Über Verantwortung, Material und die leise Macht der Dinge
Ein Gespräch mit Hella Jongerius

Hella Jongerius zählt seit Jahrzehnten zu den prägendsten Stimmen im internationalen Design. Bekannt für ihre kompromisslose Haltung zu Material, Farbe und Form, stellt sie immer wieder die ethischen Grundlagen ihres Fachs infrage – und damit auch sich selbst. Zwischen Handwerk und Industrie, Forschung und Intuition sucht sie nach Wegen, Gestaltung verantwortungsvoll zu denken und zu praktizieren. Im Gespräch mit Louise Schouwenberg spricht die niederländische Designerin über Moral im Design, die leise Macht der Dinge und die «langsame Revolution», die unsere Vorstellung von Wert und Fortschritt grundlegend verändern könnte. Das Vitra Design Museum widmet der niederländischen Designerin mit «Hella Jongerius: Whispering Things» ihre erste grosse Retrospektive, die über 30 Jahre ihres experimentellen Schaffens mit Möbeln, Textilien, Keramiken, Prototypen und Projekten für internationale Unternehmen und Institutionen zeigt.
Die Welt steht vor einer Vielzahl von Krisen – Kriege, Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit. Welche Rolle kann Design in einer solchen Situation spielen?
Hella Jongerius: Design trägt Mitverantwortung. Lange habe ich den Einfluss unseres Berufs unterschätzt. Heute glaube ich: Viele Antworten auf die grossen Fragen unserer Zeit müssen von Designerinnen und Designern kommen – gerade weil sie an der Entstehung vieler Probleme beteiligt waren. Gestaltung formt Verhalten. Wer Dinge entwirft, gestaltet auch Weltbilder.
Du sprichst von Verantwortung – kann Design überhaupt moralisch sein?
Dinge sind nie neutral. Sie verkörpern Moral, Macht, manchmal auch Gleichgültigkeit. In den Spuren ihrer Herstellung liegen Geschichten über Arbeit, Ressourcen und Beziehungen. Design ist immer auch Soziologie. Es erzählt, wie wir leben und was wir wertschätzen. Wir müssen lernen, diesen stillen Erzählungen zuzuhören.
Dinge sind nie neutral. Sie verkörpern Moral, Macht, manchmal auch Gleichgültigkeit. In den Spuren ihrer Herstellung liegen Geschichten über Arbeit, Ressourcen und Beziehungen. Design ist immer auch Soziologie. Es erzählt, wie wir leben und was wir wertschätzen. Wir müssen lernen, diesen stillen Erzählungen zuzuhören.
«Design ist immer auch eine moralische Entscheidung.»
Deine Serie Angry Animals scheint diese Erzählungen laut werden zu lassen.
Ja – die Tiere schreien. Sie geben den Stimmlosen eine Stimme. Das kann man als Kommentar zur Designwelt lesen.
Ja – die Tiere schreien. Sie geben den Stimmlosen eine Stimme. Das kann man als Kommentar zur Designwelt lesen.


Was läuft deiner Meinung nach falsch?
Das Marktdenken. Wert wird fast ausschliesslich in kapitalistischen Begriffen verstanden. Doch wir müssen beginnen, moralische Entscheidungen zu treffen, bevor wir ökonomische treffen. Die Philosophin Eva von Redecker spricht von einer «langsamen Revolution» – kleinen Gemeinschaften, die Alternativen leben. Ich glaube, Design kann Teil dieser Bewegung sein.
Das Marktdenken. Wert wird fast ausschliesslich in kapitalistischen Begriffen verstanden. Doch wir müssen beginnen, moralische Entscheidungen zu treffen, bevor wir ökonomische treffen. Die Philosophin Eva von Redecker spricht von einer «langsamen Revolution» – kleinen Gemeinschaften, die Alternativen leben. Ich glaube, Design kann Teil dieser Bewegung sein.
Viele junge Designerinnen und Designer verstehen sich heute als Forscherinnen und Forscher. Ist das für dich ein Zeichen des Wandels?
Auf jeden Fall. Was heute geschieht, geht weit über die Bewegungen der 1970er oder 1990er Jahre hinaus. Junge Designer brechen mit bestehenden Systemen, arbeiten mit Wissenschaft, denken über Materialkreisläufe und Vergänglichkeit nach. Forschung wird zum Motor einer neuen Designethik.
Doch solange der Markt dominiert, bleibt ethisches Design doch oft eine Nische.
Veränderung beginnt nie im Zentrum, sondern in den Zwischenräumen. Dort, wo Menschen Dinge anders denken – unvollkommen, veränderbar, offen für Nachleben. Designer können Empfänglichkeit schaffen: für Verantwortung, für Zeit, für Beziehungen zwischen Material und Mensch. Das ist vielleicht ihre wichtigste Aufgabe.
Auf jeden Fall. Was heute geschieht, geht weit über die Bewegungen der 1970er oder 1990er Jahre hinaus. Junge Designer brechen mit bestehenden Systemen, arbeiten mit Wissenschaft, denken über Materialkreisläufe und Vergänglichkeit nach. Forschung wird zum Motor einer neuen Designethik.
Doch solange der Markt dominiert, bleibt ethisches Design doch oft eine Nische.
Veränderung beginnt nie im Zentrum, sondern in den Zwischenräumen. Dort, wo Menschen Dinge anders denken – unvollkommen, veränderbar, offen für Nachleben. Designer können Empfänglichkeit schaffen: für Verantwortung, für Zeit, für Beziehungen zwischen Material und Mensch. Das ist vielleicht ihre wichtigste Aufgabe.


