Nach oben

‘Machen wir es einfach’

Ein Gespräch über den Stool-Tool

Auf dem London Design Festival 2016 stellte Vitra gemeinsam mit Konstantin Grcic das neue Projekt Stool-Tool vor. Mit Johanna Agerman Ross, Kuratorin des Victoria and Albert Museum und Gründerin von Disegno, sprach der Designer über Eindrücke seiner Reise zum Silicon Valley, über die Rolle der Beobachtung bei seinen Entwürfen und über die Namensgebung des Stool-Tool. Ein Auszug.

Johanna Agerman Ross: Wir sind heute Abend hier, um über ein spezielles Projekt zu sprechen. Es nennt sich Stool-Tool. Der Stool-Tool erschliesst, wie zeitgenössische Werke in öffentlichen Umgebungen unsere Sitzweise prägen und auch, wie das sich verändernde Tempo der Arbeit uns auffordert, neu zu überdenken, was wir von einem Sitzmöbel erwarten. Konstantin, was ist der Stool-Tool?

Konstantin Grcic: Stool-Tool ist ein monolithischer Körper mit zwei Ebenen. Beide Ebenen können beliebig genutzt werden – zum Beispiel kann eine Ebene wie ein Stuhl als Sitzfläche dienen, die andere als Tisch. Das Objekt ist wie ein Eimer entworfen, der auf dem Kopf steht. Es ist leicht pyramidenförmig und innen hohl, weil ich wollte, dass es stapelbar ist. Das Design stellt im Prinzip den Prozess dar, das richtige Gleichgewicht zwischen der „Grösse seines Fussabdrucks” – wir wollten ihn so klein wie möglich halten – und “der grösstmöglichen Sitzfläche zum Arbeiten” zu finden.

JAR: Wo genau beginnt für dich der Designprozess?

Es fängt mit einer Beobachtung an. In diesem besonderen Fall war es die einfache Beobachtung, dass es in jeder Büroumgebung – ob es sich um ein cooles, zwangloses Start-up oder ein traditionelleres Unternehmen handelt – Situationen gibt, in denen eine spontane Aktivität gefordert ist. Man möchte Menschen zu einem kurzen Gespräch zusammenbringen oder sich, weg vom Schreibtisch, irgendwo hinsetzen, um zu telefonieren oder etwas zu notieren. Hier sah ich einen Bedarf, eine Nische.

JAR: Für dich und dein Studio ist das Projekt vergleichsweise einfach, Material und Fertigungstechnik sind sehr unkompliziert – ganz anders als bei vergangenen Projekten.

KGC: Selbstverständlich sind Projekte sehr unterschiedlich. Wenn andere Projekte mehr Technologie enthielten und komplexer waren, dann, weil es erforderlich war. Ich bin immer sehr für Einfachheit. In diesem Fall ist sie der Schlüssel zum Erfolg des Objekts. Wir mussten Stool-Tool auf eine sehr schlichte Bauart herunterbrechen: die Bauart eines Eimers. Es kann industriell hergestellt werden – Polypropylen-Spritzguss. Es ist einfach zu pflegen und leicht. Man kann es hochheben und herumtragen, im Prinzip ist es beliebig einsetzbar. Viele Büros haben genug Stühle, Tische oder Lounge Möbel und all das, aber ich denke, es wird oft etwas viel Einfacheres benötigt. Dies ist die Nische, von der ich gesprochen habe.

«Machen wir’s einfach. Und wenn es fertig ist, lernen wir davon.»

JAR: Der Ursprung deiner Recherchen für dieses spezielle Projekt liegt eigentlich in einer Reise mit Vitra nach Kalifornien vor zwei Jahren, um Tech-Start-ups zu besuchen. Kannst du uns ein wenig von dieser Reise erzählen und was sie in deinen Vorstellungen und deinem Design ausgelöst hat?

KGC: Wir gingen nach Los Angeles und San Francisco, um neue Bürotypen kennenzulernen. Wir besuchten alle Arten neuer Firmen: Start-ups, kleine Firmen, die über Nacht zu sehr grossen Unternehmen gewachsen waren, Firmen die gewachsen sind und sich wieder im Schrumpfungsprozess befanden. Es war wirklich ein grossartiger Einblick, besonders in die Silicon-Valley-Mentalität. Etwa Marc Zuckerbergs Motto: „Done is better than perfect”. Für sie geht es eher darum, Ideen schnell umzusetzen, um sie testen zu lassen und Feedback zu bekommen. Und ich denke, dieses Projekt – Stool-Tool – ist, genau das zu versuchen: ein sehr einfaches Projekt umzusetzen, ein schnelles. Man kann es herausgeben und Feedback bekommen. Diese Art zu arbeiten brachte ich aus dem Silicon Valley mit. Machen wir’s einfach. Und wenn es fertig ist, lernen wir davon und können später unsere Erkenntnisse in andere Projekte integrieren.

