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24 Stops – ein Spazierweg von Tobias Rehberger

Ein Gastbeitrag von Marco Sammicheli

In der Nähe von Basel verbindet der Rehberger-Weg die Fondation Beyeler in Riehen mit dem Vitra Campus in Weil am Rhein. Er verknüpft zwei Länder und bietet ein einzigartiges Erlebnis inmitten von Natur und Kunst. Die 24 Objekte – 24 Stops – entlang der Strecke wurden vom deutschen Künstler Tobias Rehberger gestaltet.

Objekte, die für den öffentlichen Raum entworfen werden, sind ihrem Wesen nach gleichzeitig öffentlich und privat. Sie versuchen den Anforderungen der Gemeinschaft gerecht zu werden, ohne die Bedürfnisse des Einzelnen – beispielsweise nach einer Parkbank – aus dem Blick zu verlieren. Objekte, die für den öffentlichen Raum entworfen werden, müssen zudem aus strapazierfähigen, witterungsbeständigen Materialien bestehen, hohen Sicherheitsanforderungen genügen und dabei so reizvoll sein, dass die Menschen sie auch tatsächlich erleben möchten. All diese Faktoren muss ein Designer berücksichtigen, insbesondere dann, wenn sein Auftrag etwas so klar Definiertes wie „Stops“ auf einer Wegstrecke beinhaltet.

Im Laufe der Geschichte finden sich verschiedene Beispiele für das Modell einer von Stops unterbrochenen Wegstrecke: von den Stationen der mittelalterlichen Pilgerwege bis hin zu modernen Autobahnraststätten und Tankstellen. Zu den aktuelleren Projekten in diesem Bereich zählen Alessandro Mendinis Strassenbahnhaltestellen in Hannover, David Chipperfields Werke für das öffentliche Verkehrssystem in Mailand und Jasper Morrisons Bushaltestelle in Weil am Rhein für die Buslinie 55 nach Basel.

„Farben und Formen, die die Objekte in der Landschaft anziehend und fremdartig wirken lassen: eine widernatürliche geometrische Präsenz.“
Tobias Rehberger

Die Fondation Beyeler, die Gemeinde Riehen, die Stadt Weil am Rhein und Vitra haben nun ein ähnliches Projekt initiiert und dafür einen Künstler hinzugezogen, der umfassende Erfahrung mit der Arbeit mit Objekten im öffentlichen Raum besitzt: Tobias Rehberger wurde die Gestaltung von 24 Wegmarken entlang der Strecke von der Fondation Beyeler zum Vitra Campus übertragen. Der Fussweg, genannt Rehberger-Weg, verbindet zwei Gemeinden, überquert eine Landesgrenze und windet sich durch eine vielfältige Naturlandschaft. Der Schweizer Museumsbau der Fondation Beyeler von Renzo Piano ist einer der beiden Ausgangspunkte des Wegs. Der Rehberger-Weg überquert einen Fluss, leitet die Spaziergänger durch ein Naturschutzgebiet, eine Landschaft voller Obstgärten und führt schliesslich auf den Vitra Campus. Hier, vor dem Eingang des Vitra Design Museums von Frank Gehry, befindet sich die von Tobias Rehberger gestaltete fluoreszierende Glocke, die sowohl den Beginn, als auch das Ende des Wegs einläuten kann – je nachdem, von wo man seine Wanderung beginnt.

„Abitare“ traf den deutschen Künstler in seinem Frankfurter Studio, einem Raum auf zwei Ebenen mit Atelier und Lager am Ufer des Mains. "Meine Idee war es”, erklärt Tobias Rehberger, “einfache Wegweiserelemente in ein System zu verwandeln, das dem Raum eine ganz neue Bedeutung und dem Spaziergang einen zusätzlichen Wert verleiht. Ich habe mich daher nicht der Schrift bedient und habe nicht versucht, Nachrichten irgendeiner Art zu übermitteln – ich wollte lediglich etwas schaffen, das Besucher inspirieren würde, sich auf einen Spaziergang zu begeben. Die einzelnen Stationen entlang des Wegs sind so gestaltet, dass sie die Aufmerksamkeit der Leute auf sich ziehen, durch Farben und Formen, die sie in der Landschaft anziehend und fremdartig wirken lassen: eine widernatürliche geometrische Präsenz. Obwohl einige Wegmarken eine gewisse Typologie bemühen, war mir wichtig, dass jede einzelne eine abstrakte Funktion erfüllt, dass sie eine persönliche Interpretation des gegebenen Kontextes ist und den Übergang vom Versteckten zum Offensichtlichen markiert.”

Der Wahrnehmungsprozess steht im Mittelpunkt – ein roter Faden in der Arbeit des deutschen Künstlers – und findet in diesem Fall Ausdruck in der Metapher der Wegmarken, die den Spaziergängern den Weg weisen. Ob es sich nun um eine Plastik, Kunst an einer Wand oder auf dem Boden, eine in der Luft schwebende Installation oder jede andere Art von Objekt handelt – jede Wegmarke ist das Ergebnis einer Interaktion zwischen den üblichen Anforderungen an öffentliche Kunst als Stadtmobiliar und der ganz eigenen Poesie des Künstlers. “Ich habe die Themen Grenzen, kognitives und perzeptives Bemühen in Kunst und Design, Funktion und Autonomie sowie schweizerische und deutsche Identität aufgegriffen.”

“Ich war an der Ambiguität dieser zwei Zentren interessiert, an der Schaffung von Widersprüchen und den verschiedenen Interpretationsebenen”, so Rehberger. “Ich habe meiner Art, die Dinge zu sehen, schon immer misstraut”, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen. “Ziel des Projekts war es, die Ängste der Menschen in Bezug auf die Kunst zu behandeln, eine Beziehung mit jenen aufzubauen, die zeitgenössisches Schaffen nicht zu schätzen gelernt haben, und meine Aufmerksamkeit den Laien zu widmen.”

Das Projekt „24 Stops“ wurde von den Institutionen an den beiden Ausgangspunkten des Wegs, der Gemeinde Riehen und der Stadt Weil am Rhein initiiert und durch den Schweizer Uhrenhersteller Swatch realisiert. Der Spaziergang kann eigenständig oder als geführte Wanderung unternommen werden. Auf dem Weg zwischen Wegmarke Nummer neun und zehn benötigen die Spaziergänger Ausweisdokumente, um die Grenze ins Nachbarland überqueren zu können. Das Projekt steht in Verbindung mit der internationalen Initiative IBA Basel 2020, deren Ziel es ist, in diesem Teil von Europa, in dem Frankreich, die Schweiz und Deutschland aufeinandertreffen, Kooperationskonzepte anzustossen. Die Open-Air-Initiative Rehberger-Weg hat eine Webseite mit einer Karte zum Herunterladen, eine Smartphone-App und einen Instagram-Account.

Weitere Informationen: www.24stops.info
Social Media: #rehbergerweg


Veröffentlichungsdatum: 30.06.2016
Autor: Marco Sammicheli; erstmals veröffentlicht im italienischen Magazin „Abitare“, März / Mai 2016, S. 128
Bilder: Mark Niedermann, Eduardo Perez, Studio Rehberger
Film: Marc van Nuffel, DU DA group