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Home-Active

Robert Stadler

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Die gegenwärtigen Einschränkungen durch die COVID-19 Pandemie haben unsere Mobilität radikal reduziert, viele sind zu Hause isoliert. Dadurch bauen wir eine intensivere Beziehung zu den Objekten unseres Umfelds auf, stellt der in Paris ansässige Designer Robert Stadler fest. Die erzwungene Häuslichkeit sieht er als Chance, das heimische Ökosystem neu zu entdecken und es aktiver und kreativer zu bewohnen. Räume und Möbel, Gestaltung und Design sollten unsere Neugier und Experimentierfreude wecken. Und zwar in Realität und nicht nur für den Moment eines Posts.

Die eigene Wohnung kann ein fantastischer Spielplatz sein, nicht nur für die Entspannung, sondern auch für Experimente mit sehr persönlichen Ideen zum Thema Wohnen. Dieses Potenzial beschäftigt mich schon eine ganze Weile, ein paar Ideen zur Umsetzung entwickle ich gerade – vom Entwurf eines Hängesystems für Zuhause, von dem gerade ein Prototyp gebaut wird, bis zur Kuratierung einer Ausstellung. Folgende Beobachtungen treiben mich um:

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Das Interieur ist zum Pinterest-Abbild seiner selbst geworden, zur vorhersehbaren Deklination standardisierter Kompositionen. Die immer gleichen Möbel wiederholen sich, mal im Original, mal in Kopie – den Unterschied kann man in den Social Media ohnehin nicht erkennen. Ob luxuriös oder erschwinglich, eine weltweite Homogenisierung hat das Interieur erfasst. Meistens wird nicht gestaltet, sondern einfach nur zusammengestellt. Das Ergebnis sind Rauminszenierungen, die auf spezielle Verbrauchergruppen zugeschnitten sind und sofort gepostet werden können.

In solchen Szenarien erscheinen wir, die Bewohner, nicht mehr als aktives Subjekt mit einer dynamischen Beziehung zur häuslichen Umwelt. Stattdessen sollen wir uns wie die Möbel in eine kuratierte Kulisse einfügen. Für Vielfalt ist kein Platz. Man wird zur Requisite in der eigenen Wohnung und begegnet den gleichförmigen Räumen mit einem beruhigenden und zugleich unheimlichen Gefühl der Gleichgültigkeit.

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In der Ausstellung Typecasting, die ich 2018 für Vitra kuratiert habe, zeigten wir Möbelstücke als Charaktere, die sich in kleinen Gruppen zusammengefunden hatten. Mit dieser Form der Inszenierung wollte ich veranschaulichen, wie wir unsere Zugehörigkeit zu gewissen Social-Media-Gruppen mit Hilfe von Gegenständen zur Schau stellen und ein bestimmtes Selbstbild projizieren. «Typecasting» setzte sich insbesondere damit auseinander, wie Möbel uns dabei helfen, ein persönliches Profil zu entwickeln – auch im Verhältnis zur (virtuellen) Gesellschaft.

Ich frage mich auch, wie es kommt, dass der Trend zum Untervermieten oder Tauschen der Wohnung mit Fremden nicht zur Entstehung vielfältigerer Interieurs beigetragen hat, wie sie ursprünglich bei Wohnungstauschbörsen wie Airbnb beworben wurden. Offensichtlich bleiben die Gastgeber lieber im gewohnten gestalterischen Rahmen, um ein so breites Publikum wie möglich anzusprechen. Aber vielleicht sollte man das Publikum nicht unterschätzen –würde es nicht gerne auch mal überrascht werden?

Daher der Titel «Home-Active»: Ein neuer, experimentellerer Designansatz unserer Wohnung ist notwendig.

Ein Blick auf die Geschichte zeigt, dass viele bahnbrechende Interieurs auf der eigenwilligen Theorie oder Vision eines Designers, Architekten oder Künstlers beruhen. Ein Beispiel vom Anfang des 20. Jahrhunderts ist der von Adolf Loos entwickelte «Raumplan». Loos machte nicht nur präzise Angaben zur Anordnung des Innenraums, sondern forderte auch, dass das Interieur sich an den Nutzer anpasse und nicht umgekehrt. Er äusserte scharfe Kritik an den von Architekten geschaffenen starren Gestaltungen, die es den Nutzern unmöglich machen, die Einrichtung an ihre persönlichen Bedürfnisse anzupassen. Aus ähnlichen Beweggründen entwickelte Achille Castiglioni ein halbes Jahrhundert später seine Rauminstallation für die Ausstellung «Colori e forme della casa d’oggi» in der Villa Olmo in Como. Die ungewöhnliche Zusammenstellung verschiedenster Objekte – darunter eine Spüle, ein frei im Raum schwebender Fernseher und ein Liegestuhl – im gleichen Raum vermittelte ein Gefühl von Freiheit jenseits aller gesellschaftlichen Zwänge. Wenige Jahre später entwickelten Andrea Branzi und Archizoom Associati mit dem Konzept der «No-Stop City» (1969–1972) ein ebenfalls am Menschen orientiertes Szenario. Dabei erscheint die Stadt als homogene, neutrale Umgebung mit einer umfassenden technologischen Ausstattung, in der die Bewohner ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. Ettore Sottsass wiederum, der dem vom Bauhaus geprägten autoritären Gestaltungsansatz seiner Zeit sehr kritisch gegenüberstand, sagte über seine eigen Möbelentwürfe ironisch: «Man kann sie eigentlich überall hinstellen. Sie passen ohnehin zu nichts.»

