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„Everything is architecture!”

Or is it? Catherine Ince kuratiert „The World of Charles & Ray Eames” in der Barbican Art Gallery in London

„The World of Charles & Ray Eames” erzählt nicht von einer, sondern von vielen Welten, die das Designer-Paar seit den Vierzigerjahren entwarf – gemeinsam und mit berühmten Freunden wie Alexander Girard, George Nelson oder Eero Saarinen. Ihr Schaffen machte sie zu Schlüsselfiguren des amerikanischen Designs. Die Barbican Art Gallery beleuchtet in diesem Herbst und Winter ihr vielfältiges und komplexes Werk und widmet ihren Entwürfen, Geschichten und Gedanken eine grosse Ausstellung mit über 380 Arbeiten. Ist alles Architektur? Die Kuratorin Catherine Ince spricht mit uns über den kreativen Facettenreichtum des Paares.

Catherine, Charles und Ray Eames haben Möbel und Häuser entworfen, grafische und filmische Arbeiten geschaffen, Vorlesungen gehalten und vieles mehr. Was verbindet ihr vielschichtiges Werk?

Es gibt zahlreiche wiederkehrende Merkmale und Motive in den vielen Ausdrucksformen, die Charles und Ray Eames im Laufe ihres Lebens einsetzten. Sie reflektierten in ihren Arbeiten die sie umgebende Welt und begeisterten sich für sämtliche Aspekte der Kunst, Kultur, Wissenschaft, Geschichte und Technik. Sie setzten alle verfügbaren Mittel ein, um ihre Ideen zu erforschen und auszudrücken. Dies brachte eine interdisziplinäre Arbeitsweise hervor, die sich an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientierte.

Wie wichtig war ihre Partnerschaft für den Schaffensprozess? Worin unterschieden sich ihre Arbeitsmethoden?

Charles und Ray Eames’ Partnerschaft war wesentlich für den kreativen Prozess im Eames Office. Charles als gelernter Architekt und Ray als ausgebildete Malerin hatten einen individuellen Zugang zum Begriff Kreativität. Gleichzeitig teilten sie eine enorme Neugier auf die natürliche und auf die vom Menschen geschaffene Umwelt sowie ein angeborenes Gefühl für Formen und Strukturen. Und sie fanden beide: „Everything is architecture“. Ihre unterschiedlichen Fähigkeiten und Interessen ergänzten sich perfekt. Charles tat sich in der Fotografie hervor und stand bei Film- oder Fotoaufnahmen meistens hinter der Kamera. Ray dagegen glänzte als Art-Director mit bemerkenswertem Organisationstalent und einer grossen Liebe zum Detail. Gemeinsam schufen sie ausgeklügelte und präzis orchestrierte Fotoshootings, Filmsets und Ladenpräsentationen, in denen sich ihr Interesse an visueller Kommunikation ebenso widerspiegelte wie ihre anhaltende Begeisterung für den Reichtum der stofflichen Welt.

Das Werk von Charles und Ray Eames wird oft als zeitlos beschrieben, dabei sind die Entwürfe sehr bewusst aus ihrer Zeit heraus entstanden. Wieweit wurde ihr Werk durch politische und soziale Umstände geformt?

Charles und Ray Eames bezogen die sie umgebenden Umstände stets in ihre Arbeit ein. Als sie während des Zweiten Weltkriegs nach Los Angeles übersiedelten, reagierten sie auf die Probleme, mit denen Soldaten an der Front zu kämpfen hatten und experimentierten mit Materialien und Formen, um ihr erstes serienmässiges Sperrholzprodukt zu entwickeln: die Beinschiene. Später griffen sie für den Möbelbau auf Techniken und Materialien zurück, die im Krieg entwickelt worden waren. Andere Arbeiten ergaben sich unmittelbar aus ihrem Interesse an modernen geistes- und naturwissenschaftlichen Theorien und an akademischer Forschung. So wurde ihr 1953 entstandener Kurzfilm “A Communications Primer“ von jenen Kommunikationstheorien beeinflusst, die Intellektuelle wie Claude Shannon und Norbert Weiner damals entwickelten. Das Ehepaar Eames erhielt während des Kalten Krieges zudem Aufträge für diplomatische Missionen wie die American Exhibition, die 1959 in Moskau stattfand und für welche sie ihren zukunftsweisenden und auf sieben Leinwände projizierten Film Glimpses of the U.S.A. realisierten.

