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Ein Manifest für Farbe

«Breathing Colour» in London

«Breathing Colour» heisst die aktuelle Ausstellung von Hella Jongerius, die derzeit im London Design Museum gezeigt wird. Darin visualisiert die niederländische Designerin Theorien und Konzepte zum Thema Farbe und untersucht unter anderem, wie sich die Elemente Farbe und Licht im Verlaufe eines Tages zueinander verhalten. Hier gibt sie einen Einblick in ihre Überlegungen.

«Farbe beeinflusst sehr viele verschiedene Aspekte von Design: Worte, Formen, Materialien, Physik, Raum, Licht. Die Art und Weise, wie man Farbe erfährt, ist komplett abhängig von ihrem physischen, visuellen, künstlerischen und kulturellen Kontext. Welche Beziehung besteht zwischen Form und Farbe? Wann wertet eine Farbe eine Form auf und verleiht ihr eine neue Dimension? Welche Rolle spielt der Schatten?

Farben verändern sich im Laufe eines Tages. Der Morgen bringt uns Licht, und Licht bringt uns Farben. Das Licht kommt von unten und steigt dann in die Höhe. Die kühle Luft kreiert ein kristallklares Leuchten mit einem bläulichen Farbton. Die morgendlichen Farbtöne sind pastellig: weich, aber frisch, mit weniger Gelb und ohne Schwarz. Der Unterschied zwischen Helligkeit und Leuchtkraft ist sichtbar. Diffuses Morgenlicht wirkt dunstig, bildet aber gleichzeitig einige helle Reflexionen. Das Licht kommt von unten und steigt dann in die Höhe, die Schatten sind verschwommen. Lichtdurchlässig wechselt zu opak. Es bilden sich Formen heraus, Material wird zu Form – in Farbe getauchte Lichtreflexionen.

Am Mittag dann scheint das Licht scharf von oben und schafft lebendige Kontraste und Struktur. Farben ziehen stärker ins Grün und wirken rötlicher. Wenn die Sonne im Zenit steht, erreicht das Licht die höchste Strahlkraft und erweckt stark gesättigte Farben zum Leben. Scharf gezeichnete Schatten bilden einen starken Kontrast zu den energiegeladenen Farbtönen. Ich habe dafür «Farbfänger» eingesetzt. Sie sind eine Abstraktion der Alltagsgegenstände, die mich umgeben, und die ultimativen Formen, um Farbe, Schatten und Reflexionen zu untersuchen. Sie sind gleichsam meine Leinwände.

Am Abend, wenn das Licht mit verschmutzter Luft angefüllt ist, mischt sich Schwarz in die Farbtöne und macht sie passiver. Die Schatten der Formen übernehmen. Eine mystische Welt entsteht, in der Formen mit Schatten verschmelzen, in vielen verschiedenen Nuancen von Schwarz. Wir zeigen ein schwarzes Stillleben, bei dem Absorption und Schatten sichtbar werden und testen dabei unser skotopisches Sehen – die visuelle Anpassung an Umgebungen in der Nacht. Die Ausstellung zeigt «normale» Objekte und Studienobjekte, um die Absorption von verschiedenen schwarzen Schatten verstehen zu können.

Ich möchte mit dieser Ausstellung ein Plädoyer abgeben für Farben, die atmen. Wenn es um Farben geht, fühle ich mich immer noch wie eine Anfängerin. Obwohl ich schon viel über Farben gelernt habe, habe ich sie noch immer nicht durchschaut. Farbe ist eines dieser wunderbaren Themen, die einen immer ein wenig wie einen Anfänger aussehen lassen. Gerade das ist es, was Farbe so wertvoll macht – wie das Leben selbst.»

Mehr Information zur Ausstellung im Design Museum London gibt es hier:
Breathing Colour by Hella Jongerius, 28. Juni 2017 – 24. September 2017


Veröffentlichungsdatum: 20.7.2017
Autor: Hella Jongerius
Bilder: Roel van Tour, Copyright: Jongeriuslab. Ausstellungsbilder: Luke Hayes, Copyright: Jongeriuslab, 2017.