles Hosea; alle Copyrights liegen bei FRAME Publishers.