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Der Organic Chair

Ein Schlüsselwerk des Mid-Century Modern Designs

Mid-Century Modern – dieser Begriff steht für die wahrscheinlich kreativste, in jedem Fall aber für die international bekannteste und wirkungsmächtigste Epoche der amerikanischen Designgeschichte. Mit dem Organic Chair ist ein frühes Meisterwerk dieser Zeit wiederentdeckt worden. Ein Rückblick von Mathias Remmele.

Angeregt durch das Möbeldesign der europäischen Moderne kreierten amerikanische Designer wie Charles und Ray Eames, George Nelson, Isamu Noguchi und Alexander Girard, aber auch Eero Saarinen, Harry Bertoia, Florence Knoll, Jens Risom und George Nakashima in den 1940er- und 1950er-Jahren einen eigenen Stil, der Funktionalität und formale Eleganz miteinander verband: das Mid-Century Modern Design. Dieses erscheint verglichen mit der eher kühlen und strengen Anmutung der Klassischen Moderne gefälliger, entspannter und menschlicher. Seine optimistische Ausstrahlung trifft den Nerv unserer Zeit. Das erklärt seine anhaltende, in den letzten Jahren noch erheblich gewachsene Popularität.

Der Organic Chair, ein Gemeinschaftswerk von Charles Eames und Eero Saarinen, zählt zu den wichtigsten Entwürfen des Mid-Century Modern Designs – auch wenn er in einer breiten Öffentlichkeit noch eher weniger bekannt ist. Denn der 1940, anlässlich eines vom Museum of Modern Art in New York lancierten Möbelwettbewerbs entstandene Sessel ist ein Schlüsselwerk im Schaffen dieser Designer und ein Schlüsselwerk der gesamten Epoche. Viele der späteren, heute ikonischen Sitzmöbelentwürfe von Charles und Ray Eames sowie von Eero Saarinen lassen sich formal und konzeptionell auf dieses Modell zurückverfolgen. Das gilt für den Eames Plastic Chair und den daraus abgeleiteten Wire Chair ebenso wie für Saarinens Tulip Chair und seinen Womb Chair. Selbst zum Eames Lounge Chair, bei dem das Prinzip des Schalensitzes weiter verfeinert wurde, lassen sich Verbindungslinien ziehen.

Charles Eames und Eero Saarinen, zwei junge, ehrgeizige Architekten, die damals am Beginn ihrer Weltkarrieren standen, waren als Dozenten an der berühmten Cranbrook Academy tätig, als das MoMA den Wettbewerb „Organic Design in Home Furnishings“ auslobte. Sie entschlossen sich zu einer gemeinsamen Teilnahme. Für seine Eingabe in der Kategorie Sitzmöbel entwickelte das Duo die Idee einer körpernah und körpergerecht geformten Sitzschale, die auch ohne aufwändige Polsterung ein hohes Mass an Komfort bieten sollte. Realisieren wollten Eames und Saarinen diese Schale – inspiriert nicht zuletzt durch die ihnen bekannten Schichtholzmöbel des finnischen Architekten und Designers Alvar Aalto – aus Sperrholz.

Wie die jungen Designer aber bald feststellen mussten, existierte die für die Produktion der Schalen erforderliche Technologie zur dreidimensionalen Verformung von Sperrholz noch gar nicht. Zwar gelang eine handwerkliche Herstellung der Schalen für die Prototypen, doch wurde dabei deutlich, dass vor einer Serienproduktion erhebliche technische Verfahrensprobleme zu lösen sein würden.

Die kompetent besetzte Wettbewerbsjury des MoMA, der unter anderem Marcel Breuer und Alfred Barr, der Gründungsdirektor des Museums angehörten, erkannte den neuartigen, innovativen Ansatz von Eames und Saarinen und zeichnete den Entwurf mit dem ersten Preis aus. Zudem versprach das Museum seine Unterstützung bei der Suche nach Produzenten und bei der technischen Weiterentwicklung der Modelle. 1941 aber traten die USA nach dem Überfall auf Pearl Harbor in den Zweiten Weltkrieg ein und auch die Möbelindustrie musste mit ihren Ressourcen haushalten.

Die Arbeit am Organic Chair jedenfalls kam zum Erliegen und das Team Eames-Saarinen löste sich auf. Man blieb sich freundschaftlich verbunden, professionell aber beschritt man getrennte Wege. Charles Eames heiratete Ray Kaiser und übersiedelte nach Kalifornien. Dort setzte das Paar, zunächst auf eigene Faust und im privaten Rahmen, die Experimente zur Sperrholzverformung fort. 1945 resultierten daraus schliesslich die Eames Plywood Chairs. Eero Saarinens Möbelentwürfe aus den ersten Jahren nach 1940 basierten auf konventioneller Produktionstechnologie, ansonsten konzentrierte er sich eindeutig auf seine architektonische Karriere. So geriet der Organic Chair schliesslich aus dem Fokus seiner Autoren und für längere Zeit weitgehend in Vergessenheit.

Eines der wenigen erhaltenen Exemplare des Sessels befindet sich in der Sammlung des Vitra Design Museums. Bei der eingehenden Beschäftigung mit diesem Stück erkannte man hier nicht allein die designhistorische Bedeutung des lange wenig beachteten Entwurfs, sondern bemerkte ausserdem, dass er sowohl in funktionaler als auch ästhetischer Hinsicht von herausragender und zeitbeständiger Qualität ist. Diese Einsicht regte die Idee zu einer Re-Edition des Sessels an, die Vitra 2004 umsetzen konnte. Seither erobert sich der Organic Chair – der Name verweist auf den Wettbewerb für den er einst entstand – allmählich den Platz im Markt, der seiner historischen Bedeutung entspricht.

Weitere Informationen zu Charles und Ray Eames und ihren Möbeln finden Sie in den beiden Publikationen «Eames Furniture Sourcebook» und «Essential Eames». Die zwei Neuerscheinungen sind in deutscher und englischer Sprache im Buchhandel oder direkt beim Verlag des Vitra Design Museums erhältlich.


Veröffentlichungsdatum: 9.11.2017
Autor: Mathias Remmele
Bilder: In-Situ Bild Organic Chair. Foto: Isabel Truniger, Copyright: Vitra. Portrait Charles Eames und Eero Saarinen. Copyright: Vitra. Organic Chair Gruppe. Foto: Marc Eggimann, Copyright: Vitra. Titelbild des Ausstellungskatalogs «Organic Design. Museum of Modern Art New York», 1941. Copyright: MoMA/Scala Archives. Wettbewerbsskizze für den Highback Armchair von Charles Eames und Eero Saarinen, 1940. Copyright: MoMA/Scala Archives. In-Situ Bilder des Organic Chair. Foto: Ari Marcopoulos, Copyright: Vitra.