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Zuhause bei der Arbeit

Alice Rawsthorn über das Homeoffice

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Innerhalb der letzten Wochen hat sich die Art, wie Büros und Teams funktionieren, genauso unfreiwillig wie radikal verändert. Die bekannte Designkritikerin Alice Rawsthorn wirft einen Blick zurück auf die Geschichte des Homeoffice und wagt einen Ausblick in die Zukunft.

Der Glasbläser Leopold Blaschka (1822–1895) entwarf und produzierte Glasmodelle von Meerestieren und -pflanzen. Das Geschäft blühte; er erwarb ein grosses Haus in Dresden und richtete es als Werkstatt und Forschungslabor ein. Im Mittelpunkt des Hauses stand ein Aquarium, in dem er und sein Sohn Rudolf (1857–1939) Quallen, Seeschnecken, Schnecken und Tintenfische hielten, um sie genau zu studieren, bevor sie seziert wurden. Die Blaschkas arbeiteten allein, ohne Assistenten, und verkauften Tausende ihrer fast schauerlich akkuraten Nachbildungen an Naturkundemuseen in aller Welt.

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Nach Leopolds Tod setzte Rudolf die Arbeit allein fort. Er verliess die Werkstatt fast nie und erlaubte auch kaum jemandem, sie zu betreten. Nicht einmal zum Essen kam er heraus. Seine Mahlzeiten liess er sich durch eine speziell eingebaute Luke in der Tür reichen.

Wären doch die neuen Heimarbeiter so gut ausgestattet wie die Blaschkas! Die meisten der Millionen von Menschen, die ihren Arbeitsplatz wegen der Covid-19-Pandemie kurzerhand nach Hause verlegen mussten, haben wahrscheinlich eher mit wackeligen Telefonkonferenz-Verbindungen, kränkelnden Smartphones und renitenten Nachkommen zu kämpfen, als in aller Ruhe die Bewohner eines eigens angefertigten und liebevoll bestückten Aquariums betrachten zu können.

Früher beschränkte sich Heimarbeit zumeist auf die entgegengesetzten Enden des demographischen Spektrums – auf die ganz Reichen und die ganz Armen. Entweder schufteten die Menschen am Küchentisch über kläglich bezahlter Akkordarbeit, nähten Kleider oder wuschen Hemdkragen, oder sie waren reich und mächtig genug, um freiwillig und selbstbestimmt zuhause arbeiten zu können. Das Geschlecht spielte ebenfalls eine Rolle, denn die mittellosen Heimarbeiter waren oft weiblich und die wohlhabenden Plutokraten meist männlich.

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Selbst eine gebildete, gut situierte Frau wie die Schriftstellerin Virginia Woolf kam 1928 zu dem Schluss: «Eine Frau braucht Geld und ein eigenes Zimmer, um schreiben zu können.» Woolf war sich schmerzlich bewusst, dass die wenigsten ihrer Geschlechtsgenossinnen auch nur die geringste Aussicht darauf hatten.

Seit der industriellen Revolution arbeiten die meisten von uns ausserhalb der eigenen Wohnung in Fabriken, Büros, öffentlichen Gebäuden oder im Freien. Die Prinzipien, nach denen diese Orte gestaltet sind, wirken sich prägend auf unsere dortige Arbeit aus.

In seinem 2011 erschienenen Buch «A Taxonomy of Office Chairs» (Eine Taxonomie der Bürostühle) beschreibt der US-amerikanische Industriedesigner Jonathan Olivares, wie frühe Büromöbel meist ganz individuell gestaltet wurden, oft von ihren Benutzern selbst. So entwickelte der britische Naturforscher – und offenbar passionierte Bastler – Charles Darwin in den 1840er-Jahren den wohl ersten Schreibtischstuhl auf Rädern.

Darwin ersetzte die Beine eines hölzernen Armlehnstuhls mit den Beinen eines fahrbaren Bettgestells aus Gusseisen. So konnte er in seinem Heim in der ländlichen Grafschaft Kent im Sitzen die Proben und Präparate in Augenschein nehmen, die seine Assistenten auf langen Tischen in seinem Arbeitszimmer für ihn ausbreiteten.

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Olivares beschreibt auch, wie sich der Wandel der Unternehmenskultur im 20. Jahrhundert in einer Arbeitsplatzgestaltung widerspiegelte, die immer hierarchischer und standardisierter wurde. Der französische Regisseur Jacques Tati hat dies im Film «Playtime» von 1967 brillant persifliert: Sein unbeholfener Anti-Held Monsieur Hulot scheitert kläglich bei dem Versuch, sich in einem dystopischen modernen Büro mit Reihen gleichförmiger Arbeitszellen zurecht zu finden.

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Seit der Einführung erschwinglicher Kommunikationstechnologien um die letzte Jahrhundertwende können immer mehr von uns frei wählen, wo wir arbeiten wollen. Die französischen Designer Ronan und Erwan Bouroullec begannen ihre Laufbahn mit Entwürfen flexibler Möbel für die wechselnden Bedürfnisse ihrer «Generation Rent», deren Mitglieder oft am selben Ort leben und arbeiten, häufig auch gemeinsam mit anderen in weitläufigen, aber ziemlich vollgestopften Räumen.

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Bei Joyn, ihrem 2002 entstandenen ersten Projekt für Vitra, wendeten die Bouroullecs dieselben Prinzipien auf externe Arbeitsplätze an. Das modulare Tischsystem mit verstellbaren Sichtschutzelementen ermöglicht einerseits die Aufteilung des Raums in individuelle Bereiche, kann andererseits aber auch für Besprechungen geöffnet werden. Zwei Jahre später stellten sie mit Joyn Hut (Joyn-Hütte) einen mobilen, in sich geschlossenen Arbeitsraum vor, mit dem innerhalb grösserer Räume vorübergehend kleinere Büros geschaffen werden können.

