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Sperrholz

Eine Materialuntersuchung

Architectural Association School of Architecture, London

Sperrholz ist das älteste industriell gefertigte Plattenmaterial, das heute erhältlich ist. Seine Verwendung lässt sich bis ins alte Ägypten zurückverfolgen, wo Furnier als Dekoration für Möbel, Werkzeuge und Waffen verwendet wurde. Eine Beschichtung mit dekorativen Furnierschichten erhöhte den Wert von Gegenständen. Dank des trockenen ägyptischen Klimas sind entsprechende Objekte über Jahrtausende erhalten geblieben und zeigen auf, dass die Lebensdauer von verleimtem Holz fast unbegrenzt ist.

Sperrholz besteht aus mehreren Schichten Massiv- oder Furnierholz, die miteinander verleimt sind. Die Holzschichten bestehen aus einer ungeraden Anzahl von Blättern, deren Maserungsrichtungen jeweils quer verlaufen. So bilden sie eine Hartholzplatte, die sowohl fester, als auch flexibler ist, als unverleimtes Holz.

Die industrielle Produktion von Sperrholz begann in den frühen 1930er-Jahren. Während des Zweiten Weltkrieges wurden bessere Technologien entwickelt, um Furnierschichten unter Hitze und hohem Druck zu verdichten, was zu einer Produktion in grossem Rahmen führte.

In der Möbelindustrie sind es vor allem Alvar Aalto und Charles und Ray Eames, die für ihre Verwendung von Sperrholz berühmt geworden sind. Sie entwickelten neue Techniken und experimentierten mit dem Material, um gestalterische und konstruktive Probleme zu lösen.

Zu Beginn der 1930er-Jahre entwickelte der finnische Architekt Alvar Aalto ein Konstruktionsprinzip, das er als «gebeugtes Knie» bezeichnete: in Längsrichtung des Holzes verlaufende Fugen erzeugten einen Laminier-Effekt, mit dessen Hilfe in Leim getauchte Furnierstücke in den gewünschten Winkel gebogen wurden. Aalto selbst nannte sein Stuhlbein «die kleine Schwester der Säule der Architektur». Die einfachen Formen waren eine radikale Abkehr von den voluminösen, traditionellen Möbeln der Epoche und ebneten dem Sperrholz den Weg in der Möbelproduktion.

Die gebogenen Sperrholzmöbel von Aalto hatten grossen Einfluss auf das amerikanische Designerpaar Charles und Ray Eames. Seit ihrem Umzug nach Los Angeles in den frühen 1940er-Jahren hatten die Eames mit Techniken der Sperrholzverformung experimentiert. In ihrem Privathaus konstruierten sie eine Maschine – einen «Zauberkasten», den sie «Kazam! Maschine» tauften –, um mit Leim beschichtete, sandwichartig zusammengefügte Lagen von Holz dreidimensional zu verbiegen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Charles und Ray Eames so erfahren in dieser Holzverformungstechnik, dass sie mit der Produktion von Objekten für die US-Marine beginnen konnten, wie z.B. Bein- und Armschienen für verwundete Soldaten oder Formteile für Flugzeuge. Mit kreativem Geist und unendlicher Neugierde experimentierten die beiden auch mit Skulpturen, Tieren und Kindermöbeln aus Sperrholz.

1945 gelang den Eames mit der Entwicklung des Plywood Chair ein Stuhl, der grosse Aufmerksamkeit erregte und sofort Zustimmung bei Design-Kritikern und beim Publikum fand. Dabei kombinierten sie geschwungene Sperrholzelemente mit biegsamen Verbindungs-Gummis zu einem der berühmtesten Stuhlentwürfe des 20. Jahrhunderts.

Über die Entwicklung des Plywood Chair sagte Charles Eames: «Ein Stuhl sollte gleich gut aussehen, egal ob man sich ihm von oben oder von unten nähert. Wenn es ein Stuhl sein soll, dann sollte es ein ganzer Stuhl sein». Und so machten sie es: Charles und Ray Eames entwarfen einen Stuhl, der aus allen Blickwinkeln schön aussieht.

Das Time Magazine nannte den Plywood Chair «den Stuhl des Jahrhunderts» und Elliot Noyes, der damalige Direktor des MoMA, beschrieb ihn als «Verbindung aus ästhetischer Brillanz und technischem Erfindungsreichtum».

Eine der Materialeigenschaften von Sperrholz besteht darin, dass es in beiden Richtungen gleich stark ist. Damit ergibt sich die Möglichkeit, durch die Formgebung von Sperrholz ergonomische Eigenschaften zu definieren.

Mitte der 1950er-Jahre entwarf Verner Panton den S-Stuhl aus Sperrholz. Bei diesem Entwurf nutzte Panton seine Erfahrungen aus der Arbeit am Stuhl Ameise im Atelier Arne Jacobsen. Der S-Stuhl wurde zu einem avantgardistischen Freischwinger, der aus einem einzigen, in S-Form gepressten Stück Sperrholz gefertigt war.

Weitere Designer sind für Entwürfe aus Sperrholz bekannt: Sori Yanagi mit dem Butterfly Stool, Jasper Morrison mit dem Ply Chair und Jean Prouvé mit den Sitz- und Rückenlehnen seiner Stühle Chaise Tout Bois und Standard.


Veröffentlichungsdatum: 11.12.2020
Autor: Stine Liv Buur
Bilder: © Alvar Aalto Museum, Artek collection; © Eames Office, LLC; Vitra;