Nach oben

Wenn ein Stuhl supernormal ist

Der All Plastic Chair
Eine Original-Geschichte von Vitra

Der All Plastic Chair ist ein unauffälliger, wohlproportionierter Stuhl, der so aussieht, als kenne man ihn schon lange. Für den britischen Designer Jasper Morrison, der ihn zusammen mit Vitra entworfen hat, macht genau das seine Qualität aus.

1988 präsentierte Morrison seine Designprinzipien in zwei Ausstellungen: «Some Items for the House, Part I» in der daadgalerie in Berlin und ein Jahr später «Some Items for the House, Part II», inszeniert von Vitra in der Galleria Fac-Simile in Mailand. Er hatte für die Installationen einige Möbel entworfen, die weniger als Einzelobjekte wirken, sondern vielmehr eine Atmosphäre entstehen lassen sollten. So wollte er verstehen, was einem Raum Charakter verleiht, und was nicht – und damit verhindern, dass er Dinge entwirft, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, sich aber für den Entwurfskontext gar nicht eignen.

«Die Produkte schaffen die Atmosphäre. Und ich denke, das ist ein wichtiger Teil des Jobs: eine gute Atmosphäre zu schaffen. Sonst sind wir gescheitert.»
Jasper Morrison

Die Installation in der daadgalerie hat Jasper Morrison fast ausschliesslich aus Sperrholz (Plywood) hergestellt: mit rohen Platten an den Wänden und am Boden sowie mit geschichteten, gebogenen und geglätteten Elementen für Tisch und Stühle. Seinen Ply Chair entwarf er mit den Werkzeugen und Materialien, die ihm in Berlin zur Verfügung standen – einer elektrischen Stichsäge und ein paar Kurvenlinealen.

Zu jener Zeit regte Vitra an, den Ply Chair zur Serienreife zu ent­wickeln. Der Stuhl konzentrierte Morrisons Design-Haltung in einem Produkt, das wie eine Zeichnung wirkte. Sein Grundprinzip, Alltagsgegenstände für jedermann herzustellen, manifestierte er in seinen Publikationen «Utilism, The Unimportance of Form» und 2007 in «Super Normal—Sensations of the Ordinary».

Explosionsskizze «Ply Chair» von Jasper Morrison, 1988
Jasper Morrison

«Super Normal» ist für Jasper Morrison nicht ein Designrezept: «Es ist eher eine langfristige Entdeckung der Qualität eines Objekts, die über unser Urteil und die grundlegende Einschätzung hinausgeht, wenn wir Dinge zum ersten Mal wahrnehmen. ‹Super Normal› gehört mehr zum Alltag als zum Design. […] Form ist neben allen anderen Fragen unwichtig. [...] Die Objekte, die am besten funktionieren, tun das nicht, weil sie schön oder wertvoll aussehen, sondern weil sie den Code haben, gut darin zu sein, was sie sind – ein guter Korkenzieher, ein guter Stuhl, ein gutes Paar Schuhe.»

Es sind diese Gedanken, die auch der Entwicklung des All Plastic Chair zugrunde liegen. Dem All Plastic Chair fehlt der Ausdruck des revolutionär Neuen, obwohl es einen vergleichbaren Stuhl nicht gibt. Er vereint in sich das gesammelte Wissen eines erfahrenen Designers und das Know-how von Vitra, sieht aber aus, als wäre er schon immer da gewesen. Gemäss Jasper Morrisons Designansatz also: wie ein guter Stuhl.

Inspiration zur Beschäftigung mit dieser Art von Stuhl fand er unter anderem im «Café Einstein Stammhaus» in Berlin, das im Erdgeschoss des Gebäudes im Stadtteil Schöneberg liegt, in dem eine der erwähnten Ausstellungen, «Some Items for the House, Part I» stattgefunden hat. Hier sitzen die Gäste auf klassischen, hölzernen Kaffeehausstühlen, wie sie in vielen Europäischen Ländern weit verbreitet sind – in Deutschland als Frankfurter Stuhl, in Italien als Sedia Milano und auch in der Schweiz und in Österreich in vielen Variationen.

«Es geht um das Beobachten all der Dinge, die schon passiert sind und den Versuch, die ganze Geschichte in einem Objekt zusammenzufassen, das dazu noch frisch aussieht.»
Jasper Morrison

2008 hat Jasper Morrison sich zum ersten Mal im Detail mit dieser Stuhltypologie auseinandergesetzt und mit Vitra den Basel Chair entworfen. Es ging ihm darum, Geist und Grundform der Typologie zu erhalten, gleichzeitig aber die Eigenschaften des Stuhls zu verbessern. Dieses Ziel hat er erreicht, indem Sitzfläche und Rückenlehne des Holzstuhls neu in Kunststoff ausgeführt sind. Im Vergleich zu reinen Holzstühlen erlaubt diese Materialkombination organischere Formen, sorgt für einen verbesserten Komfort und ermöglicht einen frischen Umgang mit Farben.

Für den 2016 lancierten All Plastic Chair galt die gleiche Ausgangslage wie für den Basel Chair: Kann man den Kaffeehausstuhl erneuern? Morrison: «Die Dinge müssen weniger neu, als vielmehr besser sein.» Der All Plastic Chair macht diesen nächsten Schritt mit einem neuen Material: Komplett aus Kunststoff gefertigt, stellt er einen wesentlichen Fortschritt in Aussehen und Funktionalität dar. Seine Sitzgeometrie, der leicht nachgiebige Kunststoff und die Konstruktion der Rückenlehne, die über eine Achse und Gummipuffer mit dem Rahmen verbunden ist, sorgen für Bewegung und angenehmen Komfort. Der recycelbare Kunststoff Polypropylen wird für den Stuhlrahmen in einer anderen Mischung als für den Sitz und die Rückenlehne verwendet, was mittels jeweils leicht verschiedenen Farbnuancen der zwei Bauteile sichtbar gemacht wird.

Der All Plastic Chair ist in seiner Gestalt ein Kaffeehausstuhl. Aber ganz im Sinne seines Designers nicht bloss ein neuer, sondern ein sorgfältig weiterentwickelter und verbesserter.


Veröffentlichungsdatum: 16.04.2018
Bilder: Marc Eggimann, Elena Mahugo, Jasper Morrison

Original-Geschichten von Vitra im Magazin
Gönnen Sie sich ein Original. Denn: Ein Original behält seinen Wert. Ein Imitat ist und bleibt eine billige Kopie, eine gestohlene Idee. Den Unterschied machen dabei Dinge, die man auf den ersten Blick vielleicht gar nicht sieht – aber spürt. Ein Original wird Sie lange begleiten. Wohl überleben sogar. Die nächste Generation wird also auch Freude an Ihrer Entscheidung haben. Aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte.
Das Original kommt von Vitra