40 Jahre Vitramat

Ein Rückblick von Mathias Remmele

Zum Klassiker im eigentlichen Sinn hat er es nicht gebracht. In designgeschichtlicher Hinsicht aber verdient der Vitramat noch immer Beachtung. Denn zum Einen spielt er eine wichtige Rolle in der Entwicklung des modernen Bürostuhls. Zum Anderen markiert er den Einstieg von Vitra in das Büromöbelgeschäft.

Als Vitra vor genau 40 Jahren eine neuartige Bürostuhl-Familie namens Vitramat lancierte, sorgte das über die Fachwelt hinaus für grosses Aufsehen. Nicht allein die einschlägigen Fachmagazine, sondern auch überregionale Tageszeitungen berichteten über das Produkt. Solche Beachtung findet ein Bürostuhl nicht alle Tage. Was also machte den Vitramat so interessant?

In der arbeitsmedizinischen Forschung hatte sich in den 1970er-Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, dass das bis dahin propagierte Stillsitzen in einer wie auch immer definierten „richtigen“ Haltung den natürlichen Bedürfnissen des menschlichen Körpers zuwiderläuft. Stattdessen wurde jetzt unter dem Begriff des „dynamischen Sitzens“ ein häufiger Wechsel von Sitzhaltung und -position empfohlen. Das entlaste den Bewegungsapparat, bringe den Kreislauf in Schwung und fördere, zumindest indirekt, die Konzentrationsfähigkeit – eine elegante Verbindung von humanitärer und betriebswirtschaftlicher Begründung. Der Vitramat präsentierte sich vor diesem Hintergrund als ideales Sitz-Instrument.

Besonders und neuartig an diesem Stuhl war zunächst einmal seine dreiteilige Sitzschale. Die nach hinten ansteigende Sitzfläche, die, wie es in einem Inserat von Vitra hiess „ein Abkippen des Beckens verhindert“, ging in eine bewegliche Lumbalstütze über, die Sitz und Rückenlehne verband. Eine „pendelnd gelagerte Rückenlehne, die, in allen Bewegungsrichtungen nachgebend, dem Rücken im oberen Bereich flexiblen Halt gibt“ und im Gegensatz zu traditionellen Stühlen in der Höhe nicht verstellt werden musste, bildete den oberen Abschluss der Konstruktion.

Eine weitere, stark beachtete Innovation war die „Synchronmechanik“ des Stuhles. Sie bewirkt, dass bei stark nach hinten geneigter Rückenlehne die Sitzfläche „synchron“ leicht nach hinten abkippt, um auf diese Weise einen für den Körper günstigen Sitzwinkel zu erhalten. Zum ausgereiften Konzept des Stuhles gehörte schliesslich eine denkbar einfache, intuitiv verständliche Bedienung. Für die Höheneinstellung und Einstellung des Sitzwinkels gab es zwei direkt unterhalb der Sitzfläche angeordnete Hebel.

Rolf Fehlbaum, der kurz vor der Markteinführung des Vitramats die Leitung des Möbelherstellers von seinen Eltern übernommen hatte und sich stark in der Öffentlichkeitsarbeit für das Produkt engagierte, begreift den Stuhl im Rückblick als Resultat einer glücklichen Fügung: „Im Vitramat hat sich eine interessante Formidee des Designers Wolfgang Müller-Deisig mit einer unabhängig davon entwickelten technischen Lösung des langjährigen Vitra-Entwicklungschefs Egon Bräuning verbunden.“ Die von ihm ausgedachte Synchronmechanik, die in diesem Stuhl zum ersten Mal zum Einsatz kam, gehört längst zur Standard-Ausstattung moderner Bürostühle.

Die positive Resonanz auf den Vitramat erklärt Rolf Fehlbaum auch mit günstigen Rahmenbedingungen in den 1970er-Jahren. In den grossen Volkswirtschaften Europas, insbesondere in Deutschland, erlebte der Dienstleistungssektor seinerzeit einen enormen Aufschwung. Die stark wachsende Zahl von Büroarbeitsplätzen habe die Nachfrage nach dafür geeigneten Möbeln erheblich gesteigert. Und die ergonomischen Vorteile des Stuhles seien in einer Zeit der sozialen Reformen – Stichwort „Humanisierung der Arbeitswelt“ – ein starkes Argument gewesen. Die Einführung von verbindlichen Normen für Büromöbel in Deutschland, die ebenfalls in den 1970er-Jahren durchgesetzt wurden, veranlasste viele grosse Firmen, ihre gesamte Büroeinrichtung zu erneuern.

Der Vitramat ermöglichte es Vitra – damals noch ein vergleichsweise kleiner Anbieter – auch um solche Grossaufträge zu konkurrieren. Kurz, mit diesem Stuhl glückte Vitra der Einstieg in den zuvor von wenigen Spezialfirmen beherrschten Büromöbelmarkt. Ein Markt übrigens, in dem bis dahin kaum je nach gestalterischer Qualität gefragt wurde. Das sollte sich bald ändern. Schon 1979 nahm Rolf Fehlbaum Kontakt zum renommierten italienischen Designer Mario Bellini auf. 1984 lancierte Vitra die in Kooperation mit ihm entwickelten Bürostühle Figura und Persona und setzte damit gerade auch in gestalterischer Hinsicht neue Massstäbe.


Veröffentlichungsdatum: 15.12.2016
Autor: Mathias Remmele
Bilder: Vitra Archiv