JAR: Ich denke, es ist auch sehr interessant, über die Ästhetik der Arbeitsplätze zu sprechen, die du auf deiner Reise nach Kalifornien gesehen hast – wie setzen diese Unternehmen Möbel ein und welche Art von Möbeln wählen sie für ihre Büros?

KGC: Die Aussage in Kalifornien war: “Möbel? Nicht wirklich relevant.” Dort müssen Möbel ihre Funktion erfüllen. Sie kaufen Möbel im 24-Stunden-Lieferservice. Man ruft an und gibt durch, dass man zehn neue Schreibtische braucht und am Morgen geliefert bekommen möchte. Man wählt nicht sorgfältig eine Farbe aus und wartet dann sechs Wochen auf die Lieferung. Aber sie brauchen Möbel nach wie vor. Möbel ermöglichen ihnen das zu tun, was sie tun; sie ermöglichen die neue Bürostruktur und eine neue Form der Arbeit. Ich denke, die Antwort auf diesen Trend ist nicht, frustriert zu sein, sondern die sich ändernden Bedürfnisse als einen aufregenden Paradigmenwechsel und als neue Chance zu verstehen. Hier öffnet sich eine Nische – und ich als Designer freue mich darüber sehr. Und ich denke dass der Stool-Tool in dieser Nische seinen Platz findet.

«Die Idee der Funktion gibt mir die einzelnen Bestandteile eines Entwurfs vor. Ich muss nur noch die Details erarbeiten.»

JAR: Du sprachst von der Beobachtung einer Umgebung, für die du Entwürfe entwickelst. Aber es gibt auch eine Beobachtung der Nutzer, sobald deine Projekte auf dem Markt sind. Viele deiner Entwürfe verstärken eine Interaktion mit ihnen.

KGC: Alles was wir tun, soll von Leuten benutzt werden. Das Grossartige an Möbeln, insbesondere an Sitzmöbeln, ist der physische Kontakt, den wir mit ihnen haben. Man sitzt auf etwas und ist in reellem Kontakt damit. Der Stuhl wird zu einer Erweiterung oder gar einem Kleid des Sitzenden. Ich mag diese physische, fast konfrontative Reibung. Ich habe vor einigen Jahren gelernt, dass die ursprüngliche Bedeutung des Wortes «Objekt» im Lateinischen übersetzt mehr oder weniger «Etwas in den Weg legen (oder werfen)» heisst. Ich mochte das, weil es eine leichte Aggression beinhaltet. Ich stelle dir ein Objekt in den Weg, ein Hindernis, damit du dich damit auseinandersetzt.

JAR: Der Name Stool-Tool deutet an, dass es um mehr geht als um etwas zum blossen Sitzen. Wie denkst du über Möbel als Werkzeuge?

KGC: Mein Interesse daran, Möbelstücke zu Werkzeugen zu machen, geht weit zurück, wahrscheinlich bis in meine Studienzeit. Ich denke, es war ein einfacher Ausweg aus der Entscheidung, welchen Stil ein Möbelstück haben, wie es aussehen sollte. Ich konnte immer argumentieren: «Es ist halt ein Werkzeug und das ist die Art, wie es funktioniert». Natürlich hat auch ein Werkzeug seine eigene Ästhetik. Die Leuchte May Day zum Beispiel, die ich für Flos entworfen habe, hat einen Griff und ein langes Kabel, damit man sie nehmen und irgendwohin tragen und am integrierten, kleinen Haken aufhängen kann. Da hat meine Idee, wie ein Entwurf gebraucht werden soll, zu ganz klaren Elementen geführt: zum Kabel, zum Haken, zum Griff. Die Idee der Funktion gibt mir die einzelnen Bestandteile eines Entwurfs vor. Ich muss nur noch die Details erarbeiten. Wie beim Stool-Tool. Man interagiert instinktiv damit.


Veröffentlichungsdatum: 23.09.2016
Bild: Florian Böhm - Konstantin Grcic auf dem Stool-Tool. Copyright: Vitra