Vor der Eröffnung des Vitra Schaudepots

Interview mit Susanne Graner

Rund 7000 Möbel, 1000 Leuchten und zahlreiche Archive sowie Nachlässe von Designern wie Charles & Ray Eames, Verner Panton und Alexander Girard – die Sammlung des Vitra Design Museums zählt weltweit zu den wichtigsten Beständen des Möbeldesigns. Am 3. Juni 2016 beginnt eine neue Ära für die Sammlung: Im Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron werden Schlüsselstücke dauerhaft der Öffentlichkeit präsentiert.

Susanne Graner ist seit 2010 Sammlungsleiterin. Sie studierte Kunsttechnologie, Konservierungswissenschaften und Restaurierung an der Technischen Universität München, bevor sie sich auf Möbel und moderne Materialien spezialisierte. Im Jahr 2010 verliess sie Die Neue Sammlung in München, um im Vitra Design Museum die Verantwortung für die Sammlung zu übernehmen. Kurz vor der Eröffnung des Vitra Schaudepots fand sie Zeit für ein Gespräch.

Frau Graner, was ist besonders an der Sammlung des Vitra Design Museums? Wie hat sich die Sammlung im Lauf der Zeit entwickelt?

Die Sammlung des Vitra Design Museums ist einzigartig. Der Grundstein für die Sammlung wurde von dem Museumsgründer und ehemaligen Vitra Chairman Rolf Fehlbaum gelegt. Er hatte in den 1980er Jahren eine Möbelsammlung aufgebaut, die er dem Vitra Design Museum bei seiner Gründung 1989 übertrug. Seitdem wird die Sammlung von den Museumsdirektoren Alexander von Vegesack (1989 bis 2010) sowie Mateo Kries und Marc Zehntner (seit 2011) gemeinsam mit Rolf Fehlbaum erweitert. Heute zählt sie zu den weltweit grössten und wichtigsten Beständen des Möbeldesigns. Die Sammlung ist in ihren Ursprüngen also eine private Sammlung. Mit der Gründung des Vitra Design Museums kam es zu einem systematischen Aufbau des Sammlungsbestands und einer zunehmend starken institutionellen Verankerung der Sammlung. Die Passion, mit der dies geschah und geschieht, ist bis heute spürbar und beeinflusst unsere Arbeit in einzigartiger Weise.

Worum geht es bei Ihrer Arbeit mit der Sammlung?

Per Definition ist es die Kernaufgabe des Museums, neben dem Sammeln, Forschen, Ausstellen und Vermitteln auch die Sammlung zu bewahren. Sobald ein Stück Teil unserer Sammlung wird, ist es in unseren Augen ein Museumsstück und wird mit der entsprechenden Sorgfalt behandelt und aufbewahrt. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ein zigfach produziertes Serienmöbel oder ein Stück aus einer limitierten Serie ist. Wir entziehen das Möbel oder die Leuchte einem alltäglichen Kreislauf der Benutzung und versuchen, die materielle Substanz so lang wie möglich zu schützen und zu bewahren.

„Unter den gezeigten Objekten sind frühe Bugholzmöbel, Ikonen der klassischen Moderne von Le Corbusier, Alvar Aalto oder Gerrit Rietveld, aber auch bunte Kunststoffobjekte der Pop-Ära oder jüngste Entwürfe aus dem 3D-Drucker.“

Wie lässt sich das veranschaulichen?

