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Auf dem Weg

Interview mit Tobias Rehberger

Entlang seiner Arbeit «24 Stops», dem sogenannten Rehberger-Weg, und in seinem Studio in Frankfurt am Main unterhalten wir uns mit Tobias Rehberger darüber, was gute Kunst ausmacht. Ein Portrait von Freunde von Freunden.

Tobias Rehbergers Arbeiten kommen plakativ, bunt, mal mit subtilem, mal schelmischem Witz daher. Auf ihre Weise aber überaus konzentriert, kreisen sie seit Jahren um Phänomene der Interpretation, der Über- und Umsetzung. In ihrer Leichtigkeit deuten Rehbergers Werke auf die Frage nach den Grenzen der Kunst und ihren Möglichkeiten. Mit dem von Vitra mit-initiierten, fünf Kilometer langen Rehberger-Weg zwischen dem Vitra Campus in Deutschland und der Fondation Beyeler in der Schweiz widmet Tobias Rehberger sich Objekten im öffentlichen Raum: „Der Weg verbindet ein wichtiges Schweizer Kunstmuseum mit dem Vitra Design Museum”, erklärt Rehberger. „Dementsprechend habe ich eine künstlerische Arbeit gemacht, die sich anhand von unterschiedlichen Objekten mit den Begriffen der Funktionalität und der Benutzbarkeit auseinandersetzt. Auf dem Weg ist die ganze Klaviatur zwischen morphologisch sehr abstrakt – dabei aber funktional – bis zu figurativ aussehend – aber dysfunktional – ausgebreitet. Es gibt alles dazwischen.”

Um «24 Stops» zu erkunden, spazieren wir mit Tobias entlang von kleinen Gassen und Obsthainen. Mit 24 Skulpturen – Wegmarken – schuf er ein Leitsystem zwischen dem Vitra Campus in Weil am Rhein und der Fondation Beyeler in Riehen. „Interessant an Kunst im öffentlichen Raum ist, dass man für beide Seiten da sein muss: Für denjenigen, der wegen der Kunst hingeht, muss man etwas abliefern – aber auch für denjenigen, der einfach nur vorbeikommt, muss man etwas schaffen, das nicht nur Ärgernis ist.“

«Ich bin entschieden Künstler.»

Tobias Rehbergers Skulpturen führen uns über die deutsch-schweizerische Grenze. Sie spielen dabei auch mit den Erwartungen, die als Grenzziehungen an Kunst und Design herangetragen werden. Tobias bietet mit seinen Skulpturen ästhetische Erfahrungen: Ausblicke aus einem Fernrohr oder von einem Hochsitz, ein Brunnen in der Mitte des Weges zur Erfrischung und zum Duschen an heißen Sommertagen. Die moderne freie Kunst definiert sich darüber, dass sie keine bestimmte Funktion zu erfüllen hat.

Ursprünglich aus einem Dorf bei Stuttgart stammend, kam Rehberger in den frühen 90er Jahren wegen einer Frau, die er beim Skifahren kennenlernte, nach Frankfurt. Er studierte bei Thomas Bayrle und Martin Kippenberger an der renommierten Städelschule, an der er heute selbst eine Klasse leitet. Weil Rehbergers Kunst oft mit Funktionalität arbeitet, kann man ihn vorschnell mit einem Designer verwechseln. „Mich interessieren die Dinge aber in den meisten Fällen aus der Perspektive der Kunst. Ich bin daher entschieden Künstler, weil mich Fragen oder Herangehensweisen besonders interessieren, die eher in der Kunst stattfinden und die für meine Lebenswirklichkeit viel wichtiger sind.”

«Ich muss mich selbst missverstehen, damit ich etwas anderes verstehen kann.»

Er ergänzt: „Eigentlich würde ich mich gerne in einer Reihe von klassischen Bildhauern von Rodin bis Ellsworth Kelly sehen, weil meine Kunst für mich am Ende hauptsächlich Formfrage ist. Ob die Formen mit einem Meissel oder einem Telefonhörer gemacht werden, halte ich für weniger wichtig. Ich würde mich durchaus als ‘vollwertigen Künstler’ bezeichnen, aber im Prozess denke ich mich eher als einen Katalysator als ein sich expressiv gebärenden Künstler. Es fängt nicht bei mir an und hört auch nicht bei mir auf. Ich mache etwas damit, damit es hinten anders herauskommt, als es vorne reingeht.”

„Wie das Wort Missverständnis schon sagt, ist es ja ein bestimmtes Verständnis, aber eines, das die Dinge umdreht. Das ist etwas, das in der Kunst – zumindest für die, die mich interessiert – ein Grundstein ist. Sie muss irgendetwas bei mir umdrehen, ich muss mich selbst missverstehen, damit ich etwas anderes verstehen kann. So würde ich mir das auch von meinen eigenen Arbeiten wünschen: Dass man sie auf eine Weise sieht, dass man sich dabei selbst auch missverstehen kann, dass man sich selbst dreht, bewegt.“

In einer Galerieausstellung baute Tobias einmal eine organisch geformte gelbe Sitzecke, mit der er zum Trinken und Rauchen in den Galerieräumen einlud. Der Kurator Nicholas Bourriaud hat einen Begriff für solche Strategien in der Kunst der 90er Jahre gefunden: “Relational Aesthetics”. Im Mittelpunkt steht der Mensch und seine soziale Interaktion, nicht das auratische Objekt. Das gilt für Tobias Rehbergers Arbeiten definitiv.

Dieses Portrait ist Teil der Zusammenarbeit von Vitra und Freunde von Freunden.


Veröffentlichungsdatum: 13.4.2017
Autor: Juliane Duft
Bilder: Ramon Haindl