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«Wir sind gezwungen worden, schnell zu lernen»

Ein Besuch im Dancing Office

Bewährungsprobe für die tanzenden Wände: Der Schweizer Designer und Architekt Stephan Hürlemann hat sein Studio an die neue Normalität angepasst – mithilfe der «Dancing Wall». Das System mobiler, multifunktionaler Wandelemente hatte er gemeinsam mit Vitra als Werkzeug für agiles Arbeiten entwickelt. Wie schnell und einfach sich mit den Wandelementen Büros für neue Bedürfnisse und Abläufe umgestalten lassen, erzählt Hürlemann im Interview. Auch die Aufgabe, gesunde Abstände zu schaffen, lässt sich mit «Dancing Wall» mühelos lösen.

Herr Hürlemann, wie und wo arbeiten Sie gerade mit Ihrem Team?

Wir haben im Mai langsam damit angefangen, die Arbeit im Büro wieder aufzunehmen. Vorher haben wir alle ausschliesslich zuhause gearbeitet.

Wie sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Arbeiten zuhause?

Arbeiten im Homeoffice hat viele Vorteile. Es ist schön, tagsüber am Familienleben teilzuhaben und gemeinsam zu Mittag zu essen. Mein Arbeitsalltag ist im Homeoffice allerdings um einiges anstrengender geworden, da ich praktisch nur noch Videocalls absolviere. Alles ist viel dichter, viel konzentrierter, man bewegt sich kaum. Das geht den Mitarbeitenden genauso. Ausserdem vermissen wir das Zwischenmenschliche sehr. All die Dinge, die im Büro spontan geschehen, die man nicht planen kann. Man sieht etwas, man hört etwas, man hat eine Idee – die kleinen Zwischentöne fehlen. Gerade in einem kreativen Kontext ist das schwierig, denn in unserer Arbeit sind solche Störungen ein essenzielles Element.

Sie hatten sich im vergangenen Jahr ein neues Büro eingerichtet und dabei das Konzept des Dancing Office für agiles Arbeiten mit mehreren Dancing Walls umgesetzt. Haben Sie die Einrichtung des Büros nun an die neue Situation angepasst?

Wenn wir jetzt wieder ins Büro zurückkehren, besteht die Gefahr, in alte Verhaltensmuster zurückzufallen. Man vergisst leicht, Abstand zu halten. Deswegen war mir klar, dass wir unser Studio umgestalten müssen. Die Architektur soll uns dabei helfen, ganz selbstverständlich auf Distanz zu bleiben und uns sicher zu fühlen. Dabei ist es nicht damit getan, ein Klebeband über jeden zweiten Platz zu ziehen. Aber mit dem Dancing Office haben wir die perfekte Infrastruktur, um auf die neue Situation zu reagieren. Mit ein paar Mitarbeiterinnen haben ich das das Büro umgebaut – in eineinhalb Stunden!

Was bedeutet die Krise generell für das Konzept des agilen Arbeitens?

Das Konzept des agilen Arbeitens stellt den Mitarbeitenden diverse Orte zum Arbeiten und Interagieren zur Verfügung. Teams bewegen sich autonom im Büro und richten sich frei ein.
In Zeiten wie diesen, in denen Abstandhalten das oberste Gebot ist, birgt das ein gewisses Risiko. Umso wichtiger ist es deshalb, die Arbeitsumgebung nun so zu gestalten, dass Architektur und Möblierung den Mitarbeitenden helfen, Distanz zu wahren, ohne gross darüber nachdenken zu müssen.

Arbeiten von zuhause ist für viele Menschen zum neuen Standard geworden. Verändert das die Bedeutung des Homeoffice in der Arbeitswelt?

Die Auseinandersetzung mit der Arbeit im Homeoffice ist nichts Neues. Der Ausbruch der Covid19-Pandemie hat diesen Innovationsprozess allerdings stark beschleunigt. Was vielleicht noch sechs Jahre gebraucht hätte, hat jetzt in sechs Wochen stattgefunden. Wir sind gezwungen worden, schnell zu lernen. Und diese Erfahrungen werden bleiben. Arbeiten im Homeoffice wird nach Corona selbstverständlich sein. Firmen können diese externen Büro-Satelliten fix in ihr Konzept einplanen und so Arbeitsplätze im Büro reduzieren. Und für die Klimaerwärmung bedeuten Homeoffice und Videokonferenzen weniger Reisen und somit weniger CO2-Ausstoss.

Bedeutet das Abstandgebot, dass jetzt das Einzelbüro ein Comeback feiert? Weil die Menschen sich nur in abgeschlossenen Räumen sicher fühlen?

Das denke ich nicht. Auf längere Sicht wird das fokussierte Arbeiten wahrscheinlich eine Verschiebung erfahren und sich ins Homeoffice oder an Third Places wie Hotels verlagern. Das löst auch ein Problem, das viele Open-Space-Offices haben: Konzentriertes Arbeiten ist in offenen Räumen nicht immer einfach. Parallel dazu verändert sich auch die Arbeit im Büro, am Hauptsitz eines Unternehmens. Heute geht es in Firmenbüros nicht mehr darum, acht Stunden täglich an einem normierten Arbeitsplatz zu sitzen. Relevanter sind dort Themen wie Teambildung, Austausch und Ideenfindung. Dementsprechend werden sich auch die Räume verändern. Das Büro als identitätsstiftender Ort, wo man die Zugehörigkeit feiert. Unternehmen werden ihre Werte klarer definieren müssen. Die Mitarbeitenden möchten für jemanden arbeiten, mit dem sie sich identifizieren können. Es geht um die grosse Idee, hinter der man steht.


Veröffentlichungsdatum: 27.10.2020
Bilder: © Vitra