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Der «New Deal» für unser Zuhause

Ein Essay von Ilse Crawford

1.

Gemäss Ilse Crawford hat das Zuhause eine neue Wertschätzung als Faktor für unser Wohlbefinden erfahren, weil wir es nach dem Lockdown, während dem wir uns wochenlang 24 Stunden daheim aufhielten, neu überdacht haben. Dabei spielen seine Lage, die Art der zur Verfügung stehenden Räume und die Materialien, aus denen es besteht, eine wichtige Rolle. Im besten Fall ist das Zuhause ein Zufluchtsort für komfortables und ruhiges Arbeiten, bietet viel Platz für unsere vielfältigen Freizeitaktivitäten und besteht aus hygienischen und haptisch angenehmen Materialien. Vor allem ist es ein Ort, wo wir die einfachen Freuden des Lebens in vollen Zügen geniessen können. Historisch gesehen hat sich unser Zuhause nur langsam verändert. Doch so wie die Pandemien des späten viktorianischen Zeitalters für die Geburt des Modernismus sorgten, könnte die aktuelle Krise eine Revolution in unseren Wohnungen und Häusern auslösen.

Sobald wir uns blinzelnd in die Post-Lockdown-Welt hineinbewegen, denken viele über ihr Zuhause nach, in das sie sich in den letzten Monaten zurückgezogen haben. Es war ein gewaltiges gesellschaftliches Experiment, das uns vor Augen führte, dass wir das Zuhause als Ort betrachten müssen, den wir bewusst und aktiv erleben, anstatt am Ende eines langen Arbeitstages müde dorthin zurückzukehren, ohne uns Gedanken darüber zu machen, welche Auswirkungen es auf unsere körperliche und geistige Gesundheit hat. Der Lockdown hat uns viel darüber gelehrt, wie ein Zuhause funktionieren kann – oder eben nicht – als Ort, wo Leben und Arbeiten Hand in Hand gehen, mit anderen zusammen oder alleine. Unser Zuhause wird in Zukunft wieder interessanter. Viele von uns, oder genauer gesagt diejenigen, die sich glücklich schätzen, ein halbwegs lebenswertes Zuhause zu haben, erleben es in einem ganz neuen Licht.

Monatelang 24 Stunden an einem Ort verbracht zu haben, hat uns auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Wir konnten uns damit befassen, was funktioniert und was nicht. Wir konnten unsere Designvorlieben und -entscheidungen testen. Und wir haben überraschend einfache Freuden entdeckt. Im Wesentlichen hatten wir die Chance, uns darüber Gedanken zu machen, wie die Dinge, mit denen wir leben, und die Räume, in denen wir leben, uns verändern. Sie verändern nämlich, wie wir uns fühlen, wie wir uns verhalten und wie wir miteinander umgehen. Und uns ist bewusst geworden, wie sie das Wohlbefinden beeinflussen.

2.

Abwanderung aus den Innenstädten
In Grossbritannien gibt es bereits eindeutige Anzeichen dafür, dass Menschen in die Vororte ziehen, denen bewusst wird, dass Wohngemeinschaften, enge Grossstadtwohnungen oder – für Familien – Häuser ohne Garten in Pandemiezeiten einfach nicht ideal sind. Es wird auch viel diskutiert, welche Voraussetzungen für das Wohnen in der Stadt gelten sollten. Immer mehr Menschen wohnen lieber ausserhalb der Innenstadt. Die Immobilienpreise in der Londoner Innenstadt sinken laut den aktuellsten Daten um 8 bis 18 Prozent. Zugang zu Grünflächen steht bei vielen so weit oben auf der Wunschliste, dass er zu einem nicht verhandelbaren Auswahlkriterium wird. Dies gilt auch für Balkone, geteilte Aussenbereiche, Fahrradabstellräume oder Schrebergärten.

Zurück zur Höhle
Welche Auswirkungen werden die im Lockdown gelernten Lektionen auf unsere Innenräume haben? Viele Erkenntnisse sind praktischer Natur. Eine wichtige aber ist, dass das Zuhause wieder seinen ursprünglichen Status als emotionale Heimat zurückerlangt hat. Es ist persönlich, vertraut und ein sicherer Ort – so etwas wie eine gut funktionierende Höhle. In der Aussenwelt dreht sich alles um Handdesinfektionsmittel und physische Distanzierung. Sobald wir daheim angekommen sind und den Schmutz der Aussenwelt abgewaschen haben, können wir endlich wieder Mensch sein. Das Zuhause ist ein Gegenmittel zum Stress der Aussenwelt. Es ist eng mit unserem wahren Ich und unseren täglichen Abläufen verbunden.

