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Mit der Gallery erforschen wir neues Terrain

Drei Fragen an Viviane Stappmanns, Kuratorin der Vitra Design Museum Gallery

In seiner Arbeit widmet sich das Vitra Design Museum grossen thematischen Ausstellungen und Retrospektiven zum Werk wichtiger Designer, die dann um die ganze Welt reisen. Auf dem Vitra Campus gibt es aber auch noch einen kleineren Ausstellungsraum: die Vitra Design Museum Gallery. Kuratorin Viviane Stappmanns berichtet, was es mit diesem Raum auf sich hat.

Wie ergänzt die Gallery das Programm des Vitra Design Museums?

Die grossen Ausstellungen des Vitra Design Museums sind in der Regel sehr aufwendig produziert. Die Kuratoren dieser Ausstellungen tauchen ganz in ihr Thema ein. Sie arbeiten mehrere Jahre lang daran und veröffentlichen einen Katalog. Nach ihrer Erstpräsentation in Weil am Rhein werden diese Ausstellungen dann in Museen auf der ganzen Welt gezeigt. Wenn der Bau von Frank Gehry mit seinen grossen Ausstellungen das Flaggschiff des Vitra Design Museums ist, dann ist die erst seit knapp 10 Jahren existierende Gallery das kleine, wendige Beiboot. Während zum Steuern des Flaggschiffs ein grosses Team, viel Kraft und Aufwand benötigt wird, ist die Gallery perfekt für «Erkundungsfahrten». Sie wird nur von einem ganz kleinen Team betreut und widmet sich der Erforschung neuen Terrains.

In der Gallery kuratieren wir zum Beispiel Werkschauen von aufstrebenden Künstlern und Designern, im letzten Jahr haben wir etwa die ersten Soloausstellungen der niederländischen Designerin Christien Meindertsma und der britischen Künstlerin und Designerin Alexandra Daisy Ginsberg gezeigt. Beide sind noch keine 40 Jahre alt, beide hatten vorher noch keine Einzelausstellung, aber sie sind einzigartig in ihrer Herangehensweise und haben ein beeindruckendes Werk. In der Gallery darf und soll experimentiert werden, wir können schneller auf das Zeitgeschehen reagieren. Hier spüren wir ganz aktuellen Tendenzen in Design und Architektur sowie deren Schnittstellen nach, manchmal auch in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen oder Hochschulen.

Und welche aktuellen Tendenzen im zeitgenössischen Design haben Sie durch ihre Arbeit entdeckt?

Was auffällt, ist dass die wirklich interessanten Entwicklungen dort passieren, wo es um den Designprozess selbst geht, nicht um das vollendete Objekt. Während noch vor einem Jahrzehnt die Handschrift des Autors und sein fertiges Produkt im Vordergrund standen, passieren heute die spannendsten Dinge dort, wo sich Gestalter mit dem übergeordneten Kontext ihrer Arbeit beschäftigen und diese auch in Frage stellen. Da rückt einerseits die Recherche, der investigative Aspekt des Designs, in den Vordergrund. Christien Meindertsma etwa setzt sich intensiv mit Herstellungsprozessen und Materialien auseinander, recherchiert und hinterfragt diese. Das französische Designkollektiv Collections Typologie wiederum erforscht, wie viele Objekte seit Jahrhunderten in kleinen Schritten verbessert und verändert werden. Damit schlägt es eine Brücke zu ganz aktuellen Designentwicklungen, denn durch die komplexen Prozesse der Digitalisierung und Agilität wird es immer wichtiger, dass auch fertige Produkte oder Dienstleistungen noch Raum für Veränderung lassen und sich immer wieder anpassen können. Ausserdem ermöglicht uns die Gallery, Design und Architektur aus ganz neuen Blickwinkeln zu betrachten. Das haben wir mit dem mexikanischen Duo Lake Verea gezeigt, das sich in seinem Projekt Paparazza Moderna die Mythen, mit denen sich die Moderne der Architektur umrankt, vorgeknöpft hat.

Und natürlich ist Nachhaltigkeit ein Riesenthema. Da wollen wir in der Gallery auch zeigen, dass es nicht nur darum geht, umweltverträglichere Materialien zu entwickeln – obwohl dies sehr wichtig ist und wir uns etwa in unserem Material Lab im Schaudepot eingehend damit beschäftigen – sondern auch darum, eine verantwortungsvollere, reflektierte Haltung einzunehmen. Zu dieser fordert uns etwa Daisy Ginsberg durch ihre Arbeiten auf. Ausserdem müssen Designprozesse neu überdacht werden, wenn es um Nachhaltigkeit geht, etwa indem interdisziplinärer und ergebnisoffener gearbeitet wird. Damit beschäftigt sich etwa Julia Lohmann, mit der wir gerade an der Ausstellung Sea Change arbeiten, die im Mai 2020 eröffnet.

Wie soll sich das Profil der Gallery weiterentwickeln?

Im Design selbst geht es immer mehr um Kollaboration und um regelmässigen Austausch. Das möchten wir gern auch aufs Ausstellungsmachen übertragen. Wir arbeiten deshalb daran, uns mit anderen Institutionen, Kuratoren und Universitäten dauerhafter zu vernetzen. Im Moment machen wir uns Gedanken zum Programm 2021. Hier gibt es natürlich unzählige Möglichkeiten, aber aktuelle Themen in Bezug auf Stadtentwicklung und Architektur verdienen sicher eine gewisse Aufmerksamkeit, hier gibt es wirklich spannende Akteure und Projekte.


Veröffentlichungsdatum: 26.12.2019
Bilder: © Vitra Design Museum, Alberto Strada, Bettina Matthiesen, Mark Niedermann, Ludger Paffrath, Design Museum Helsinki, Paavo Lehtonen