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Diese Prinzipien beherrschen seither die Gestaltung unserer Arbeitsumgebung, nicht zuletzt, weil steigende Gewerbemieten viele Unternehmen dazu veranlasst haben, Fläche einzusparen, indem sie den Mitarbeitern nahelegen, auch von zu Hause aus zu arbeiten. Bisher gestalten die meisten neuen Home-Arbeiter ihren Arbeitsplatz so wie die Blaschkas oder Darwin – individuell und improvisiert. Nur wenige waren dabei wohl so mutig, wie der spanische Möbeldesigner Fernando Abellanas: Da er sich die Studiomiete in Valencia nicht leisten konnte, konstruierte er unter einer Strassenbrücke aus Beton einen hängenden Arbeitsraum mit einem Schreibtisch, einem Stuhl und Regalen.

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Was bedeutet der Covid-19-bedingte schlagartige Anstieg der Arbeit im Homeoffice für die Zukunft unserer Arbeit und Arbeitsplatzgestaltung? Viele Menschen entdecken gerade das Homeoffice für sich. «Zuhause Arbeiten funktioniert – aber werden wir jemals ins Büro zurückkehren wollen?» (Working from home works – but will anyone want to go back to the office?) lautete kürzlich eine Schlagzeile in der britischen Zeitung «The Guardian». Ja, warum sollte man auch? Langjährige Anhänger des Homeoffice (wie ich) sind meist voll des Lobes für diese Art der Arbeit. Es gibt keine Ablenkung, man kann sich besser konzentrieren. Man kann seinen Zeitplan nach Belieben ändern und jederzeit einen Happen essen. Kein Pendeln, keine Büropolitik, dafür kann man am helllichten Nachmittag schnell eine Episode des Serien-Klassikers «Top Boy» schauen, ohne dass es jemand merkt. Und so weiter.

Aber die meisten von uns haben sich bewusst dafür entschieden, von zuhause aus zu arbeiten. Wir konnten Büros, Arbeitszimmer oder Tische frei nach Bedarf einrichten. Es ist ein grosser Unterschied, ob man sich für eine neue Arbeitsweise entscheidet oder plötzlich dazu gezwungen wird. Nicht jeder Homeoffice-Neuling wird nach der Pandemie einen Roman geschrieben, ein lange geplantes Rechercheprojekt abgeschlossen oder ganz neue Fähigkeiten erlernt haben.

Einigen wird diese Phase als eine Zeit der Unsicherheit, der scheiternden Beziehungen, der finanziellen Belastung oder des Verlusts geliebter Menschen an Covid-19 in Erinnerung bleiben. Aber auch die, denen solches Unglück erspart bleibt, könnten sich durch das kollektiv erfahrene Trauma dazu veranlasst fühlen, ihre persönliche Zukunft im Arbeits- und Privatleben radikal zu überdenken.

Natürlich werden viele sich noch – oder sogar vermehrt – nach der Sicherheit sehnen, die mit konventionellen Arbeitsplätzen und Büros einhergeht. Andere wiederum werden vielleicht Geschmack finden an der Unabhängigkeit und der persönlichen Freiheit des selbstbestimmten Arbeitens, möglicherweise bestärkt durch die Kraft und Widerstandsfähigkeit, die sie während der Krise in sich selbst entdeckt oder bei anderen beobachtet haben.

Wieder andere werden weiterhin zuhause arbeiten müssen, weil ihr finanziell angeschlagener Arbeitgeber Kosten senken muss. Diese Arbeitgeber werden dann vor der Herausforderung stehen, die Vorteile konventioneller Arbeit am gleichen Ort in die digitale Sphäre zu verlagern – um auch unter weit verstreuten Mitarbeitern den Teamgeist aufrecht zu erhalten, gemeinsame Zielsetzungen zu vermitteln und zufällige Gespräche und Brainstorming in der Kaffeepause zu ermöglichen.

Wie auch immer die Covid-19-Krise ausgeht und wann auch immer sie endet, die Art, wie wir arbeiten – genau wie viele andere Aspekte unseres Lebens – wird nicht mehr dieselbe sein.




Veröffentlichungsdatum: 27.03.2020
Autor: Alice Rawsthorn
Bilder: 1. Der legendäre Grafiker Peter Saville in seinem Wohnhaus und Studio in London, 2004, fotografiert von Nigel Safra, 2004 © Nigel Safran www.nigelshafran.com, 2. Polyclonia frondosa Quallenmodel aus Glas, Leopold and Rudolf Blaschka © The Trustees of the Natural History Museum, London, 3. Aurelia aurita Quallenmodel aus Glas, Leopold and Rudolf Blaschka © The Trustees of the Natural History Museum, London, 4. Thüringer Frauen fertigen Puppen in Heimarbeit, um 1935 © AKG-Images, 2020, 5. Charles Darwin's Arbeitszimmer mit selbstentworfenem Arbeitsstuhl © Wellcome Collection / Creative Commons Attribution (CC BY 4.0), 6. PlayTime, Jacques Tati (1967) © Les Films de Mon Oncle - Specta Films, 7. Joyn, Ronan & Erwan Bouroullec, 2002 © Vitra, Foto: Marc Eggimann, 8.-9. Joyn Hut, Ronan & Erwan Bouroullec, 2004 © Vitra, Foto: Miro Zagnoli, 10. - 12. Studio unter einer Brücke, Valencia, Spanien von Fernando Abellanas, lebrelfurniture Foto: Jose Manuel Pedrajas