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«Man will nicht dauernd so aufgeregt sein»

Thomas Schütte über Blockhaus

2016 entdeckt Rolf Fehlbaum bei einem Besuch der Galerie Konrad Fischer das Model eines Holzhauses von Thomas Schütte. Die Struktur fasziniert ihn und er fragt den Künstler, ob er sich eine Grossversion als Projekt vorstellen könnte. Seit 2018 ist Blockhaus das neuste Gebäude auf dem Vitra Campus – und bildet einen Kontrast zu den Gebäuden anderer Architekten auf dem Gelände. Zur Eröffnung gab der Künstler Thomas Schütte Einblicke in sein Schaffen.

Das Blockhaus ist eine Mischung aus Objekt und funktionalem Raum – und das erste von einem Künstler realisierte Gebäude im Architekturpark des Vitra Campus. Wie weicht diese Arbeit von der Herangehensweise und Umsetzung anderer Bauten auf dem Gelände ab?

Ich glaube der Hauptunterschied besteht darin, dass ich keine Erwartungen erfüllen muss. Wenn jemand ein Würstchen bestellt, kann ich ihm ein Steak servieren. Oder auch nur eine Flasche Wasser bringen. Ich bin finanziell nicht an der Umsetzung des Projekts beteiligt, also habe ich auch kein Ego-Problem. Und ich habe auch kein Stil-Problem. Im Grunde stelle ich eine Idee vor, und meistens wird diese Idee dann zehnmal besser verwirklicht, als ich erwartet hätte. Aber trotzdem weiss man nie. Ich bin gut befreundet mit Architekten, die sich freuen, wenn sie mit mir zusammenarbeiten können, weil sie dann absolut freie Hand bekommen, in der Umsetzung. Normalerweise kann ein Architekt nicht so viel machen, es entscheiden die Banken, die Geldgeber. Aber der Hauptunterschied bleibt, dass ich mich nicht daran halten muss, und die Aufgabe selber stellen kann.

«Es war die schiefste und unrealistischste Holz-Bricolage, die zur Wahl stand. Sie unterscheidet sich so sehr von den anderen Gebäuden auf dem Vitra Campus, dass es schon wieder stimmig ist.» Thomas Schütte über die Anfrage von Rolf Fehlbaum, der das Model von Blockhaus in einer Galerie entdeckte und auf den Vitra Campus bringen wollte.

Was fasziniert Sie am Bau architektonischer Modelle und an der Erforschung räumlicher Strukturen?

Ich habe in den Siebzigern studiert, den grauen, rechteckigen Siebzigern. Und bis auf Gerhard Richter waren unsere Dozenten allesamt Minimalisten, oder Zero- und Konzeptkünstler. Wir studierten also in einer Art Sackgasse. Alles war abgeschlossen. Man konnte nicht mal in den Untergrund gehen. Die Geschichten waren auserzählt. Meine Freunde und ich haben diesen Minimalismus und diese Konzeptkunst bewundert, aber wir haben auch sofort nach Mitteln und Wegen gesucht, mit minimalistischen und anderen Formen herumzuspielen, und wieder eine Story einzubringen.

Meine damalige Freundin war in der Bühnenbildklasse und arbeitete im Atelier unter unserem Klassenzimmer, und nach und nach haben wir die Idee geklaut, Bühnen oder Modelle zu bauen, im Maßstab 1:20, und die nichtnarrative Kunst wieder mit Geschichten zu füllen. Das entwickelte sich immer weiter, und um es kurz zu machen: Wenn ich zurückschaue und an die Modelle denke, aus denen in den letzten fünf oder sechs Jahren etwas geworden ist, dann sind das fast zur Hälfte Kapellen oder Tempel. Es hat etwas Religiöses. Es geht nicht um Unterhaltung wie auf einer Kunstmesse. Es ist aber auch nicht kommerziell. Ich verlange für diese Gebäude nur eine warme Mahlzeit, ein Taxi und ein Hotelzimmer. Es geht um Kontemplation. Aus demselben Grund stellt man eine Bank unter einen Baum oder unter ein Dach: Man will in die Sonne oder in den Schatten schauen. Man will Ruhe finden und nicht dauernd so aufgeregt sein. Je älter ich werde, desto mehr sehne ich mich nach Frieden und Ruhe statt nach 'action'.

Neben der Arbeit mit Modellen und Maquetten ergänzen figurative Skulpturen in verschiedenen Grössen Ihr Werk. Wie passt das zusammen?

In meinen Augen ist das kein grosser Unterschied. Nach einem Tag – ach, manchmal schon nach drei Stunden auf einer Kunstmesse – merkt man, dass sich alles bewegt, flimmert, herumgeschoben und gestossen wird. Wenn man das zwanzig Jahre lang gemacht hat, selbst wenn man es erfolgreich gemacht hat, wird das todlangweilig. Alles ist in Bewegung, also ergreife ich jede Gelegenheit, um etwas zu machen, das von Dauer ist.

In einem Interview bin ich gerade gefragt worden: «Was ist mit den Schutzräumen und Bunkern, die Sie in den frühen Achtzigern gemacht haben?» Die waren aus Telefonbüchern und Gips; Ich habe Modelle von Schutzräumen oder Weltkriegsbunkern gebaut, weil der Dritte Weltkrieg vor der Tür zu stehen schien. Und dann hat es mir Spass gemacht, zwanzig Jahre oder noch länger in der Werkstatt herumzukaspern und Architekturmodelle zu bauen.

In der Zwischenzeit ergab sich aber plötzlich die Möglichkeit, ein wirkliches Gebäude zu bauen. In den letzten Jahren sind dann sechs oder sieben Konstruktionen verwirklicht worden und in diesem Jahr noch mal drei. Und es ist immer überraschend zu sehen, wo man am Ende landet. Unterm Strich ist es ja eine ganz archaische Angelegenheit: Es geht um Wände, ein Dach, Bänke und Trinkwasser, Schutzräume. Das ist ein hübsches Gegenstück zum boomenden Kunstbetrieb ... es ist ein Dialog, und das macht die Sache so faszinierend.


Veröffentlichungsdatum: 26.7.2018
Bilder: Julien Lanoo