3.

Arbeiten von zuhause
Eine wichtige praktische Erkenntnis ist, dass einzelne Räume sehr wandlungsfähig sein können. Tagtäglich von zuhause zu arbeiten, war zum Beispiel für viele von uns nicht leicht, wenn man sich den Wohnbereich mit Familie oder Freunden teilt. Aber wir können jetzt einschätzen, wie Wohnraum zum Arbeiten funktioniert. Wenn man oft in Videokonferenzen ist, werden Türen viel wichtiger – am besten schalldichte. Es ist auch vorteilhaft, seinen Hintergrund bei digitalen Meetings so gut wie möglich ins richtige Licht zu rücken – wieviel möchten wir von unserem Heim preisgeben? Wie neutral, wie gestylt, wie professionell oder wie «entspannt» soll es aussehen?

Des Weiteren muss der kleine Platz, an dem man einen Grossteil des Tages verbringt, definitiv komfortabel sein. Nach einem Tag vor dem Bildschirm klingt ergonomisches Design plötzlich nicht mehr so langweilig. Der Küchentisch taugt zwar auch für eine Weile, aber ein Schreibtisch mit der passenden Höhe und ein richtiger Bürostuhl machen einen grossen Unterschied. Die richtige Beleuchtung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle – nicht nur für die Schreibtischarbeit, sondern auch für Videoanrufe. Und sie rückt einen in ein gutes Licht. Home-Schooling war auch eine der grossen Herausforderungen. Es konnten sich diejenigen glücklich schätzen, die ein Gästezimmer zur Verfügung hatten. Für Menschen, die sich einen Wohnraum mit anderen teilen, kommen leichte und bewegliche Tische in Frage, funktionelle Stühle und eine ausreichende Beleuchtung sind trotzdem unverzichtbar.

4.

Zeit zum Entspannen
Wir haben erkannt, wie wichtig es ist, auch einmal richtig abzuschalten – mit all den Aktivitäten, die die Arbeit von der Freizeit unterscheiden und nicht nur mit denjenigen, die einen Tag vom nächsten trennen, nicht nur mit dem abendlichen Ins-Sofa-Sinken zum Fernsehen. Um diese zu ermöglichen, muss unser Zuhause anpassbar und flexibel sein, es muss Räume haben, die man leicht von einer Aktivität zur nächsten umfunktionieren kann, von Online-Fitness, Online-Vorlesungen und Online-Erwachsenenbildung bis zum Abendessen mit der Familie und Filmabenden. Wir haben die Freude an leichten, einfach beweglichen «Alleskönner-Möbeln» entdeckt – und beschränken uns nun vielleicht auf einige wenige.

5.

Gewöhnliches wird zum Aussergewöhnlichen
In der Zeit daheim haben auch viele von uns eine Begeisterung für das Alltägliche wiederentdeckt und gelernt, wie wichtig die einfachen Dinge des Lebens sein können: Bücher zu lesen, im Garten zu arbeiten oder den Balkon zu bepflanzen, Wäsche zu waschen, zu Backen und zu Kochen – als Bestandteile einer gesunden und erfüllten Lebensweise. Wir werden uns wahrscheinlich stärker darauf konzentrieren, wie wir diese alltäglichen Tätigkeiten mehr geniessen können, wodurch wir uns auch mehr Gedanken über die notwendigen Geräte und Aufbewahrungsmöglichkeiten machen.

Eine gute Leselampe und ein bequemer Lesesessel, ein Aufbewahrungsort für Gartenutensilien und ausreichend Platz für Kochzutaten und Küchengeräte, damit wir das, was wir brauchen, aufbewahren können – und es auch finden, wenn wir es brauchen. Sogar das Umfunktionieren eines Raums in eine Vorratskammer oder Waschküche kann sinnvoll sein. Es wird behauptet, dass 15 % jeder Wohnfläche als Stauraum genutzt werden sollte, um wirklich funktionell sein zu können. Diese Fläche wird aber oft zuerst geopfert, wenn es eng wird.

Gesundheit und Sauberkeit
Schliesslich widmen wir uns auch noch unserer Gesundheit und unserem Wohlbefinden. Das offensichtlichste zuerst: Sauberkeit. Dabei geht es um eine wiederholte Handlung, nicht etwa allein um Ästhetik. Was in der aktuellen Situation zur Priorität geworden ist, könnte auch die Basis für bessere Gewohnheiten werden und für uns alle positiv sein. Wie in den Kulturen des Mittleren Ostens, Indiens und Asiens üblich, hätte das ideale Zuhause einen Eingangsbereich, wo wir unsere Schuhe abstreifen können. Idealerweise gäbe es in der Nähe der Eingangstür ein Waschbecken, wo wir unsere Hände waschen und unsere Masken ablegen. Ausserdem gäbe es einen geräumigen Schrank für all die neuen Putzutensilien.

