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Die Spuren der Zeit

Interview mit Menno van Meurs

Zeit, so scheint es, gibt es nicht genug. Sie ist das ultimative Luxusgut. Es ist Zeit, die Menno van Meurs antreibt, den Mitbegründer des in Amsterdam ansässigen Unternehmens Tenue de Nîmes. Von Jeans und Vintage Eames Chairs, über Filterkaffee zu Red-Wing-Stiefeln aus Wildleder; Menno besinnt sich der „guten Dinge im Leben“. Im Atelier von Tenue de Nîmes, im Westen Amsterdams und in Mennos Zuhause, fühlt es sich beinahe so an, als würde die Zeit stillstehen. Schätze aus der ganzen Welt kommen hier zusammen. Ob aus Tokio, Japan oder Saint Paul, Minnesota, jeder Gegenstand erzählt seine eigene Geschichte. Das geschaffene Chaos wird durchbrochen von zeitloser Harmonie, die Tenue de Nîmes auszeichnet.

Zu welchem Zeitpunkt wurde dir klar, dass du im Einzelhandel arbeiten möchtest?

Da war ich 15 Jahre alt. Für mich war der Einzelhandel eine der coolsten Branchen überhaupt, in der man arbeiten konnte. Ich war zu dieser Zeit verrückt nach Sport und fuhr fast jedes Wochenende mit dem Zug zu diesem Sportbekleidungsladen in Rotterdam; ich war so oft dort, dass mir der Manager schließlich einen Job anbot. Man könnte sagen, seitdem war ich vollends begeistert. Mit 17 fing ich an in einem Jeansladen zu arbeiten und entdeckte die fabelhafte Welt der Jeansstoffe. Als ich dann mit meinem Studium fertig war, wusste ich, dass ich wieder im Einzelhandel arbeiten wollte.

Was hat dich dazu inspiriert deinen eigenen Laden zu eröffnen?

Nach einem Praktikum in der Agentur...,staat (wo ich auch unseren jetzigen Art Director Joachim Baan kennen lernte), traf ich Rene Strolenberg, einen alten Freund aus meiner Zeit im Jeansladen. Wir erinnerten uns an einen verrückten Traum, den wir einst hatten, wir wollten die Welt verändern –Träume, die man so hat mit 17, nicht? Ich erzählte Rene, zu der Zeit bei G-Star arbeitete, von meiner Idee, einen eigenen Laden zu eröffnen – und er war sofort mit an Board.

Erzähl’ uns mehr über Tenue de Nîmes.

Wir feiern die guten Dinge im Leben. Wir möchten den Leuten zeigen, dass es so viele schöne Dinge gibt, die auch lange halten. Ich muss immer an den Spruch von Patek Philippe denken: „ Eine Patek Philippe wird dir nie ganz gehören, du leihst sie dir nur für eine Weile aus.“ Wenn man sich die Anfänge von Jeans anschaut, warum sie überhaupt erfunden wurde, dann ist das ziemlich faszinierend; Jeans wurden nicht als schönes, sondern als funktionales und dauerhaftes Kleidungsstück entworfen. Jeans sollten das Leben erleichtern und den Arbeitsalltag optimieren. Die Geschichte unseres Ladens wird immer auch mit der Jeans in Zusammenhang stehen – er hat sich von einem puristischen Jeansladen zu einem Ort wunderschöner Produkte, Marken und Konzepte weiterentwickelt.

Was ist das Geheimnis eures Erfolges?

Wir bieten eine gute Mischung an alter Schule und Moderne. Mit alter Schule meine ich, dass man seine Produkte kennt, an sie glaubt und dabei einen guten Service anbietet. Dies scheint in unserer Gesellschaft in Vergessenheit geraten zu sein. Uns wird oft nachgesagt, dass wir uns im Umgang mit unseren Kunden besonders viel Mühe geben, aber wir sehen darin einfach nur guten Service. Andererseits leben wir aber auch in einer schwierigen Zeit. Wir kommunizieren nicht mehr nur ausschließlich mit Menschen aus Amsterdam, sondern mit der gesamten Welt – das ist eine spannende Entwicklung für die Branche des Einzelhandels. Die Kombination der alten Schule des Verkaufs mit der durch das Internet beeinflussten Moderne ist essentiell.

Du hast eine sehr beeindruckende Sammlung an Gegenständen hier im Atelier: japanische Puppen, ausgestopfte Füchse, ein Sammlerstück aus den 1950er Jahren, eine Jeansjacke, aber auch einen Vintage Eames Chair. Kannst du uns mehr darüber erzählen?

Dies ist ein frühes Exemplar des Eames Plastic Armchair DAX. Er wird auch oft „Rope Edge“ genannt, weil ein Seil in die Kanten des Eames Chairs eingearbeitet wurde. Als ich den Eames Chair fand, war er in sehr schlechter Verfassung; er hatte vier Löcher auf der Rückseite (die kann man heute nicht mehr sehen, da ein guter Freund von mir ihn repariert hat). Offensichtlich hatte man diese Stühle meist draußen benutzt, sodass die Löcher notwendig waren, um Regenwasser ablaufen zu lassen. Heute würde das wohl keiner mehr machen. Wir haben den Plastic Armchair und diesen (zeigt auf einen Vintage Plywood Group DCW chair) für ein paar hundert Dollar in einem Vintageladen gekauft, außerhalb von Saint Paul, Minnesota. Man könnte sagen, Gegenstände wie diese verkörpern die Seele von Tenue de Nîmes. Die Tatsache, dass unsere Ateliers und Läden voll sind mit solchen Schätzen, lässt uns immer eine interessante Geschichte erzählen.

