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Zu Tisch

Der Davy Table von Michel Charlot

Der junge Designer Michel Charlot stellt dem Landi-Stuhl einen Tisch aus Aluminium zur Seite: leicht, in der Höhe einstellbar und für den Sonnenschirm perforiert.

Vitra veranstalte keine Wettbewerbe, um neue Entwurfe zu generieren, sagt Vitra-Designchef Eckart Maise: „Offene Projekte sprechen wir bei einem gemeinsamen Mittagessen mit Designern gerne mal beiläufig an – um zu sehen, ob sie darauf anspringen.“ So war es auch beim Tisch, der heute als Begleiter für den Landi-Stuhl dient. Als Michel Charlot davon hörte, war er sofort interessiert. Er hatte zuvor für Belux gearbeitet und war der Leuchte U-Turn wegen öfter in Birsfelden. Der 1984 geborene Designer studierte an der Ecal Lausanne. Mit der Leuchte Mold für Eternit, die 2007 an der Design Miami Basel gezeigt wurde, machte er auf sich aufmerksam. Er arbeitete daraufhin zwei Jahre für Jasper Morrison und gründete 2011 sein eigenes Studio in Basel.

An diesem Mittwoch im Juni ist er aus Brüssel angereist: Heute diskutiert er mit Entwickler und Konstrukteur ein letztes Mal seinen Entwurf, bevor dieser in Produktion geht. In einem Sitzungszimmer stehen drei Prototypen, einer aus rohem Stahl, zwei weitere aus eloxiertem Aluminium. An der Wand hängen Skizzen von Stuhl, Tischbeinen sowie Belastungsmodelle von beiden. Die Experten überarbeiten Radien, wägen Materialstärken ab und überdenken, wie die Beine zu montieren sind. Das Briefing war simpel: Ein Tisch für den Aussenbereich, einmal für vier, einmal für sechs Personen und eine runde Variante – letztere zwei sind aufgeschoben. Für Materialisierung wie auch Formensprache liess die Firma dem Designer freie Hand: Einen Kontrapunkt zu setzen, wäre ebenso möglich gewesen, wie ein verwandtes Möbel zu entwerfen. Michel Charlot entschied sich für Letzteres. Sein Entwurf ist aus Aluminium gefertigt, ein einzelnes Loch in der Mitte des Blattes erinnert an die charakteristische Perforation der Sitzschale, die den Stuhl besser versteift und ihm eine höhere Leichtigkeit verleiht. Auch Charlots Loch ist nicht nur dekorativ, es hält einen Sonnenschirm an Ort und Stelle. Die Ecken sind abgerundet, der Tisch ist wetterfest, wiegt leichte fünf Kilogramm und lässt sich zu einem stabilen Turm stapeln.

Bistrotische haben oft nur einen Zentralfuss. Michel Charlot hat sich für vier Beine entschieden: ein weiterer Kniff, um an Hans Corays Entwurf zu erinnern. Die vier Beine hat er als L-förmig gebogene Aluminiumprofile gezeichnet. Sie werden auf der Unterseite des Blattes einzeln verschraubt, um in einer zentralen Steckverbindung zusammenzulaufen. Diese liegt direkt unter dem Loch für den Sonnenschirm und war in den ersten Modellen sichtbar, wenn man am Tisch sass. In mehreren Schritten hat der Designer die Form der Halterung umgeformt, bis sie von oben unsichtbar war. Der Tisch ist in fünf Minuten montiert, lediglich vier Schrauben müssen angezogen werden. „Es war meine Aufgabe, die Teile und damit die Kosten zu minimieren“, sagt der Designer.

“Klassische Industriedesign-Aufgaben lösen, an Details schrauben und grübeln.“

Es ist ihm gelungen, den Tisch auf vierzehn Teile zu reduzieren: ein Blatt, vier Beine, vier Gummikappen für die Füsse und fünf Fixierungen auf der Unterseite des Blatts, mit denen die Beine gehalten werden. Die Halterungen sind der Stabilität wegen nicht aus Aluminium, sondern aus Zinkdruckguss. Damit sich auf dem drei Millimeter dünnen Tischblatt keine Spuren abzeichnen, werden die Halterungen mit einem Metallklebstoff aus der Autoindustrie fixiert. Damit werden auch die Stuhlbeine verklebt. Dem Designer gefällt das: „So beeinflusste meine Arbeit die Neuauflage des Klassikers.“ Im Kontext einer Ikone zu entwerfen hemmte ihn nicht: „Ich spürte weniger Ehrfurcht, als dass ich den Rahmen schätze, der mir dadurch gesteckt wurde.“ Er stellt sich gern in seinen Schatten: Ihn interessiere die Rolle des Autorendesigners weniger, der mit eigenen Entwürfen seinen Namen festige, er wolle klassische Industriedesign-Aufgaben lösen, an Details schrauben und grübeln, wie sich Kosten und Qualität optimieren lassen. Im Fall des Tisches bedeutete dies, möglichst wenig Teile zu verwenden. Denn: Aluminium ist ein teures Material und der Tisch soll nur so viel kosten wie zwei Stühle.

Die vier Gummikappen an den Füssen erinnern ebenfalls an den Stuhl. Allerdings sind sie mit einem Gewinde versehen, damit sich die Höhe austarieren lässt: „Es gibt nichts Mühsameres, als in einem Gartenrestaurant einen Bierdeckel unter ein Bein schieben zu müssen, damit der Tisch nicht mehr wackelt“, sagt der Designer. Für zusätzliche Stabilität wurde statt eines einfachen Aluminiumrohrs ein speziell hergestelltes Extrusionsprofil verwendet. Verrippungen innerhalb dieses Profils sorgen für die Steifigkeit der Beine. „Einene Tisch aus Aluminium macht sonst niemand, Stahl ist die Norm“, sagt Michel Charlot. Zu leicht, zu wenig stabil und zu teuer sei das Material. Es derart dünn zu verarbeiten, bedingte immer wieder Belastungstests, es galt zu visualisieren, wo Kräfte entstehen. Jemand muss sich auf der Tischkante abstützen können, ohne dass der Tisch kippt. Stuhl und Tisch sollen in ein und derselben Farbe erscheinen. Beide werden anodisiert, ein chemischer Vorgang, bei dem die Metalle in ein Bad getaucht werden. Auch wenn die beiden Stücke symbiotisch erscheinen: Je nachdem, wie der Stuhl am Tisch steht, entstehen die unterschiedlichsten Momente. Einmal wirken die Beine wie aus einem Guss, mal unterscheiden sich die Materialstärken je nach Blickwinkel. Michel Charlots Entwurf ist ein idealer Begleiter und doch eigenständig – ein entscheidendes Detail, denn schliesslich soll sein Tisch auch mit anderen Stühlen funktionieren.


Veröffentlichungsdatum: 02.06.2016 / Hochparterre, Mai 2014
Autor: Lilia Glanzmann
Bilder: Markus Frietsch, Florian Böhm