Sobald wir die Schwelle überschritten haben, sind wir daheim angekommen. Natürlich brauchen wir dabei nicht übermässig zwanghaft vorzugehen. Pflegeleichte Oberflächen und solche mit antibakteriellen und mikrobenhemmenden Eigenschaften wie Kork, Kupfer oder Messing werden jedoch automatisch attraktiver. Dabei ist es nicht immer offensichtlich, welche Materialien am besten abschneiden. Laut wissenschaftlichen Publikationen, z.B. dem New England Journal of Medicine, sind Kunststoff, Glas und Stahl Materialien, auf denen sich das Coronavirus am längsten hält – auf Glas sind es 96 Stunden, auf Kupfer jedoch nur 4 Stunden – was zählt, ist also die regelmässige Reinigung und nicht die Optik.

Und was noch wichtiger ist: Wir sind immer mehr eingenommen von dem, was Naomi Klein als den «Screen New Deal» bezeichnet. Sie hat überzeugende Argumente, dass wir in einer Welt leben, die wir vollkommen mithilfe der technologischen Errungenschaften erleben, in der wir online arbeiten, online einkaufen, uns online weiterbilden, in der der Arztbesuch online stattfindet und das Fitnessstudio ebenfalls online ist. Da uns deshalb im Alltag Berührungen fehlen, ist es umso wichtiger, den physischen Eigenschaften unseres Zuhauses Beachtung zu schenken.

Giftstoffe in unserem Zuhause werden ebenfalls zum Thema. Luftverschmutzung wird immer öfter als Mitverursacher für ein schwaches Immunsystem genannt. Dazu gehört nicht nur die Verschmutzung der Aussenluft, sondern auch diejenige durch Farbe, Textilien, Gas und Kerzen aus Wachs auf Erdölbasis. Leitungswasser kann auch unterschiedlich giftig sein, besonders, falls es durch alte Rohre fliesst. Wasser- und Luftfilteranlagen sind also ebenso sinnvoll wie gutes Durchlüften. Auch Textilien stellen nicht selten ein Problem dar, da sie oftmals chemisch verarbeitet, gefärbt und behandelt werden. Am besten wirft man einen Blick auf das Etikett und bezieht Produkte von vertrauenswürdigen Quellen, auch wenn das manchmal leichter gesagt als getan ist.

6.


Historisch gesehen ist unser Zuhause einer der Orte, der sich am langsamsten verändert – dramatische gesellschaftliche Ereignisse, wie wir sie momentan durchleben, können dies jedoch beschleunigen. Und die Entscheidungen, die wir jetzt, in der Übergangszeit und nach der Pandemie treffen, werden uns in eine andere Realität versetzen. Bei Ästhetik geht es nicht nur um Äusserlichkeiten. Vielmehr ist sie ein Medium, das Werte sichtbar macht, damit die materielle und immaterielle Welt unsere Anliegen in einem bestimmten Moment reflektiert und sich entsprechend verändert, um diesen einen Sinn zu geben. Design kann bei diesem Prozess ein Motor der Veränderung sein und reagiert immer auf sozialen und kulturellen Wandel. Die Bauhaus-Bewegung in Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür. Sie war eine Reaktion auf die spätviktorianischen Pandemien, eine Antwort auf die verschmutzten Industriestädte. Sie nahm sich vor, eine frische, leichte, saubere neue Realität zu erschaffen. Interessanterweise schliesst sich so fast der Kreis. Jetzt, hundert Jahre später, zu einer Zeit, in der Umweltverantwortung eine zentrale Rolle spielt, scheint die Verknüpfung dieser Notwendigkeit mit einer humaneren, realistischeren, lebenswerteren Perspektive auf Design eine ideale Lösung zu sein.

Ilse Crawford ist Designerin, Wissenschaftlerin und Kreativchefin von Studioilse in London. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, menschliche Bedürfnisse und Wünsche in den Mittelpunkt ihres kreativen Schaffens zu stellen. Diese Philosophie setzt sie mit dem multidisziplinären Team von Studioilse in die Tat um und schafft Umgebungen, in denen Menschen sich wohlfühlen.


Veröffentlichungsdatum: 10.8.2020
Autor: Ilse Crawford
Bilder: © 1. Gavin Elder; 2. Caspar Sejerson; 3. Lorenz Cugini; 4. Felix Odell; 5. Caspar Sejerson; 6. Tom Mannion