Ein Beispiel ist das sogenannte Leonardo Sofa von Studio 65 , ein ikonisches Stück aus dem Jahr 1969. Es ist das Titelmotiv der Vitra Design Museum Ausstellung „Pop Art Design“ und seit 2012 mit dieser Ausstellung auf Tour, etwa im Moderna Museet in Stockholm, dem Louisiana Museum in Dänemark oder momentan im Museum of Contemporary Art in Chicago. Das Sofa ist eine Sitzlandschaft aus zwölf Einzelteilen, bestehend aus lackiertem Schaumstoff mit dem Motiv der amerikanischen Flagge. Schaumstoff gehört zu den Kunststoffen, die in verhältnismässig kurzer Zeit materialspezifische Alterungsprozesse durchlaufen. Das Material vergilbt und wird spröde. Anstatt das Objekt in seinen Ursprungszustand zurückversetzen zu wollen, reinigten wir es intensiv und befestigten lose Partien, um den weiteren Verfall aufzuhalten. Dies ist aufwändiger, als es in seinen Ursprungszustand zurückzuversetzen, wir möchten die Patina jedoch erhalten – sie ist Teil des Objekts.

Mit dem Vitra Schaudepot von Herzog & de Meuron entsteht ein neues Gebäude auf dem Vitra Campus. Wie beeinflusst diese Veränderung Ihre Arbeit?

Das 1989 eröffnete Hauptgebäude des Vitra Design Museums von Frank Gehry war ursprünglich als Sammlungsbau konzipiert, präsentiert heute jedoch grosse Wechselausstellungen. Bis heute wurde die Sammlung nicht dauerhaft gezeigt. Das ändert sich nun nach 27 Jahren Museums- und Sammlungsarbeit – mit einer Präsentation, die in dieser Form wohl einzigartig ist.

Ein weiterer Aspekt, der mit dem Schaudepot sicherlich noch mehr in den Fokus rücken wird: Natürlich stehen die Sammlung und das Archiv auch für wissenschaftliche Forschungen zur Verfügung.

Wie präsentiert sich die Sammlung im Vitra Schaudepot?

Im Zentrum des Schaudepots steht eine Dauerausstellung von über 400 Schlüsselstücken des modernen Möbeldesigns von 1800 bis heute. Unter den gezeigten Objekten sind frühe Bugholzmöbel, Ikonen der klassischen Moderne von Le Corbusier, Alvar Aalto oder Gerrit Rietveld, aber auch bunte Kunststoffobjekte der Pop-Ära oder jüngste Entwürfe aus dem 3D-Drucker.

Ergänzt wird diese Präsentation um kleinere Wechselausstellungen zu sammlungsbezogenen Themen, angefangen mit einem Blick auf die Bewegung des »Radical Design« der 1960er Jahre. Im Untergeschoss bietet das Schaudepot Einblick in weitere Sammlungsschwerpunkte wie das skandinavische und italienische Design, die Leuchtensammlung und den Nachlass von Charles & Ray Eames.

Dafür haben wir mit der Hilfe von freiberuflichen Kollegen und Restaurierungststudenten in den letzten drei Monaten nahezu 6000 Möbelstücke in die Hand genommen, gereinigt und neu eingeräumt. Auch die aus Platzmangel ausgelagerten Bestände können endlich wieder in die Sammlung integriert werden.

Was muss bis zur Eröffnung noch alles gemacht werden?

Wir haben die letzen Wochen unter anderem daran gearbeitet, dass die Besucher durch die Fenster im Untergeschoss einen repräsentativen Einblick in die Sammlung erhalten. Dazu ist hinsichtlich der Objektauswahl noch ein bisschen „Finetuning“ notwendig, auch die Umlagerungsarbeiten innerhalb der Sammlung sind noch nicht vollständig abgeschlossen.

Eine inhaltliche Erweiterung der Sammlungspräsentation wird es durch das „Schaudepot Lab“ geben; einer Material- und Objektssammlung, die exemplarisch einen Überblick über viele gebräuchliche aber auch neue oder ungewöhnliche Materialien und Technologien im Möbelbau geben möchte. Auch hier liegt Arbeit vor uns; einige Prototypen sind noch auf dem Weg. Die Objekte für die Sammlungspräsentation sind alle vorbereitet, nun warten wir gespannt auf den Moment, an dem wir mit den Einräumarbeiten beginnen können.


Veröffentlichungsdatum: 19.5.2016
Autor: Vitra
Bilder: Florian Böhm, Andreas Sütterlin, Vitra Design Museum