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Zukunftswerkstatt Designmuseum

Ein Manifest in zehn Punkten

Designmuseen sind kollektive Wissensspeicher und interdisziplinäre Plattformen. Als kulturelle Institutionen übernehmen sie die Rolle des Universalmuseums im 21. Jahrhundert. Mateo Kries (Direktor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein) stellt die wichtigsten aktuellen und zukünftigen Herausforderungen zur Diskussion.

Kürzlich sprach ich mit Hans Ulrich Obrist über Design. Er vertrat die Ansicht, Designmuseen müssten wieder an die Tradition der radikalen, programmatischen Ausstellungen des 20. Jahrhunderts anknüpfen, an einer Erneuerung dessen, was er als „Display feature“ bezeichnete:

„Es gibt ja nicht nur Künstler, die ‚Display features‘ erfunden haben, sondern auch viele Designer und Architekten. Wir erinnern uns heute an die Designausstellungen von Enzo Mari, den Castiglioni-Brüdern, den Eames’. Die große Chance von Designausstellungen ist, dass man wieder an die Geschichte experimenteller Displays anknüpft – sie sind wie Korkenzieher, die in die Erinnerung eindringen, man vergisst sie nicht. Sie sind ein Highway, um in die Geschichte einzugehen.“

Es ist kennzeichnend, dass eine solche Analyse von einem Kunstkurator kommt, denn in der sogenannten Designszene wird über Ausstellungen und Museen kaum debattiert. Die ersten spezialisierten Designmuseen wurden ja auch erst vor knapp 25 Jahren gegründet, es waren das Design Museum London und das Vitra Design Museum. Erst sie entwickelten Ausstellungsprogramme, Sammlungsstrategien, Publikationsserien, kurzum: Museumsprofile, mit denen Design dauerhaft in der Kulturlandschaft verankert wurde. Seitdem gilt das Designmuseum als Erfolgsmodell.

Das Vitra Design Museum beispielsweise erreichte 2012 mit über 112 000 Besuchern einen neuen Rekord und hat mit über 23 000 Fans die zweitgrößte Facebook-Community aller deutschen Museen. Ähnlich boomen auch andere Designmuseen, und es werden immer mehr – in Europa, in Amerika, jüngst aber auch vermehrt in Asien. Ihr Erfolg ist ein selbstverstärkendes Phänomen, denn er spiegelt die gestiegene gesellschaftliche Bedeutung von Design wider, während die zunehmende Präsenz von Design in Museen wiederum seine gesellschaftliche Bedeutung verstärkt. Dank dieser Entwicklung emanzipieren sich Designmuseen heute immer stärker als eigenständige Akteure in der Kulturlandschaft. Hier wird die Frage nach der Verantwortung von Designern, Herstellern und Konsumenten gestellt, hier entwickelt eine geschichtsvergessene Designgesellschaft ihr kollektives Gedächtnis. Grund genug also, sich über die zukünftige Entwicklung des Designmuseums Gedanken zu machen. Wie könnte es aussehen?

Erstens: Um sich neutral und durchaus auch kritisch mit Design befassen zu können, muss das Designmuseum der Zukunft eine kulturelle Institution sein – kein Designzentrum und keine Förderanstalt für regionale Kreativindustrien. Nur so kann es Designausstellungen für breite Besucherschichten konzipieren und Design im kulturellen Kanon etablieren.

Zweitens: Design ist heute ein globales Phänomen, Designmuseen müssen es auch sein. Bereits jetzt arbeiten die führenden Designmuseen international vernetzt, bilden Forschungskooperationen oder teilen sich internationale Wanderausstellungen. Das Vitra Design Museum beispielsweise präsentiert momentan allein sechs seiner Ausstellungen in Partnermuseen, unter anderem im dänischen Louisiana-Museum, in der Pariser Cité de l’architecture und im MIT Museum in den USA.

Drittens: Designausstellungen werden komplexer, erzählerischer, bildmächtiger. Sie arbeiten mit neuen Medien, mit Hintergrundinformationen, bieten Ausblicke in die Realität, können provozieren und hinterfragen. Ob bei Le Corbusier, den britischen Situationisten oder Rem Koolhaas – es gibt genügend Beispiele in der Vergangenheit, wie in Ausstellungen Objekte, Räume und Inhalte zu faszinierend neuen Kompositionen verschmolzen sind. An diese Geschichte müssen Designmuseen anknüpfen.

