«Im digitalen Zeitalter muss das Büro vielfältige Bedürfnisse erfüllen»

Ein Gespräch mit Antje von Dewitz, CEO Vaude

In der ersten Vitra Session hat Antje von Dewitz, Geschäftsführerin des Outdoor-Ausrüsters Vaude, darüber gesprochen, wie flexibles Arbeiten in ihrem Unternehmen funktioniert.

Antje von Dewitz, bei Vaude haben Sie sich intensiv damit auseinandergesetzt wie zum einen das Arbeitsleben der MitarbeiterInnen nachhaltig gestaltet werden kann, und wie zum anderen das Unternehmen selbst eine nachhaltige Arbeitskultur etablieren kann. Besteht dabei ein Zusammenhang?

Um sinnerfülltes Arbeiten und Lebensqualität im Unternehmen zu schaffen, braucht es eine Kultur, in der dies entstehen kann. Wir haben eine Vertrauenskultur aufgebaut und legen Wert darauf, dass sich jede und jeder Einzelne entsprechend seiner persönlichen Bedürfnisse entfalten kann. Dazu gehört auch, dass wir die Rahmenbedingungen für eine gute Work-Life-Balance schaffen. Wir möchten, dass unsere MitarbeiterInnen sich selbst sein dürfen und sich wohl fühlen. Wir sind überzeugt davon, dass diese Art zu arbeiten gesünder für unsere MitarbeiterInnen ist und zugleich auch eine grosse Energie freisetzt, von der wir als Unternehmen profitieren. Denn um die komplexen, dynamischen Herausforderungen unserer Zeit zu stemmen, brauchen wir MitarbeiterInnen, die mit Herz und Seele dabei sind und ihre ganze kreative und innovative Energie entfalten.

Sie hatten bereits vor der Pandemie die Strukturen für Home Office und mobiles Arbeiten etabliert. Sind Ihnen in den vergangenen Monaten Veränderungen aufgefallen?

Ja, es klappt jetzt sogar noch besser. Wir sind mittlerweile alle routiniert in der digitalen Zusammenarbeit und haben viel dazu gelernt, wodurch es noch effizienter wurde. Wenn jemand früher von Zuhause arbeitete, zögerten die anderen vielleicht, ihn oder sie zu kontaktieren, da sie nicht stören wollten. Jetzt ist das für uns alle ganz normal, egal wo sich die Teammitglieder befinden.

Wie fing das alles an?

Als wir vor sieben oder acht Jahren verstärkt anfingen, das mobile Arbeiten zu fördern, richteten wir nicht nur die technische Infrastruktur ein – mit Cloud-Management-Lösungen, Laptops für alle etc. – sondern setzten auch auf unsere Vertrauenskultur, die unseren MitarbeiterInnen ein hohes Mass an Flexibilität und Eigenverantwortung bietet. Das hat sich bewährt, die digitale Zusammenarbeit funktioniert hervorragend. Dennoch fehlen uns natürlich im Home Office auch manche Aspekte unserer Unternehmenskultur.

Welche Aspekte meinen Sie genau?

Unsere MitarbeiterInnen vermissen die interdisziplinäre Kommunikation, die in einem Unternehmen ganz selbstverständlich stattfindet. Im richtigen Leben haben wir eine Kantine, eine Art Fitnessstudio, eine Kletterhalle usw., wo sich Menschen ungezwungen treffen können. Natürlich versuchen wir, diese Kontaktmöglichkeiten auch virtuell anzubieten, was jedoch nicht ganz das Gleiche ist. Wir haben auch das Vaude Lagerfeuer eingeführt, ein virtueller Videoblog, über den wir während der Krise alle Kolleginnen und Kollegen, egal wo sie sind, regelmässig informieren. Damit stärken wir auch den Zusammenhalt und das Gefühl der Zusammengehörigkeit.

Was wird Ihrer Meinung nach in der Zukunft passieren?

An dem Konzept für die Zukunft nach Corona arbeiten wir gerade. Dabei werden wir uns auch mit dem Layout der Büros befassen und schauen, wie wir dem Bedürfnis nach dieser Art von interdisziplinärem Kontakt gerecht werden können. Momentan sind unsere Schreibtische nach Arbeitsabläufen organisiert. Ich kann mir vorstellen, dass wir in Zukunft mit mobilen Arbeitsplätzen arbeiten, damit unsere Mitarbeiter sich selbst aussuchen können, wo sie sitzen. Dadurch wird teamübergreifende Interaktion gefördert.