Es zieht sich eine ähnliche Ästhetik durch die Läden, das Atelier sowie dein Zuhause. Würdest du dem zustimmen?

Das war nicht so geplant. Alles, was du siehst, entspringt meinem Herzen. Mein Zuhause besteht aus einer eher merkwürdigen Ansammlung von Dingen, die ich faszinierend finde. Und man könnte sagen, sie spiegeln meine Interessen wider – von amerikanischem Vintage und dem Erbe der Jeans über zeitgenössische Kunst bis hin zu modernem skandinavischen Design. Ich habe nicht viel Zeit, ich arbeite hart und versuche soviel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen; entsprechend ist es mir wichtig, mich mit schönen Gegenständen zu umgeben, die mir Freude bereiten.

Du hast eine sehr umfangreiche Sammlung an Eames-Designstücken. Gibt es etwas bestimmtes, was diese Faszination begründet?

Am meisten bewundere ich an Charles und Ray Eames Arbeit deren Zeitlosigkeit. Der Eames Chair wird heute als Ikone bezeichnet – das Times Magazin hat den LCW sogar zum wichtigsten Design des 20. Jahrhunderts gekürt – obwohl dies nie von den Designern beabsichtigt war. Die Designs wurden für Jedermann entworfen und sollten sich durch ihre Haltbarkeit bewähren. Man konnte sie überall finden: an Schulen und Flughäfen, in Krankenhäusern oder in staatlichen Gebäuden. Dieses Set an weißen Eames Plastic Armchairs ist ursprünglich aus einem amerikanischen Krankenhaus. Das Design war damals nicht sehr beliebt und der einzige Grund, warum die Eames Plastic Armchairs so weiß geblieben sind, war das damalige Rauchverbot in Krankenhäusern!

„Ich möchte Menschen an das kostbarste Gut im Leben erinnern: Zeit.“

Gibt es noch andere Stücke, über die du etwas erzählen möchtest?

Das hier ist auch ein einzigartiges Stück. (Menno zeigt auf die Beinschiene, die am Kaminsims lehnt). Eames hat während des zweiten Weltkrieges circa 150 000 davon für das amerikanische Militär hergestellt. Eine seiner größten Frustrationen war, dass er nicht wusste, wie er Sperrholz so biegen konnte, dass er daraus den perfekten Stuhl entwickeln könnte. Dank dieser Schiene schaffte er es schließlich, diese Krümmung zu erzielen, was zur Erfindung des berühmten LCW Chairs führte. Ich war so inspiriert von dieser Geschichte, dass ich mich entschied, selbst so eine Schiene zu kaufen und eine Art ‚Altar’ zu errichten.

Was meinst du mit Altar?

Ich habe auf diesen LCW Chair gespart; er stammt aus der ersten Serie aus den 1940ern. Über dem LCW Chair hängt ein altes Pressefoto von Muhammad Ali. Jeden Morgen werde ich an zwei großartige Menschen erinnert, Charles Eames und Muhammad Ali, zwei Männer, die niemals aufgaben. Ich finde es wichtig von Zeit zu Zeit zu reflektieren. Es ist bedauerlich, dass wir nicht öfter innehalten und über unsere Errungenschaften nachdenken, insbesondere da Zeit so kostbar geworden ist.

Mir kommt es so vor, als würden wir immer wieder zum Faktor Zeit zurückkehren.

Ralph Lauren sagte einst, dass Funktionsgegenstände mit dem Alter besser werden müssen. Ich glaube, man muss in langwährende Dinge investieren, nur so kann man sein gesamtes Leben lang Freude daran haben. Das trifft mit Sicherheit auf Möbel zu – eine nagelneue Ledercouch ist nicht annähernd so schön wie eine, die schon 20 Jahre alt ist. Denk nur an die Arbeit von Charles und Ray Eames – sie entwarfen schlichte Produkte, die dauerhaft sein sollten, nicht nur bezüglich der Funktion, sondern auch aus ästhetischen Gesichtspunkten. Dieser Gedanke lässt sich auch auf Kleidung übertragen. Das allgemeine Interesse galt lange Zeit eher der kurzlebigen Mode, sodass wir uns dazu entschlossen, das Tempo rauszunehmen. Haider Ackermann sagt, dass er Mode entwirft, die Leuten hilft, Zeitgefühl zu verlieren. Zeit, so sagt er, ist das ultimative Luxusgut. Als ich das hörte, dachte ich: Das ist genial. Ich möchte genau das, Menschen an das kostbarste Gut im Leben erinnern: Zeit.

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Veröffentlichungsdatum: 8.2.2016
Autor: Margot van der Krogt
Bilder: Jordi Huisman