Nach oben

„Miteinander füreinander tätig sein“

Ein Interview mit Prof. Dr. Götz Rehn

Für den Vitra Summit haben wir führende Köpfe aus Business, Architektur, Design oder Psychologie eingeladen, mit uns darüber nachzudenken, wie unsere Umgebungen zukunftsfähig werden. Prof. Dr. Götz Rehn ist einer davon.

Als «Bürodorf» bezeichnet er das neue Hauptgebäude des von ihm vor über 35 Jahren gegründeten Unternehmens Alnatura. Der archetypische Lehmbau mit seinem offenen Innenraum, der «Alnatura Arbeitswelt», ist Teil eines wichtigen Unternehmensziels: Ganzheitliche Nachhaltigkeit aktiv umzusetzen. Im Interview spricht Rehn über den partizipativen Gestaltungsprozess und das Arbeiten vor und in Pandemiezeiten.

Alnatura beschäftigt heute 3500 Mitarbeitende und bietet seine Produkte allein in Deutschland in über 135 eigenen Alnatura Märkten an. Durch das Wachstum waren die Büros des alten Firmensitzes irgendwann zu klein und ausserdem auf verschiedene Standorte verteilt. Was stand an erster Stelle, als Sie sich entschieden haben, einen ganz neuen Campus zu planen?

Das wichtigste bei dem neuen Bürogebäude war, unser Nachhaltigkeitskonzept konsequent zu verwirklichen. Das Gebäude musste also ökonomischen und ökologischen Kriterien genügen – und es musste unsere besondere «kollegiale Zusammenarbeit» unterstützen. Das ist der Wesenskern eines Büros: Wie kann man es so gestalten, dass es nicht nur schön ist, sondern dort auch die Zusammenarbeit zwischen den Mitarbeitenden gut funktioniert? Aber auch die Aussenbereiche des Alnatura Campus waren immer zentraler Bestandteil unserer Arbeitswelt. Heute gibt es mit dem tibits ein vegetarisches Restaurant, einen Kindergarten auf Grundlage der Waldorfpädagogik für etwa 100 Kinder, Gartenparzellen, die von Mitarbeitenden und von Bürgern der Stadt biologisch bewirtschaftet werden, ein Gartenhaus, in dem Seminare stattfinden, einen Brotbackofen und ein Amphitheater für Aufführungen – denn unsere Lernenden spielen alle Theater.

Das Thema der Zusammenarbeit steht also im Vordergrund. Wie muss man sich das bei Alnatura denn genau vorstellen?

Wir folgen einem Konzept, das wir selbst kontinuierlich weiterentwickeln und das wir «kollegiale Zusammenarbeit» nennen. Es beruht auf folgenden Annahmen: Heute wollen sich die Menschen einbringen und weiterentwickeln. Andererseits werden die Anforderungen, marktgerechte Ideen möglichst kurzfristig und pragmatisch umzusetzen, immer grösser. Das können Einzelne nicht im Alleingang. Also muss man die Aufgaben gemeinsam bewältigen, und wir haben deshalb überlegt: Wie können wir sicherstellen, dass alle, die von einer Entscheidung innerhalb des Unternehmens betroffen sind, die Möglichkeit haben, sich einzubringen?

Als Hilfsinstrument haben wir ein «Beratungsprinzip» entwickelt. Wenn Sie also als Mitarbeitender vor einer Aufgabe stehen, fragen Sie zunächst, um was es eigentlich geht und wer Ihnen bei der Aufgabe helfen kann. Dann kommt eine Phase, in der in Teamarbeit Fakten, Daten und Zahlen zusammengetragen werden. In der dritten Phase geht es um die Erörterung von Handlungsoptionen. In der vierten Phase wird dann gemeinsam entschieden. Mit diesem Vier-Phasen-Modell stellen wir sicher, dass wir jenseits einer hierarchischen Form offen miteinander zusammenarbeiten können, aber auch keine Laissez-Faire Haltung entsteht, wo Einzelne nur das tun, was sie wollen, aber das Ganze nicht mehr im Blick behalten. Das Konzept bedeutet kurz gefasst: Miteinander füreinander tätig zu sein!

Wie haben Sie Ihre Unternehmenskultur räumlich umgesetzt, und was würden Sie anderen Unternehmen empfehlen, die vor einer ähnlichen Aufgabe stehen?