Bei Vaude wird mobiles Arbeiten jetzt schon seit einigen Jahren angeboten. Haben Sie Tipps für einen reibungslosen Übergang?

Vertrauen ist einer der wichtigsten Aspekte. Man muss darauf vertrauen können, dass die Kollegen und Mitarbeiterinnen ihre Arbeit tun. Und dieses Vertrauen muss auch glaubwürdig vom Unternehmen und den Führungskräften gelebt werden. Das fällt einem nicht immer leicht, wenn man sich nicht sehen kann, aber sobald man sich einmal daran gewöhnt hat, kann es wirklich gut funktionieren.

Wie schaffen Sie dies?

Die Rahmenbedingungen sind entscheidend. Man muss klare Erwartungen und Richtlinien entwickeln, mit denen die Führungskräfte und das Team arbeiten kann. Für alle muss klar sein, dass die Bedarfe des Unternehmen Vorrang haben und die Zeiten im Home Office mit dem Team und den Schnittstellen abgestimmt sein müssen. Die Führungskräfte sind die Rahmengeber, die die Voraussetzungen dafür schaffen, dass ihre Teams gut und erfolgreich arbeiten können. Innerhalb dieser Rahmenbedingungen können sie alle Freiheiten haben, die sie benötigen, um ihre Arbeit bestmöglich zu tun.

Welche Rolle spielt dabei Ihrer Meinung nach das Führungsteam?

Die Führungskräfte spielen dabei eine zentrale Rolle, zum einen indem sie die Vertrauenskultur leben und die MitarbeiterInnen ähnlich wie ein Art Coach begleiten. Zum anderen indem sie selbst über digitale Kompetenzen verfügen und neue Tools aktiv und gerne nutzen. Auf diese Weise können sie das Team dabei unterstützen, mit neuen Techniken vertraut zu werden und davon zu profitieren.

Sie stimmen also zu, dass Führungskräfte eine wichtige Rolle spielen. Trifft das auch auf Sie selbst zu?

Mir war es immer wichtig zu vermitteln, dass Leistung nicht an langen Arbeitszeiten bemessen wird. Bei uns finden schon seit vielen Jahren nach 17 Uhr möglichst keine Besprechungen mehr statt und wir legen Wert darauf, dass alle MitarbeiterInnen, auch die Führungskräfte, zu einer vernünftigen Zeit nach Hause gehen. Da es mir immer wichtig war, genug Zeit mit meiner Familie zu verbringen, bin auch ich mit gutem Beispiel vorangegangen. Selbst solch kleine Veränderungen können eine grosse Wirkung haben. Sie helfen uns dabei, eine Kultur zu schaffen, bei der Ziele und Ergebnisse zählen und nicht die Zeit, die man an seinem Schreibtisch verbracht hat.

Haben Sie sich das Design der Vaude-Büros genauer angesehen, als sie mit dem mobilen Arbeiten anfingen?

Meiner Meinung nach ist das architektonische Konzept und Erscheinungsbild eines Büros vielleicht noch wichtiger als zuvor. Wenn man quasi genauso gut von zuhause aus arbeiten kann, sollte man einen Mehrwert schaffen, dass Mitarbeiter trotzdem noch ins Büro kommen wollen. Dabei ist ein einladendes, lebhaftes Umfeld ein wichtiger Aspekt.

Das Büro hat also immer noch seine Daseinsberechtigung?

Unser Büro ist ein wunderbarer Ort. Unsere Mitarbeiter sind wirklich gerne hier und genau das ist es auch, was sie momentan vermissen, wenn sie nicht ins Büro kommen können. Wir müssen immer daran erinnern, dass pro Arbeitsinsel maximal nur eine Person anwesend sein kann. Im digitalen Zeitalter ist das Büro als zweites Zuhause noch wichtiger. Wenn alle überall verteilt sind, ist es wichtig, dass sie auch gerne hierher zurück kommen.

Veröffentlichungsdatum: 8.4.2020
Bilder: © Vaude

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