Viertens: Museen müssen Design heute als das behandeln, was es ist – als neue Querschnittsdisziplin zwischen Kunst, Naturwissenschaft und Technik. Ästhetische Prozesse im Design lassen sich heute nur mit Blick auf Kunst, Mode oder Architektur verstehen, Themen wie Nachhaltigkeit und neue Technologien nur interdisziplinär vermitteln.

Fünftens: Das Designmuseum der Zukunft muss nicht nur erforschen, bewahren, vermitteln, ausstellen – es kann in Zeiten von Rapid Prototyping, Open Source und 3-D-Printing auch selbst zum Ort einer experimentellen Produktion werden. Große Kuratoren wie Harald Szeemann haben Kunstmuseen schon in den 1960er-Jahren als Stätten künstlerischer Produktion etabliert, nun kann auch das Designmuseum sich dadurch neu erfinden und neue Einblicke in die Entstehung von Design bieten.

Sechstens: Neue kuratorische Arbeit braucht neue Grundlagen. Das theoretische Fundament des Designmuseums kann sich nicht auf Begriffe wie „gute Form“ oder „critical design“ beschränken, sondern muss aktuelle Debatten einbeziehen, etwa die Diskussion über den „iconic turn“ oder über die Ökonomie des Teilens. Nur so kann ein Museum Design in die großen geschichtlichen Bezüge einbetten, ob in die Erzählungen der Moderne, der Globalisierung oder andere kulturgeschichtliche Zusammenhänge.

Siebtens: Der Besucher steht im Mittelpunkt. Ein lebendiges Museum braucht Veranstaltungen, muss Debatten initiieren, nutzt neue Medien, bietet Teilhabe. Im Vitra Design Museum setzen wir dies seit zwei Jahren mit umfangreichen Veranstaltungsprogrammen um. Diesen Sommer beispielsweise sind unter den Vortragsgästen David Adjaye, Sou Fujimoto, Charlie Koolhaas, Doshi Levien, Kazuyo Sejima, Francis Kéré und viele mehr.

Achtens: Eine Sammlung bleibt auch für das Designmuseum der Zukunft essentiell. Denn nur in der Reibung mit Designgeschichte kann eine junge Disziplin wie Designgeschichte wachsen, können kuratorische Maßstäbe entwickelt werden, können Museen die Übersicht über die heutige Designlandschaft bewahren.

Neuntens: Das Designmuseum der Zukunft braucht spezialisierteren Nachwuchs. Leider werden Designtheorie und -geschichte heute noch vor allem an Hochschulen für Gestaltung unterrichtet und zu selten an geisteswissenschaftlichen Fakultäten. Dies muss sich ändern, denn nur dort kann jene wissenschaftliche Exzellenz – zumal im Dialog mit anderen Disziplinen – ausgebildet werden, die Designmuseen voranbringt.

Zehntens: Wenn sich Designmuseen auf diese Weise fortentwickeln, werden sie von ganz allein ins Zentrum gesellschaftlicher und kultureller Debatten rücken. Wenn beispielsweise das künftige Berliner Humboldtforum als Universalmuseum zwischen Kunst, Wissenschaften und Alltagskulturen gedacht ist – muss dann nicht auch Design eine tragende Rolle darin spielen? Die Antwort kann nur Ja lauten. Denn das Designmuseum ist das Universalmuseum des 21. Jahrhunderts.


Veröffentlichungsdatum: 9.3.2014
Autor: Mateo Kries
Mateo Kries ist Direktor des Vitra Design Museums in Weil am Rhein. Zu den Themen seiner zahlreichen Ausstellungen, Texte und Vorträge zählen Le Corbusier, Issey Miyake, Joe Colombo, Rudolf Steiner, aktuelle Gestaltungstendenzen sowie die Ausstellungs- und Museumsgeschichte des 20. Jahrhunderts. 2010 veröffentlichte er eine kritische Designgeschichte mit dem Titel „Total Design“.
Bilder: Thomas Dix, Susanne Günther, Barbara Kern, Bettina Matthiessen, Jason Wierzbicki