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Abgesehen vom Stil bietet die Einrichtung zahlreiche weitere Möglichkeiten, die Bewohner zu aktivieren. Sie kann sie animieren, sich direkt am Design zu beteiligen, etwa indem sie ihre Möbel selbst bauen. Ein Paradebeispiel für diesen Ansatz ist Enzo Maris «Autoprogettazione»-Projekt (1974). Mari stellte zwar eine Bauanleitung zur Verfügung, liess bei der konkreten Bearbeitung und Umsetzung aber auch Spielraum – ein entscheidender Unterschied zum Selbstbau nach Vorschrift à la IKEA.

Andere Möbelentwürfe geben ihre Funktion nicht unmittelbar preis, sondern fordern dazu auf, selbst zu entdecken, wofür das Stück gut sein könnte. Als Peggy Guggenheim im Jahr 1942 Friedrich Kiesler mit der Gestaltung ihrer neuen Galerie Art of This Century beauftragte, entwickelte er das «Correalistische Instrument» und den «Correalistischen Rocker». Kieslers Correalismus-Theorie fordert einen ganzheitlichen Blick auf den Menschen in seiner Umgebung; die Objekte bieten je nach ihrer Positionierung unterschiedliche Verwendungsmöglichkeiten, sei es als Stuhl, als Beistelltisch oder als Sockel. Aktuell tritt Konstantin Grcic mit seinem Stool-Tool in Kieslers Fussstapfen. Das Objekt lädt dazu ein, in Bewegung zu bleiben und diesen a priori rätselhaften Entwurf immer wieder anders einzusetzen.

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Die Dinghaftigkeit von Objekten aufzuzeigen, die sich nicht unmittelbar erschliessen – und so die Kraft auszuloten, die in ihrer Unkennbarkeit steckt – war der zentrale Gedanke der «Quiz»-Ausstellungen, die Alexis Vaillant und ich 2014 und 2016 gemeinsam kuratierten. Dabei trugen wir über 100 Objekte zusammen, die Künstler und Designer auf faszinierende Weise gegen den Strich der typologischen Kategorisierung gestaltet hatten. Die Ausstellung regte Besucher dazu an, ihre Vorstellungen von Kunst und Design funktional und dysfunktional zu hinterfragen.

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Auch Künstler haben schon immer gerne mit dem Thema Wohnen und Einrichten experimentiert. Die Beispiele reichen von Richard Hamiltons Collage «Just What Is It That Makes Today’s Homes So Different, So Appealing?» (1956), die sich mit der Vereinnahmung des privaten Wohnumfelds durch die amerikanische Konsumkultur auseinandersetzt, bis zu Claes Oldenburgs «Bedroom Ensemble» (1964), bei dem künstliche Oberflächen im Vordergrund stehen. Seit geraumer Zeit hinterfragt Andrea Zittel mit ihrem Institute of Investigative Living unsere Wahrnehmung des Häuslichen. Im heutigen Design sind kritische und zugleich realistische Ansätze jedoch selten geworden. Designer und Denker wie Jack Self oder Shawn Maximo haben zwar interessante Positionen formuliert, doch die meisten Szenarien bleiben reine Theorie.

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Woran mag das liegen? Hat die Logik der «Likes», mit den daran gekoppelten kommerziellen Online-Foren alle alternativen Ansätze im Keim erstickt? Früher entwickelten respektierte Designer nicht nur einzelne Objekte, sondern ganze Umgebungen, und legten dabei umfassende Wohnkonzepte vor. Heute ist das nur noch selten der Fall. Das könnte natürlich auch daran liegen, dass früher die meisten Möbeldesigner ausgebildete Architekten waren. Heute hat man auch bei den anerkanntesten Designern den Eindruck, dass sie sich hauptsächlich auf Einzelobjekte konzentrieren und die Frage nach dem Interieur als Ganzem somit an die Raumgestalter, künstlerischen Berater oder Stilredakteure überliessen.

Die aktuelle Situation ist der ideale Ausgangspunkt für Designer, die unseren Lebensstil einer unkritischen und schnelllebigen Epoche hinterfragen und den Fokus wieder auf den Menschen mit seiner erstaunlichen Offenheit gegenüber dem Unbekannten richten wollen. Das ist mein Begriff von «Home-Active»: Eine Haltung, bei der wir den Bewohnern unserer häuslichen Umgebung und Einrichtung kreativ begegnen. Und wenn sich Designer mit Herstellern zusammentun, bekommen solche Projekte eine Chance, sich einem breiteren Publikum zu erschliessen.


Veröffentlichungsdatum: 30.4.2020
Autor: Robert Stadler
Bilder: 1. Robert Stadler Porträt © manuelbougot.com; 2. © Robert Stadler, You Name it; 3. Typecasting © Vitra, Foto: Julien Lanoo; 4. Rekonstruktion des Wohnzimmers der Villa Olmi, ausgestellt von Achille Castiglioni in seinem Mailänder Studio © Fondazione Achille Castiglioni; 5. Karl Lagerfelds Monte Carlo Apartment (mit Entwürfen der Gruppe Memphis, die von Ettore Sottsass gegründet wurde), Monaco, ca. 1983, aktuell gezeigt in der Ausstellung «Home Stories» im Vitra Design Museum © Jacques Schumacher; 6. Friedrich Kiesler, Correalistischer Rocker, 1942, aktuell gezeigt im CaixaForum Barcelona in der Ausstellung «Objekte der Begierde. Surrealismus und Design 1924 – heute» © Vitra Design Museum, Foto: Jürgen HANS; 7. Stool Tools © Vitra, Foto: Marc Eggimann; 8. Quiz: Basierend auf einer Idee von Robert Stadler © Martin Argyroglo; 9. Claes Oldenburg Bedroom Ensemble, aktuell gezeigt im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main © imago images / epd