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Was ist Ihre Definition von «Design», Monsieur Eames?

Eine Vitra Anekdote

1969 wurden Charles und Ray Eames zur Teilnahme an der Ausstellung «Qu'est ce que le design?» im Musée des Arts Décoratifs, Palais de Louvre in Paris eingeladen. Grundlage des Ausstellungskonzepts war die Beantwortung aktueller Fragen zum Thema Design.

Das Eames Office präsentierte eine Reihe von Arbeiten für verschiedene Kunden und der Fragenkatalog zu Design inklusive Charles’ Antworten wurde auf Raumhöhe vergrössert. Das berühmte Diagramm zum Designprozess entstand ebenfalls für diese Ausstellung.

Das Skript wurde später für einen Film von Charles und Ray Eames aus dem Jahr 1972 verwendet, den sie «Design Q and A» nannten. Darin werden die Fragen und Antworten laut vorgelesen und von selbst aufgenommenen Bildern begleitet.

Nachfolgend die Fragen und Antworten – angereichert mit einer Reihe von Eames-Fotos, die Charles und Ray für den Film von 1972 ausgewählt haben:

Design Q & A – Fragen und Antworten zu Design
Fragen: Madame L. Amic, Antworten: Charles Eames

F: Was ist Ihre Definition von «Design», Monsieur Eames?
A: Man könnte Design als einen Plan zur Anordnung von Elementen zur Erfüllung eines bestimmten Zwecks beschreiben.

F: Ist Design ein Ausdruck von Kunst?
A: Ich würde eher sagen, es ist Ausdruck einer Zweckbestimmung. Dieser kann, wenn er gut genug ist, später als Kunst beurteilt werden.

F: Ist Design ein Handwerk für industrielle Zwecke?
A: Nein, aber Design kann eine Lösung für industrielle Probleme sein.

F: Was sind die Grenzen von Design?
A: Was sind die Grenzen von Problemen?

F: Ist Design eine Disziplin, die sich nur mit einem Teil der Umwelt beschäftigt?
A: Nein.

F: Ist es eine Methode allgemeinen Ausdrucks?
A: Nein. Es ist eine Handlungsmethode.

F: Ist Design eine Schöpfung eines Individuums?
A: Nein, realistischerweise muss man immer den Einfluss derer erkennen, die vorangegangen sind.

F: Ist Design eine Schöpfung einer Gruppe?
A: Sehr oft.

F: Gibt es eine Design-Ethik?
A: Es gibt immer Designeinschränkungen, und diese implizieren oft eine Ethik.

F: Bedeutet Design die Idee von Produkten, die notwendigerweise nützlich sind?
A: Ja, auch wenn der Nutzen sehr subtil sein kann.

F: Kann Design zur Schaffung von Werken beitragen, die ausschliesslich dem Vergnügen dienen?
A: Wer würde sagen, dass Vergnügen nicht nützlich ist?

F: Sollte sich die Form aus der Analyse der Funktion ableiten lassen?
A: Dabei besteht das grosse Risiko, dass die Analyse unvollständig ist.

F: Kann der Computer den Designer ersetzen?
A: Wahrscheinlich, in gewissen Fällen, aber normalerweise nutzt der Designer den Computer als Hilfsmittel.

F: Setzt Design industrielle Fertigung voraus?
A: Nicht unbedingt.

F: Wird Design genutzt, um ein altes Objekt mit neuen Techniken zu überarbeiten?
A: Das ist eine Art von Designaufgabe.

F: Wird Design genutzt, um ein bestehendes Modell so anzupassen, dass es attraktiver wird?
A: Auf diese Weise denkt man normalerweise nicht über Design.

F: Ist Design ein Element von Industriepolitik?
A: Wenn Designeinschränkungen eine Ethik implizieren und wenn die Industriepolitik ethische Prinzipien enthält, dann ist Design ein Element der Industriepolitik, ja.

F: Anerkennt der Designprozess Einschränkungen?
A: Design hängt stark von Einschränkungen ab.

F: Welche Einschränkungen?
A: Die Summe aller Einschränkungen. Hier liegt einer der wenigen effektiven Schlüssel zum Designproblem: die Fähigkeit des Designers, so viele Einschränkungen wie möglich zu erkennen; seine Bereitschaft und Begeisterung, in den Grenzen dieser Einschränkungen zu arbeiten. Beschränkungen des Preises, der Grösse, der Stärke, des Gleichgewichts, der Oberfläche, der Zeit und so weiter. Jede Aufgabe hat ihre ganz eigene Liste.

F: Respektiert Design die Gesetze?
A: Sind Einschränkungen nicht genug?

F: Gibt es Tendenzen und Schulen im Design?
A: Ja, aber diese sind mehr ein Mass für menschliche Grenzen als für Ideale.

F: Ist Design kurzlebig?
A: Einige Bedürfnisse sind flüchtig. Die meisten Entwürfe sind kurzlebig.

F: Sollte Design zum Flüchtigen oder zur Beständigkeit neigen?
A: Die Bedürfnisse und Entwürfe, die eine universellere Qualität haben, neigen zu einer relativen Beständigkeit.

F: Wie würden Sie sich in Bezug auf einen Dekorateur definieren? Einen Innenarchitekt? Einen Stylist?
A: Das würde ich nicht.

F: An wen richtet sich Design: an möglichst viele? An Spezialisten oder an den aufgeklärten Amateur? An eine privilegierte Gesellschaftsschicht?
A: Design richtet sich an Bedürfnisse.

F: Haben Sie nach Beantwortung all dieser Fragen das Gefühl, dass Sie den Beruf des Designers unter zufriedenstellenden oder sogar optimalen Bedingungen ausüben konnten?
A: Ja.

F: Waren Sie gezwungen, Kompromisse einzugehen?
A: Ich erinnere mich nicht, jemals gezwungen gewesen zu sein, Kompromisse einzugehen, aber ich habe gerne Einschränkungen akzeptiert.

F: Was ist, Ihrer Meinung nach, die primäre Voraussetzung für die Ausübung von Design und für seine Verbreitung?
A: Das Erkennen von Bedürfnissen.

F: Was ist die Zukunft von Design?

Auf die letzte Frage gibt es keine Antwort, aber dafür Farbbilder von schönen Tischdecken und wilden Wiesenblumen.


Veröffentlichungsdatum: 9.1.2020
Autor: Stine Liv Buur
Bilder: © Eames Office, LLC