Wenn du heute noch einmal beginnen könntest – würdest du dich wieder für Design entscheiden?
Ja. Aber ich würde es stärker mit Philosophie, Soziologie und Politik verbinden. Wir müssen verstehen, was falsch läuft, um neu zu gestalten. Design ist kein Luxus mehr, sondern eine Überlebensfrage. Neue Lebensweisen, neue Rituale, neue Beziehungen zu Materialien – all das verlangt nach Fantasie und Mut. Ich möchte Teil dieser langsamen, tiefen Revolution sein.
Ja. Aber ich würde es stärker mit Philosophie, Soziologie und Politik verbinden. Wir müssen verstehen, was falsch läuft, um neu zu gestalten. Design ist kein Luxus mehr, sondern eine Überlebensfrage. Neue Lebensweisen, neue Rituale, neue Beziehungen zu Materialien – all das verlangt nach Fantasie und Mut. Ich möchte Teil dieser langsamen, tiefen Revolution sein.
«Hella Jongerius: Whispering Things», zu sehen bis zum 6. September 2026 im Vitra Design Museum. Zur Ausstellung erschien ein umfangreicher Katalog, der vom niederländischen Grafikdesigner Joost Grootens gestaltet wurde und Beiträge renommierter AutorInnen wie Alice Rawsthorne, Paola Antonelli, Louise Schouwenberg und Christel Vester sowie ein Werksverzeichnis umfasst.
Die wegweisenden Arbeiten von Hella Jongerius reichen von Textilien und Keramik über Möbel und Lampen bis hin zu skulpturalen Werken. Mit Vitra arbeitet sie seit 2004 zusammen.
Die wegweisenden Arbeiten von Hella Jongerius reichen von Textilien und Keramik über Möbel und Lampen bis hin zu skulpturalen Werken. Mit Vitra arbeitet sie seit 2004 zusammen.
Veröffentlichungsdatum: 16.03.2026
Autorin: Louise Schouwenberg
Bilder: 1., 11., 12., 13. Installationansichten ‘Hella Jongerius: Whispering Things’ © Vitra Design Museum, Foto: Bernhard Strauss; 2. Hella Jongerius, Beyond the New (Manifest), 2015 © Jongeriuslab; 3. Hella Jongerius, Angry Animals Series 3, 2025, Courtesy Galerie kreo, Foto: Alexandra de Cossette; 4. Hella Jongerius, Léa Detail, Angry Animal Series 3, 2025, Courtesy Galerie kreo, Foto: Alexandra de Cossette; 5. Vlinder Sofa für Vitra, 2019 © Vitra, Foto: Dejan Jovanovic; 6. Hella Jongerius, Loom Room, 2023 © Jongeriuslab, Foto: Loraine Bodewe; 7. Hella Jongerius, Interlace Ausstellung, Lafayette Anticipations, 2019 © Jongeriuslab, Foto: Roel van Tour; 8. Hella Jongerius, Recherche zu Farbrezepturen, 2016 © Jongeriuslab, Foto: Mathijs Labadie / Roel van Tour; 9. Hella Jongerius, Karaffe aus dem Chicle Project, 2009 © Jongeriuslab; 10. Hella Jongerius, Generation T, Nymphenburg, 2023 © Nymphenburg









