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Ein Universum des Fantastischen

Der Kurator Jochen Eisenbrand spricht über die Ausstellung "Alexander Girard. A Designer’s Universe."

Am 12. März 2016 eröffnete die bisher grösste Retrospektive zum amerikanischen Designer Alexander Girard. Neben gezeigten Textilien, Kleinobjekten und Interieurs beleuchtet die Ausstellung auch Inspirationen und Menschen, die Alexander Girards schöpferisches Universum prägten. Die Ausstellung speist sich vor allem aus dem privaten Nachlass des Designers, der sich seit 1996 in der Sammlung des Vitra Design Museums befindet. Kuratiert wird „Alexander Girard. A Designer’s Universe“ von Jochen Eisenbrand.

Girard war einer der bedeutendsten Textildesigner und Innenarchitekten des 20. Jahrhunderts. Dennoch ist er heute nur einem kleinen Kreis bekannt. Worin liegt seine Einzigartigkeit als Designer?

Alexander Girard gab dem Design zurück, was die klassische Moderne abgelehnt hatte. Er arbeitete mit leuchtenden Farbe, grafischen Mustern und opulenten Inneneinrichtungen. Gleichzeitig verband er mit virtuoser Leichtigkeit scheinbare Gegensätze wie Handwerk und Industrie, Popkultur und Hochkultur, verspieltes Dekor und eine gekonnte Reduktion auf das Wesentliche. Girard war ein Pionier vieler Entwicklungen der folgenden Jahrzehnte: von der bunten Sprache der Postmoderne bis zu den heutigen Debatten über post-industrielles Design und die Globalisierung unserer Alltagsästhetik.

Was für ein neues Verständnis von Interieur und Raumempfinden prägte Alexander Girard?

Er erkannte wohl als einer der ersten modernen Innenarchitekten, dass ein Interieur, in dem wir uns wohlfühlen, mehr als nur praktische Funktionen zu erfüllen hat. Schon 1936 erwähnte Girard sein Konzept eines ästhetischen Funktionalismus: In den Innenräumen von Privathäusern wie dem Irwin Miller House in Columbus, Indiana, oder seinem eigenen Haus in Santa Fe verband er das Neue mit dem Alten mittels Objekten aus unterschiedlichen Epochen und Kulturräumen. Er liess es ganz natürlich erscheinen, dass diese Objekte nebeneinander standen. Man könnte geradezu von «kuratierten» Privatinterieurs sprechen, die Girard nie als fertige Kunstwerke betrachtete, sondern als works in progress, als dramatische Räume, die sich in ständigem Wandel befanden.

„Ein Fabelland, ja ein Universum des Fantastischen...“

Alexander Girard war auch ein grosser Sammler internationaler Volkskunst...

Tatsächlich war Volkskunst Alexander Girards wichtigste Inspirationsquelle und zwar nicht nur wegen der Farben und Muster, sondern auch in Bezug auf die unterschiedlichen Designansätze und -techniken. Zum ersten Mal werden in der Ausstellung Girards eigene Designs in Beziehung gesetzt mit der von ihm gesammelten Volkskunst. Neben rund 400 Ausstellungsstücken aus dem Nachlass des Designers werden wir 300 Volkskunst-Exponate aus der Sammlung der Girard Foundation zeigen – eine Leihgabe des Museum of International Folk Art in Santa Fe.

Dies ist die bisher grösste Werkschau des Designers. Welche Exponate gilt es besonders hervorzuheben?

Unter den zahlreichen Werken, die bei uns zum ersten Mal gezeigt werden, befinden sich wunderschöne frühe Zeichnungen aus den 1930er-Jahren sowie grossformatige Edeltextilien, die in den letzten fünfzig Jahren in Archivschachteln geschlummert haben, weshalb sie heute noch so farbenprächtig leuchten wie am Tag ihrer Herstellung.
Hinzu kommen Möbelstücke, die man kaum kennt, kleine Skulpturen und handgemalte Dekorationsobjekte. Eine der grössten Überraschungen ist wohl ein Projekt, das Girard schon als Teenager und Student unter dem Titel «Republic of Fife» ersonnen hat: ein Fabelland, ja ein Universum des Fantastischen, für das Girard zahllose Karten, Flaggen, Banknoten, Münzen, Briefmarken und Geheimsprachen schuf.

