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Der Fokus wird sich zunehmend auf Materialien richten

Interview mit Hella Jongerius

1.

Die Zusammenhänge zwischen Materialien und Menschen erkundet Hella Jongerius schon seit Langem. Allerdings bemerkt die niederländische Designerin, die hauptsächlich in Berlin arbeitet, dass die Beziehung zu den Materialien und Räumen um uns herum im Wandel begriffen ist. Hier spricht sie über die Herausforderungen und Möglichkeiten, die sich daraus ergeben.

Was hat sich in den vergangenen Monaten, während des Lockdowns, für Sie persönlich verändert?

Ich wollte sicherstellen, dass die jungen Leute aus aller Welt, die hier in meinem Berliner Atelier arbeiten, rechtzeitig vor dem Lockdown zurück nach Hause kommen. Also reisten sie alle ab. Das heisst, wir sind jetzt nur noch wenige. Zweimal pro Woche treffen wir uns hier, den Rest der Zeit arbeite ich allein.

Wahrscheinlich ist es ja schon eine Weile her, seit Sie so gearbeitet haben?

Das stimmt, und ich muss sagen, es kam mir wie ein Luxus vor. Ich wusste zwar, dass sich draussen eine Tragödie abspielte, aber drinnen ging es sehr friedlich zu. Dadurch hatte ich Zeit, über all die geschäftigen Jahre meiner beruflichen Praxis nachzudenken. Ich hatte endlich wieder Gelegenheit, in meinen Archiven zu stöbern, und ich habe wieder angefangen zu lesen.

Glauben Sie, diese Erfahrung könnte die Art und Weise, wie Sie Ihr Atelier betreiben, dauerhaft verändern?

Nein, das denke ich nicht. Ich hatte immer schon ein Atelier in Berlin und eines in den Niederlanden. Deshalb ist das Arbeiten aus der Entfernung für mich normal. Aber ich bin auch der Meinung, dass Designer es brauchen, im Atelier zusammen zu sein. Man muss die Arbeit von einem Schreibtisch an den anderen weitergeben können. Was sich jedoch ändern könnte, sind die Fragestellungen, die an uns herangetragen werden und mit denen wir uns auseinandersetzen müssen.

2.

In welcher Beziehung? Was glauben Sie, welche Fragen die Auftraggeber an Sie herantragen werden?

Unsere Umgebungen müssen noch mehr «Menschlichkeit» ausstrahlen. Dieses Thema steht bei mir schon seit Langem auf der Tagesordnung, nicht erst seit COVID-19, aber die aktuellen Ereignisse haben es noch wichtiger gemacht. Ich glaube ausserdem, dass Materialien eine relevantere Rolle spielen werden. Auch mit diesem Thema habe ich mich bereits beschäftigt. Als Designer interessierte es uns natürlich in erster Linie unter Nachhaltigkeitsaspekten. Eine bedeutende Material-Evolution oder sogar -Revolution war also bereits im Gange. Aber nun wird man noch mehr auf Materialien achten, da auch die Hygiene einen sehr hohen Stellenwert erhält. Und auf die Taktilität wird man grösseren Wert legen. Die Aufgabe wird also sein, erspürbare Materialien mit einer Verbindung zum Menschen zu verwenden und gleichzeitig sicherzustellen, dass sie sich sauber und hygienisch anfühlen. Dies können wir erreichen, indem wir unser Augenmerk auf handwerkliche Verfahren und Ehrlichkeit bei der Produktion und Instandhaltung richten, und dabei auf Langlebigkeit hinwirken.

Künftig werden sehr viel mehr Arbeitsabläufe, zum Beispiel Gespräche, in digitaler Form stattfinden. Was bedeutet dies für das Design physischer Räume?

Ich glaube, wenn man den Tag auf einer digitalen Plattform verbringt, dreht sich, sobald man wieder den physischen Raum betritt, alles um Beziehungen und Berührungen. Und darin steckt ein Widerspruch, denn wenn man an Berühren denkt, geht es dabei häufig um Textilien, beispielsweise Webstoffe. Aber jetzt könnten Textilmaterialien im öffentlichen oder halböffentlichen Raum den Leuten das Gefühl geben, sie seien zu «privat» und verschmutzten zu leicht, man reagiert möglicherweise empfindlicher auf Keime und Schmutz. Designer stehen also vor der Frage – oder dem Problem – wie sie Taktilität erzeugen können. Sie könnte beispielsweise durch die Art der Möbelpolsterung entstehen oder indem man Erklärungen zur leichten Reinigung der Oberflächen mitliefert oder indem man mit Mustern arbeitet, die dem Objekt einen menschlichen Charakter verleihen.

Es gibt also eine ganze Reihe von Faktoren, die zusammenspielen. Sie erwähnten, dass Nachhaltigkeit weiterhin ein bedeutender Faktor sein wird, aber heute auch Hygiene ein Thema ist – einschliesslich der Methoden, wie Materialien regelmässig zu reinigen sind. Es scheint so, als würden Designer in Zukunft vielleicht sogar noch mehr auf die Rohmaterialien der von ihnen entworfenen Objekte achten, auf Produktionskreisläufe, aber auch auf Instandhaltung und Lebensdauer. Glauben Sie, die Rolle des Designers wird sich erweitern und mehr Bereiche einbeziehen?

