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A Discreet Charm

Interview mit Erwan & Ronan Bouroullec

Quimper, Frankreich, ca. 1982: Die Brüder Bouroullec starten ihr erstes Gemeinschaftsprojekt. Dabei handelt es sich um ein Fussballtor, das die beiden an nur einem Wochenende fertigstellten, als ihre Eltern nicht zu Hause waren. „Wir begannen mit einem Brett, in das wir Nägel hineinschlagen wollten. Allerdings hatten wir nicht die richtigen Nägel, das Holz war zu hart“, so Erwan Bouroullec. Er war damals vielleicht sechs Jahre alt und sein Bruder Ronan, der davon träumte, Profifussballer zu werden, etwa elf. Seitdem haben sie einiges dazugelernt.

Ein Gastbeitrag von Freunde von Freunden.

Das Studio von Erwan und Ronan Bouroullec liegt an einer unauffälligen Strasse im Nordosten von Paris, unweit vom Place de la République. Drinnen herrscht eifrige Betriebsamkeit. Das über drei Stockwerke verteilte Studio dient gleichzeitig als Büro, Labor, Bibliothek, Holzwerkstatt und Archiv. Neben Handwerkszeug wie einer alten Nähmaschine, Elektromaschinen und einem 3D-Drucker finden sich hier auch zahlreiche Verkaufsschlager aus 20 Jahren Zusammenarbeit mit Marken wie Vitra, Cappellini oder Samsung. Das harmonische Produktportfolio lässt kaum erkennen, dass zwei ganz unterschiedliche Designansätze dahinterstecken. Wahrscheinlich liegt genau darin der Erfolg der zwei Brüder. Im Interview sprechen sie über die ständige Spannung zwischen Massenproduktion und Handwerk, das Problem des 100-€-Löffels und warum sie nie eine Band gegründet haben.

Erwan, wie ist das, in einem so langfristigen Gemeinschaftsprojekt der Jüngere zu sein?

Begonnen hat Ronan alleine. Mit 15 entschied er, angewandte Kunst zu studieren. Es waren verschiedene Entscheidungen, die ihn zum Design brachten. Ich hatte nie die gleiche Angst wie er, diese Furcht, keinen Job zu haben oder nicht zu wissen, was ich machen solle. Ronan ist manchmal barscher, schwieriger als ich, weil er eher der Kämpfertyp ist. Ich brauchte nie viel Kampfgeist, um zu existieren. Das Studio wurde gegründet, als ich dazukam. Unser erstes Projekt war mit Cappellini. Es ist, als ob man anfängt, Fussball zu spielen, und gleich für Liverpool spielt.

Ronan wusste also schon als Teenager, dass er in der Designwelt arbeiten wollte. Und du?

Damals interessierte ich mich mehr für Musik, die ganzen Indie-Sachen aus England und Amerika. Pavement, The Stone Roses und so weiter. Die waren alle keine Profis und konnten gar nicht richtig spielen. Sie machten einfach alles selbst und waren sehr unabhängig. Ich lebte in der Nähe von Quimper, auf dem Land, und ging einmal pro Woche in den Plattenladen. Davon gab es nur einen.

Warum hast du dann ein Designstudio gegründet und keine Band?

Das war eine ganz andere Energie. Als ich begann, mit Ronan zusammenzuarbeiten, war ich 22 oder 23. Was mich mit den Bands verband, war, dass sie ihre Cover grösstenteils selbst gestalteten, ihre Musik selbst aufnahmen, ihren eigenen Weg fanden. Und Ronan und ich machten dasselbe, auf unsere eigene Art und Weise.

Wie spiegelt sich das in der Gestaltung eurer Werke wider?

Ich denke, wir sind ganz entspannt und versuchen nicht, uns anzupassen oder zu „professionalisieren“. Wenn wir ein Video drehen, dann geben wir unser Bestes, aber wir heuern niemanden an, um die Farben nachzubearbeiten. Wir mögen die Herausforderung, in einem neuen Bereich zu arbeiten, uns auszutesten, zu entdecken und neue Dinge auszuprobieren.

„Wir leben in einer Zeit der Wissenschaft und Technik. Diese machen die Welt aber nicht unbedingt einfacher oder durchschaubarer.“
Erwan Bouroullec

Welche Vorteile hat dieser Ansatz?