Charles und Ray Eames glaubten nicht an die Trennung von Arbeit und Privatleben. Wie wirkte sich dies auf das Konzept des Eames Office aus?

Das Eames Office, 901 Washington Boulevard, war ein produktiver, flexibler und lebendiger Arbeitsort, wo fast alles möglich war. Charles und Ray Eames arbeiteten unheimlich viel und verstanden das Büro als Erweiterung ihrer eigenen vier Wände. Jehane Burns, die 1969 zum Team stiess, erinnert sich: «Auf jeder Oberfläche stapelten sich die vielsagendsten Objekte und Bilder: Überreste vergangener Projekte; Gegenstände, die Freunde dagelassen hatten; Dinge, die man behielt, weil sie gut – oder aber überhaupt nicht – funktionierten; Modelle, Attrappen, Kritzeleien, Diagramme und Grafiken jeder Art und Grösse; Zeichenbretter, Kameras, eine Holzwerkstatt; eine schlichte, aber allseits beliebte Küche. Lichtinseln und verschattete Ecken; dunkles Gelb, Blassrosa und Erdbraun. Zwanglos, sich anhäufend, doch mit genug Raum zum Atmen; zielgerichtet kontrolliert: für die Arbeit, die Gastfreundschaft, die Zusammenarbeit.»

Wenn Sie aus dem gesamten Werk einen Entwurf oder ein Projekt wählen müssten, das die Arbeit von Charles und Ray Eames verkörpert – welches wäre es?

Für mich ist der IBM Pavilion auf der New York World’s Fair 1964–65 das fesselndste aller Projekte des Eames Office. Charles und Ray Eames schufen dafür eine vielschichtige Gesamtumgebung. Diese visuelle und intellektuelle Tour de Force bringt das Motto der beiden auf den Punkt: «Alles ist Architektur.» Das Design entstand in Zusammenarbeit mit Eero Saarinen. Gemeinsam erschufen sie einen Garten der Lüste, in dem man die neueste Computertechnik erleben, die Geschichte der Mathematik entdecken oder einfach in der karnevalesken Atmosphäre des Pavillons schwelgen konnte. Der IBM Pavilion bot ein Spektakel gigantischen Ausmasses. In der Gesamtschau kommt in ihm die Essenz des Werks von Charles und Ray Eames zum Ausdruck: von experimentellen Ideen zu Themen wie visueller Kommunikation, Lernen, Design und Technik bis hin zu Darbietung, Spiel und Spass.


Veröffentlichungsdatum: 7.10.2015
Autor: Vitra
Titelbild: Eames Office staff posing in model for Glimpses of the U.S.A. for the American National Exhibition, Moscow, 1959. © Eames Office LLC

Galerie 1: Charles and Ray Eames with a panel of Eames Office work made for the American Institute of Architects, 1957; Charles Eames in the plywood Lounge and Ottoman. Photograph for an advertisement,1956; Ray Eames. Collage of room display for An Exhibition for Modern Living, 1949. The Work of Charles & Ray Eames, Prints & Photographs Division, Library of Congress, Washington, D.C.; Charles Eames showing Antony Armstrong-Jones model of the I.B.M. Pavilion for the 1964-65 New York World's Fair; Eames Office staff and friends posing against wall of 901; Alex Matter riding a plywood elephant. All rights reserved © Eames Office LLC

Galerie 2: Eames house courtyard; Charles and Ray Eames selecting slides; Stacking Chairs, 1957; Staff of Evans Products Molded Plywood Division with plywood blister for glider nose section; Artwork from Powers of Ten: A Film Dealing with the Relative Size of Things in the Universe and the Effect of Adding Another Zero, 1977; Eames Office Staff. All rights reserved © Eames Office LLC