Gute Designer haben sich schon immer mit diesen Themen beschäftigt. Aber nun gibt es Fakten und höhere Ziele. Wir müssen unausweichlich und entschieden Verantwortung übernehmen.

Designer müssen sich mehr auf Materialien als auf das Endergebnis konzentrieren. Früher konnten sie sich vielleicht einfach beliebige verfügbare oder angebotene Materialien aussuchen, aber heute sollte ein Designer an Entwicklung und Produktion beteiligt sein.

3.

Sie haben schon früher mit der Fluglinie KLM zusammengearbeitet und die Innenausstattung ihrer Flugzeuge entworfen. Damals untersuchten Sie das Verhalten von Menschen in diesen halböffentlichen Räumen und arbeiteten an Taktilität und «Menschlichkeit». Wie verändern sich Ihrer Meinung nach gegenwärtig die Mobilität im öffentlichen Raum und das Reiseverhalten?

Wenn ich mich heute im öffentlichen Raum aufhalte, finde ich Folgendes interessant: Es gibt keine gesichtslose Masse mehr, sondern Individuen. Wir sind aufmerksam, geben aufeinander acht. Obwohl wir Abstand halten müssen, zollen wir einander Anerkennung und Respekt. Wir nicken oder lächeln, während wir den verfügbaren Raum untereinander aufteilen. Natur und offene Bereiche erfreuen sich grosser Wertschätzung, also wird man sie möglicherweise zunehmend in Gebäude, öffentliche und halböffentliche Räume integrieren. Es könnte ein Bedarf an Aussenmöbeltypologien entstehen, die nur für ein oder zwei Personen bestimmt sind und das Sitzen mit Abstand zu anderen ermöglichen.

Es ist nicht das erste Mal, dass das Design unserer persönlichen Umgebung unmittelbar von globalen Ereignissen beeinflusst wird. Die Unsicherheit und das menschliche Bedürfnis nach Sicherheit veranlassten die Menschen auch nach den Anschlägen vom 11. September, sich in ihr Zuhause zurückzuziehen – den Trend zum skandinavisch inspirierten Hygge-Wohnstil sehen viele als Folge dieser Ereignisse. Glauben Sie, die aktuelle Krise wird diese Form des Rückzugs ins «heimische Nest» ebenso beflügeln?

Der Unterschied liegt darin, dass wir diesmal gezwungen waren, uns in unsere Häuser zurückzuziehen. Klar, das gab uns auch Zeit, unsere Wohnung und die Möbel kritisch zu erkunden, vielleicht das eine oder andere zu reparieren oder zu putzen. Unsere Wohnumgebung stand absolut im Mittelpunkt. Aber uns fehlte die soziale Interaktion, die zum Ausser-Haus-Sein dazugehört. Wir wollen wieder mobil sein, interagieren und uns an der Kultur erfreuen. Auf absehbare Zeit sehe ich uns alle noch nicht auf Langstreckenflügen, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass wir diesmal einen signifikanten Drang zu Rückzug und Häuslichkeit erleben werden. Das Zusammensein wird im Mittelpunkt stehen.

4.

In der aktuellen Krise wurden wir auch auf viel durch Isolierung verursachtes Leid aufmerksam, besonders bei älteren Menschen. Pflegeheime wurden für Besucher geschlossen oder die Leute zu Hause isoliert. Glauben Sie, dies führt zu einem strukturelleren Wandel unserer Lebensweise? Zu generationenübergreifenden Wohnformen vielleicht?

Ich denke, diese Bewegung war bereits zuvor im Gange, könnte jedoch an Dynamik gewinnen. Allerdings sollten wir vielleicht die bekannten Typologien, in denen wir leben, neu überdenken. Wie sieht es architektonisch und gestalterisch in Pflegeheimen und Gesundheitseinrichtungen aus? Die Krise hat die Unzulänglichkeiten dieser Institutionen in den Blickpunkt gerückt, die oft nur im Hinblick auf medizinische Sicherheit ausgerichtet sind, sich jedoch unmenschlich und steril anfühlen. Auch unsere Wohnräume mussten völlig neue Aufgaben erfüllen. Sie wurden zu Klassenzimmern, Familienmitglieder kämpften für persönlichen Freiraum, um ihrer Arbeit nachzugehen. Vielleicht muss die Art und Weise, wie wir unsere Wohnungen einrichten, flexibler werden, wir brauchen neue Typologien von Möbeln oder Methoden, den Platz flexibel aufzuteilen. Das Potenzial zum Verändern und Experimentieren ist gross.


Veröffentlichungsdatum: 3.7.2020
Bilder: © 1. Vitra; 2. Jongeriuslab: Papiermaquette – Arbeitsplatz; 3. Jongeriuslab: Bleistiftzeichung – Arbeitsplatz; 4. Aquarell Studie – Arbeitsplatz