Durch unser entspanntes, produktorientiertes und autodidaktisches Vorgehen spielt bei uns das menschliche Element eine grössere Rolle. Diese Methode haben wir von Anfang an verfolgt. Wir leben in einer Zeit der Wissenschaft und Technik. Diese machen die Welt aber nicht unbedingt einfacher oder durchschaubarer.

Wie passt dies mit dem Serif TV für Samsung zusammen?

Der Serif entstand aus einem anderen Prozess heraus. Worin besteht die Zukunft des Bildschirms? Kann man einen Bildschirm entwickeln, der so dünn wie ein Blatt Papier ist? Aber wir verstehen nicht genug von Technik. Einer unserer Ausgangspunkte war: Bitte bringt uns Bildschirme, egal wie gross, auch wenn sie nicht mehr funktionieren. Wir wollen einfach nur damit spielen. Wie nahmen diese dann auseinander und bauten eine neue Hülle darum. Viele der Bildschirme gingen dabei kaputt. Wir vertrauten darauf, eine Entdeckung zu machen, wenn wir keine Angst hätten, etwas kaputtzumachen und die Bildschirme nicht mit Samthandschuhen anfassten. Im Laufe der Zeit bekam der Fernseher einen neuen Körper. Normalerweise handelt es sich ja um einen Kasten auf Füssen. Aber der Serif-Rahmen hat unten mehr Tiefe und damit einen Boden. Wir sagten nicht: „Ok, es wäre toll, wenn ein Fernseher auch ein Regal sein könnte“. Der Fernseher ist einfach oben und unten symmetrisch, um Einheitlichkeit zu schaffen. Und nun spiegelt er wirklich das Konzept des Rahmens wider, das ja viel älter ist als der Fernseher: Wie ein Bilderrahmen.

Habt ihr neben dem „Kasten auf Beinen“ auch mit anderen Konventionen gebrochen?

Ich denke, viele Fernseher bringen das Bild so nah wie möglich an den Rand, als wäre es nur ein Bild ohne Körper. Das ist immer irgendwie ein bisschen Schwindel. Denn das Bild hat einen Körper, hat einen Rahmen. Die Welt, in der wir leben, stellt sich gern als Hochglanzwelt dar. Dabei ist nicht alles Gold, was glänzt. Wie oft versuchen Objekte etwas zu sein, das sie gar nicht sind? Wie oft sieht etwas aus wie Holz, ist es aber am Ende gar nicht? Meist ist da mehr Schein als Sein.

Ronan, warum gibst du keine Interviews zusammen mit deinem Bruder?

Weil wir ganz unterschiedlich über Design sprechen.

Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit?

Das entstand ganz einfach, weil wir Familie sind. Wie wenn man umzieht und Hilfe braucht. Schon sehr früh, mit 15, wusste ich, dass ich Designer werden wollte. Mit 19 erschuf ich einen kleinen Tisch, der ein gewisses Medieninteresse erregte. Schnell brauchte ich dann etwas Unterstützung und Erwan begann, mir zu helfen – er war damals 19 und ich 24. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern ergab sich aus der Familiensituation heraus.

„Wir sprechen so viel über Effizienz und Systeme, obwohl ich eigentlich über Charme und Schönheit sprechen möchte.“
Ronan Bouroullec

Woher kam dein Wunsch, Designer zu werden?

Keine Ahnung. Unsere Eltern haben mit Architektur, Design oder Kunst nichts am Hut. Und ich denke, das war mein Glück. Aber als ich fünf war, ging ich immer mittwochs für ein paar Stunden in Quimper in die Kunstschule. Das war für mich von grosser Bedeutung. Ansonsten war ich kein besonders guter Schüler. Dann hatte ich plötzlich die Möglichkeit, mich an der Schule für Angewandte Kunst in Quimper einzuschreiben. Das war wie eine Neugeburt. 20 Stunden pro Woche beschäftigten wir uns mit Fotografie, Grafikdesign, Möbeln, Mode und Zeichnen. Es war grandios. Wie wenn man auf einen Zug aufspringt, der sich unbeirrt voran bewegt. Ich interessiere mich noch immer leidenschaftlich für diese Dinge: von den Fotografien unserer Werke, die wir selbst gemacht haben, über diesen Fernseher bis zu unserem neuen Städtebauprojekt. Ich möchte architektonisch tätig sein. Ich möchte eine Stadt bauen.