„Leidenschaftlich bis zur Obsession.“

Alexander Girard war eng mit Charles und Ray Eames befreundet, zwei der wichtigsten Designer der amerikanischen Moderne. Wie hat sich ihr Schaffen gegenseitig beeinflusst?

Girards Freundschaft und Zusammenarbeit mit den beiden war äusserst intensiv. Alle drei interessierten sich für Volkskunst und lokale Architekturtraditionen. Charles Eames war auch Girards bevorzugter Fotograf. Girard revanchierte sich, indem er Charles und Ray Eames Objekte aus seiner Volkskunstsammlung für ihre Filme zur Verfügung stellte. Alexander Girard verband aber auch eine Freundschaft mit Eero Saarinen, die wegen Saarinens frühem Tod zwar weniger intensiv, aber genauso wichtig war. Wir zeigen prächtige Entwürfe zu einem Wandbild, das Girard für das von Saarinen entworfene Jefferson National Expansion Memorial anfertigte, sowie Zeichnungen für einen MoMA-Textilienwettbewerb, an dem Girard, Saarinen und Charles Eames in den 1940er-Jahren gemeinsam teilnahmen.

Mit welchen Wörtern würden Sie abschliessend Alexander Girards Werk umschreiben?

Dem Leben zugewandt, froh und bunt, aber stets getragen von Ordnungssinn und einem scharfen Auge fürs Detail, leidenschaftlich bis zur Obsession.

Ausstellung "Alexander Girard. A Designer’s Universe."
12.03.2016 – 29.01.2017


Veröffentlichungsdatum: 17.3.2016
Autor: Vitra
Titelbild: Design for matchboxes of the restaurant La Fonda del Sol, Alexander Girard, 1960 / Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum

Galerie 1: Corporate Design für Braniff International Airways, 1965, photo: Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum. La Fonda del Sol restaurant, New York City, Alexander Girard, 1960, photo: Louis Reens. Poncho, designed by Rudi Gernreich and Alexander Girard for the restaurant La Fonda del Sol, designed by Alexander Girard, New York, USA, 1961, photo: Charles Eames, Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum. Storage boxes arranged and labeled by Girard, Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum, photo: Andreas Sütterlin. Alexander Girard, designing his Environmental Enrichment Panels, ca. 1971, photo: Charles Eames, Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum. Exhibition view »The Design Process at Herman Miller«, Walker Art Center, Minneapolis, Michigan, USA, 1975 / Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum. Alexander Girard and his family posing with items from his folk art collection, 1952 © Ezra Stoller/ Estostock, photo: Ezra Stolle. Design drawing for textile panel, 63 x 110 cm, Alexander Girard, early 1970s, Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum / photo: Andreas Sütterlin. Miller House, Columbus, Indiana, USA, Alexander Girard, 1953–1957, photo: Balthazar Korab, courtesy of The Library of Congress. Miller Cottage, Muskoka, Ontario, Kanada, Alexander Girard, 1950–1 952, photo: Balthazar Korab, courtesy of The Library of Congress.

Galerie 2: Textiles & Objects Shop, New York City, designed by Alexander Girard for Herman Miller, 1961, photo: Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum. Design for matchboxes of the restaurant La Fonda del Sol, Alexander Girard, 1960 / Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum. Alexander Girard, arm chair No. 66310, 1967, series production by Herman Miller Furniture Co., Vitra Design Museum, photo: © Vitra Design Museum, Jürgen Hans. Poster for »The Nativity« exhibition of folk art, Nelson Gallery of Art / designed and curated by Alexander Girard, 1962, Alexander Girard Estate, Vitra Design Museum. Love Heart, Environmental Enrichment Panel # 3017, Alexander Girard for Herman Miller, 1971, cotton, 119,3 x 119,3 cm, Vitra Design Museum, Alexander Girard Estate. Girls, Environmental Enrichment Panel # 3001, Alexander Girard for Herman Miller, 1971, cotton, 165,1 x 119,3 cm, Vitra Design Museum, Alexander Girard Estate. Daisy Face, Environmental Enrichment Panel # 3036, Alexander Girard for Herman Miller, 1971, Vitra Design Museum, Alexander Girard Estate. Miller House, Columbus, Indiana, USA, Alexander Girard, 1953 – 1957, photo: Balthazar Korab, courtesy of The Library of Congress.

Ausstellungsbilder: © Vitra Design Museum, Mark Niedermann