Die Entwicklung einer Arbeitswelt ist immer eine individuelle Aufgabe. Das kann ich nur jedem raten, der eine neue Arbeitswelt plant: Kaufen Sie sich nicht ein fertiges Konzept, sondern entwickeln Sie es mit den Kolleginnen und Kollegen zusammen. Bei uns hiess das, dass wir eine Gruppe gebildet haben. Diese Change-Gruppe hat sich gefragt: Wie sieht unsere Zusammenarbeit heute aus? Welche Bezüge gibt es? Wer arbeitet mit welchem Bereich zusammen? Welche Abteilungen gibt es? Welche Entwicklung ist abzusehen? Wie würden wir gerne zusammensitzen? Was brauchen wir? Diese Voraussetzungen sind bei jedem Unternehmen unterschiedlich und dürfen nicht unterschätzt werden. Wir haben hier ja das Konzept «Citizen Office» umgesetzt. Wenn man das im Bild beschreiben will, kann man sagen, wir haben ein eigenes Alnatura-«Bürodorf» entwickelt: Die Häuser, Kirche und der Gemüseladen in einem Dorf entsprechen unseren Begegnungsstationen, unseren Teamräumen auf dem Alnatura Campus. Dieses «Dorf» haben wir gemeinsam mit den externen Beratern geplant – und letztendlich haben wir über 13.000 Quadratmeter Bürofläche fast ohne Türen «als großes Dorf» gestaltet.

Ist durch das von Ihnen beschriebene Arbeitsmodell auch die eine oder andere Lösung entstanden, mit der Sie nicht gerechnet haben?

Als es zum Beispiel um die Besprechungsräume im Erdgeschoss ging, in denen wir Gäste empfangen und mit Lieferanten und anderen Partnern sprechen, hat die Change-Gruppe festgestellt, dass die wirklich benötigte Quadratmeterzahl viel höher ist, als die Fläche es vorsah. Dann gab es natürlich Diskussionen, aber wir haben gesagt: Wir setzen das um, was die Mitarbeitenden entschieden haben, denn die wissen am besten, was wir brauchen. Und tatsächlich reichen diese Räume heute gerade so aus. Daran wird deutlich: Es ist ganz wichtig, dass man bei der Planung eines Büros wirklich in einen Entwicklungsprozess mit den Mitarbeitenden einsteigt und dass das Ganze aus dem Unternehmen heraus neu entsteht.

Für die Büroausstattung haben Sie mit Vitra zusammengearbeitet. Allerdings bestand diese Verbindung schon vor dem Umzug in das neue Gebäude.

Ausgehend von unserem Gedanken «Sinnvoll für Mensch und Erde» setzt unser Unternehmen auf Nachhaltigkeit – in allen Dimensionen. Dazu gehört auch, dass wir mit Möbeln sparsam umgehen. Egal ob für unsere Märkte oder für unsere Büros, wir suchen Gegenstände, die lange halten und die man reparieren kann. Vor über 25 Jahren mussten neue Büromöbel angeschafft werden. Seinerzeit ging es dem Unternehmen wirtschaftlich nicht so gut. Trotzdem haben wir Vitra-Stühle angeschafft, weil wir wussten, dass die Qualität sehr gut ist. Diese Möbel sind jetzt 25 Jahre alt und haben immer gut gehalten. Jetzt haben wir sie neu beziehen lassen und werden sie die nächsten 20 Jahre nutzen können. Das hat uns überzeugt: Qualität. Der zweite Punkt war Ästhetik. Für uns ist es wichtig, einen Partner zu haben, der versteht, dass wir die Welt schöner machen wollen. Es geht nicht nur um Zweckmässigkeit.

Die Corona-Krise hat alle Unternehmen unerwartet getroffen. Wie war das bei Ihnen?

Zunächst war die Pandemie in unseren 135 Märkten eine grosse Herausforderung, nicht nur wegen der grossen Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln, sondern auch wegen der Umsetzung der Hygiene- und Schutzmassnahmen. Im Unternehmen haben wir bereits am ersten Tag eine sogenannte Pandemie-Gruppe gebildet, die völlig unabhängig von Hierarchien und nur ausgehend von den Funktionen alle Entscheidungen rund um die Pandemie trägt. Die Gruppe tagte anfangs täglich, jetzt nur noch wöchentlich. Sie stellt die Regeln auf, wie wir uns in dieser herausfordernden Zeit verhalten müssen.

Normalerweise arbeiten in der Alnatura Arbeitswelt ca. 470 Kolleginnen und Kollegen. Im Augenblick sind wir maximal 140. Natürlich haben wir uns Prozesse überlegt für den Fall, dass sich jemand ansteckt und sichergestellt, dass wir handlungsfähig bleiben. Abseits von diesen Überlegungen hat die Corona-Pandemie aber eine neue, andere Art des offenen Arbeitens gestärkt. Auch das wollen wir aktiv begleiten. Wir sind gerade dabei, neue Regeln für mobiles Arbeiten zu entwickeln. Das heisst der Anteil derer, die nicht hier im Büro sind, wird dauerhaft wachsen.


Veröffentlichungsdatum: 14.10.2020
Bilder: © Alnatura, Annika List, Lars Gruber; Vitra

Video: Marek Iwicki & Lukas Schmid