Wo willst du diese Stadt bauen?

Das weiss ich nicht. Aber das Stadtprojekt in Rennes steckt voller Dinge, die es zu untersuchen gilt. In letzter Zeit bin ich in meiner Rolle als Designer nicht mehr so glücklich. Mein Interesse für Design basiert auf einer Idee, einer guten Idee. Diese abzubilden und irgendwie mit anderen zu teilen, ist das Wichtigste für mich. Ein Unternehmen muss kämpfen, um ein Objekt zu einem bestimmten Preis herzustellen, was manchmal bedeutet, dass sich dieses Produkt nicht alle leisten können, weil wir keine Möglichkeit gefunden haben, die Idee für die Allgemeinheit verfügbar zu machen.

Wie bringst du den Wunsch, ein schönes und vielleicht teures Objekt herzustellen, mit dem Verlangen in Einklang, unsere Alltagserfahrung umfassend zu beeinflussen?

Beides ist mir aus unterschiedlichen Gründen wichtig. Gut angewandt, kann Kunststoff durchaus interessant sein. Gleichzeitig gibt es da vielleicht eine spezielle Glasur, für die jemand bezahlt werden muss. Es gibt Handwerker mit aussergewöhnlichem Können. In diesem Können liegt einer der Schätze dieser Welt. Einige Menschen haben dieses Know-how und produzieren etwas in geringen Mengen und zu einem bestimmten Preis. Dieser Preis ist fix, den kann ich nicht ändern. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der alles von Maschinen oder Robotern hergestellt wird. Aber in meiner Küche brauche ich auch einen Löffel. Und ich will nicht 100 € für einen Löffel ausgeben, nur weil er von einem bestimmten Handwerker hergestellt wurde. Er sollte sehr effizient, maschinell hergestellt werden. So kann man die Welt verändern, indem man Massenprodukten Schönheit verleiht. Für mich schliesst sich das nicht gegenseitig aus. Das habe ich von italienischen Designern gelernt: der Wunsch nach einer besseren Welt der Massenproduktion und der Wunsch nach einer Welt der Vielfalt durch das Handwerk – und wie man das Kostbare in all diesen Dingen findet. Roboter könnten ein wahrer Segen sein.

Die Roboter werden uns wahrscheinlich umbringen.

Die Frage ist, wie wir sie nutzen.

Finden Sie die Freiheit verlockend, Design als Kunst darzustellen, in der preisliche und wirtschaftliche Gesichtspunkte keine Rolle mehr spielen?

Wir haben eine Galerie, für die ich einige Objekte entworfen habe. Insgesamt glaube ich aber nicht, dass interessante Dinge entstehen, wenn man Objekte für Galerien schafft.

Ich bin mir sicher, dass einige Ihrer Kollegen vielen Schwierigkeiten aus dem Weg gehen, indem sie Objekte als Kunstwerke präsentieren.

Weil sie faul sind. Es ist einfach, etwas für eine Galerie herzustellen. Beim Design hat man mit 200 verschiedenen Menschen zu tun. Das ist, also ob man einen Film dreht. Sehr oft sehe ich ein interessantes Objekt, von dem durchaus eine grössere Zahl hätte hergestellt werden können. Das war aber nicht der Fall, weil der Designer beim Konzept zu faul war oder nicht intensiv genug recherchiert hat. Der Auftrag des Designs besteht auch darin, Dinge in grösserer Anzahl entstehen zu lassen. Wie kann man jemanden immer wieder verzaubern? Natürlich kann man auch in einer Galerie wunderbare Dinge entdecken. Am Ende geht es mir darum, von etwas berührt zu werden. Egal, ob es Kunst ist oder nicht, ob es ein Buch ist oder eine wissenschaftliche Entdeckung. Wir sprechen so viel über Effizienz und Systeme, obwohl ich eigentlich über Charme und Schönheit sprechen möchte. Die interessantesten Objekte strahlen eine gewisse Energie aus. Ich bin überhaupt kein Mystiker, aber das stimmt wirklich.


Veröffentlichungsdatum: 22.08.2016, zuerst veröffentlicht bei Freunde von Freunden.
Autor: Diane Vadino
Bilder: Thomas Chéné