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Wir kennen unsere Lieferkette

Ein Gespräch mit Cervo Volante

Dieses Leder erzählt Geschichten. Insektenstiche, Zeckenbisse, Kratzer von Dornen, Geweihstösse und manchmal auch Schusslöcher: Das wilde Leben der Schweizer Rothirsche ist auf dem Leder von Cervo Volante abzulesen. Vitra lässt jetzt den kleinen Sessel LCW – Lounge Chair Wood – von Charles und Ray Eames in Nussbaumfurnier als Special mit dem ökologisch gegerbten, naturbelassenen Rothirschleder beziehen.

Conny Thiel-Egenter und Kadri Vunder Fontana haben Cervo Volante 2017 in Zürich gegründet, um bis dahin als Abfall entsorgte Hirschhäute weiterzuverwenden. Heute werden aus dem konsequent regional verarbeiteten Leder Schuhe, Taschen und Accessoires hergestellt. Ein Gespräch über Klettertouren, Nackenfalten und warum manchmal auch Veganer und Veganerinnen bei Cervo Volante kaufen.

Frau Thiel-Egenter, Frau Vunder Fontana, können wir guten Gewissens auf einem LCW mit Rothirschleder-Bezug von Cervo Volante Platz nehmen?

Kadri Vunder Fontana: Absolut! Und das gleich aus mehreren Gründen. Zum einen ist das Leder ein Abfallprodukt, das bei der Hirschjagd in der Schweiz anfällt. Die Verarbeitung geschieht nach sehr strengen ökologischen Kriterien. Beispielsweise die Gerbstoffe: Wir verwenden von Hand gesammelte Eicheln aus der Türkei. Während des Gerbprozesses verzichten wir auf sämtliche Schwermetalle, es kommen auch keine chemischen Vorgerbstoffe zum Einsatz. Zudem bleibt das Leder naturbelassen, wir beschichten es nicht. Das macht es atmungsaktiv und antiallergisch.

Conny Thiel-Egenter: An der Jagd scheiden sich natürlich die Geister. Aber in Mitteleuropa haben wir eine Kulturlandschaft, da muss der Hirschbestand reguliert werden. In der Schweiz geschieht das auf nachhaltige Weise, dazu können wir stehen.

Wie sind Sie überhaupt auf Hirschleder gekommen?

Conny Thiel-Egenter: Ich bin selbst Jägerin, und wusste daher, dass in der Regel die Hälfte des Tieres weggeworfen und nur das Fleisch verwendet wird.

Kadri Vunder Fontana: Conny und ich sind schon lange befreundet, wir gingen jede Woche gemeinsam in die Kletterhalle. In einer Pause hat Conny mir erzählt, dass die Hirschhäute nach der Jagd einfach verbrannt werden. Das konnte ich zuerst gar nicht glauben. Bei den wöchentlichen Klettertouren haben wir dann immer wieder Ideen gewälzt, was man mit den Häuten machen könnte.

Es war ein längerer Prozess von der ersten Idee bis zu den fertigen Produkten…

Kadri Vunder Fontana: Als erstes haben wir eine Machbarkeitsstudie erstellt, dafür besuchten wir über 20 verschiedene Gerbereien in ganz Europa. Ganz zum Schluss erst sind wir bei uns in der Nähe bei Schweizer Gerbern fündig geworden. Die Schwierigkeit liegt in der Grösse der Hirschhäute: Sie sind viel kleiner als diejenigen von Rindern. Die Lederindustrie ist aber auf grosse Häute ausgerichtet. Das hat die Zahl der potenziellen Partner stark eingegrenzt. Ausserdem sollte möglichst ökologisch gegerbt werden. Im zweiten Schritt haben wir dann untersucht, für welche Produkte das Leder geeignet sein könnte, denn Hirschleder ist voller Kratzer und Narben – sogar Schusslöcher sind zu sehen. Wir brauchten also Produkte, bei denen man die Schäden des Leders zeigen möchte, bei denen das lässig ist und cool. Da Conny und ich selbst auf der Suche nach nachhaltigen Schuhen waren, haben wir bei Schuhfabriken angefragt.

Die Hirschleder-Edition des LCW ist Ihre erste Kooperation mit einem Möbelhersteller. Gab es besondere Herausforderungen?

Conny Thiel-Egenter: Die grösste Herausforderung war, dass man für Möbel meist sehr grosse Lederstücke braucht, denken Sie an ein Sofa! Deshalb eignet sich der kompakte LCW gut, Rückenlehne und Sitzfläche sind nicht so gross. Was mir sehr gut gefällt, ist die Kombination von unserem eichengegerbten Leder mit dem Nussbaumfurnier. Es ist faszinierend, die beiden Materialien haben fast dieselbe Farbe. Ich war zunächst etwas skeptisch, ob das passt – es passt sehr gut!

Die Nutzung von tierischen Produkten bleibt dennoch ein kontroverses Thema, oder?

Kadri Vunder Fontana: Am Anfang haben wir uns vorgenommen, gar nicht erst zu versuchen, überzeugte Veganer und Veganerinnen anzusprechen. Schliesslich respektieren wir persönliche Überzeugungen. Aber dann haben wir immer wieder Feedback von Veganern und Veganerinnen bekommen, die sich bei uns das erste Mal seit Jahren neue Lederschuhe gekauft haben. Sonst kaufen sie Second Hand, denn Leder ist nach wie vor das beste Material für Schuhe. Sie konnten sich mit unserer Philosophie identifizieren. Das hat uns natürlich gefreut. Für mich persönlich existieren scharfe Abgrenzungen ohnehin nicht, es gibt nicht bloss Schwarz und Weiss.

Conny Thiel-Egenter: Heutzutage ist die Diskussion darüber, was gut ist und was böse, stark moralisiert. Das kenne ich vom Thema Jagd. Manchmal sind die Positionen so festgefahren, da kann man gar nicht mehr diskutieren. Das ist schade, eine differenzierte und faktenbasierte Auseinandersetzung sollte immer möglich sein.

Kadri Vunder Fontana: Das ist einer unserer Grundsätze: Wir haben unser Geschäftsmodell faktenbasiert aufgebaut. Conny und ich sind beide Naturwissenschaftlerinnen, wir brauchen Zahlen und Fakten, wir wollen genau wissen, was wir machen. Wir kennen unsere Lieferkette, wir wissen, welche Stoffe eingesetzt werden. Deshalb haben wir ein gutes Gewissen und können gut schlafen.

Veröffentlichungsdatum: 24.8.2021
Bilder: Cervo Volante, Vitra;
Autor: Jasmin Jouhar

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