ID Chair und ACX: Individualisierung und Intuition
Ein Gespräch mit Antonio Citterio

Der eine Stuhl wurde für maximale Individualisierung gebaut. Der andere passt sich automatisch an veränderte Bedingungen an. Antonio Citterio erzählt uns vom ID Chair und von ACX – zwei seiner herausragendsten Stuhlentwürfe. Der ID Chair ist der meistverkaufte Bürostuhl von Vitra. Der 2010 vorgestellte Stuhl markierte einen Wandel bei Bürostühlen. Es handelt sich nicht um ein einzelnes Produkt, sondern um ein Baukastensystem, das Citterio als «ein Universum von Identitäten» bezeichnet.
Anniina Koivu: Der ID Chair wurde von Anfang an modular konzipiert, für endlose Konfigurationsmöglichkeiten. Im Laufe der Jahre wurde er ständig weiterentwickelt und ist dabei bis heute dem ursprünglichen Konzept treu geblieben.
Antonio Citterio: Am Anfang haben wir gesagt: «Wir entwerfen nicht einen Stuhl, sondern ein Konzept für viele Stühle.» Und das ist der ID – mehr als nur ein Stuhl. Es handelt sich um ein System, das Änderungen zulässt und sich an die persönlichen Bedürfnisse anpasst. Design entwickelt sich ständig weiter – so wie auch die Büros und die Menschen, für die der Stuhl gemacht ist. Wir mussten also dafür sorgen, dass der ID Chair über die Zeit Bestand hat.
Anniina Koivu: Der ID Chair wurde von Anfang an modular konzipiert, für endlose Konfigurationsmöglichkeiten. Im Laufe der Jahre wurde er ständig weiterentwickelt und ist dabei bis heute dem ursprünglichen Konzept treu geblieben.
Antonio Citterio: Am Anfang haben wir gesagt: «Wir entwerfen nicht einen Stuhl, sondern ein Konzept für viele Stühle.» Und das ist der ID – mehr als nur ein Stuhl. Es handelt sich um ein System, das Änderungen zulässt und sich an die persönlichen Bedürfnisse anpasst. Design entwickelt sich ständig weiter – so wie auch die Büros und die Menschen, für die der Stuhl gemacht ist. Wir mussten also dafür sorgen, dass der ID Chair über die Zeit Bestand hat.
Die Idee eines modularen Systems hat den ID Chair zum erfolgreichsten Bürostuhl von Vitra gemacht. Zu den jüngsten Entwicklungen gehören ästhetische Aktualisierungen – eine erweiterte Farbpalette für den Stoff Volo – sowie funktionelle Ergänzungen, wie die optionale AutoMotion-Mechanik.
Das ist sowohl eine rationale als auch eine industrielle Art von Design – vor allem, weil der ID Chair immer für die Massenproduktion gedacht war. Das Prinzip ist einfach: Die Struktur bleibt erhalten, während sich die Teile weiterentwickeln. Offenheit ist wichtig, nicht nur für die Produktionslogik, sondern vor allem für die Kundinnen und Kunden. Der Stuhl funktioniert noch einwandfrei, aber vielleicht möchten Sie eine andere Rückenlehne, neue Armlehnen oder eine neue Polsterung? Er ist als System mit kompatiblen Komponenten konzipiert, die verschiedene Konfigurationen ermöglichen. So kann der Stuhl aktualisiert statt ersetzt werden.
Das ist sowohl eine rationale als auch eine industrielle Art von Design – vor allem, weil der ID Chair immer für die Massenproduktion gedacht war. Das Prinzip ist einfach: Die Struktur bleibt erhalten, während sich die Teile weiterentwickeln. Offenheit ist wichtig, nicht nur für die Produktionslogik, sondern vor allem für die Kundinnen und Kunden. Der Stuhl funktioniert noch einwandfrei, aber vielleicht möchten Sie eine andere Rückenlehne, neue Armlehnen oder eine neue Polsterung? Er ist als System mit kompatiblen Komponenten konzipiert, die verschiedene Konfigurationen ermöglichen. So kann der Stuhl aktualisiert statt ersetzt werden.

Sie beziehen sich auf die Initiative Vitra Circle for Contract, die den Lebenszyklus von Produkten durch Aufarbeitung, Wartung, Austausch von Komponenten und verantwortungsvolles Recycling verlängert. Wie haben Sie den ID Chair konkret konzipiert, dass er sich über fünfzehn bis dreissig Jahre – oder mehr – weiterentwickeln lässt?
Angefangen haben wir mit dem Untergestell: fortschrittliche Aluminiumtechnologie, hochwertige recycelte Kunststoffe und die beste verfügbare Mechanik für ergonomische Bürostühle. In der ersten Generation wurde die FlowMotion-Mechanik eingeführt; heute umfasst das System auch die AutoMotion, welche die Gewichtsverteilung und die automatische Anpassung der Rückenlehnen-Gegenkraft optimiert. Die Entwicklung ist schnell und hört nie auf.
Die Komponenten werden verbessert, die Materialien weiterentwickelt, die Produktion wird effizienter. Technologie ist Fortschritt. Doch wenn die strukturellen Verbindungen – Armlehnen, Rückenlehne, Sockel – kompatibel bleiben, können einzelne Elemente ausgetauscht werden. So ändert man vielleicht 30 % und behält die anderen 70 %. Das macht einen grossen Unterschied. Was passiert mit den alten Teilen? Sie können ordnungsgemäss recycelt werden. Das müssen wir ernst nehmen.
Als ich jung war, haben die Leute alles wiederverwendet. Die Jacken wurden drei Nummern zu gross gekauft und hielten jahrelang. Nichts wurde verschwendet. In den folgenden Jahrzehnten stieg der Konsum drastisch an, aber jetzt ändert sich die Einstellung wieder. Produkte können eine längere Lebensdauer haben – wenn wir sie entsprechend gestalten.
Angefangen haben wir mit dem Untergestell: fortschrittliche Aluminiumtechnologie, hochwertige recycelte Kunststoffe und die beste verfügbare Mechanik für ergonomische Bürostühle. In der ersten Generation wurde die FlowMotion-Mechanik eingeführt; heute umfasst das System auch die AutoMotion, welche die Gewichtsverteilung und die automatische Anpassung der Rückenlehnen-Gegenkraft optimiert. Die Entwicklung ist schnell und hört nie auf.
Die Komponenten werden verbessert, die Materialien weiterentwickelt, die Produktion wird effizienter. Technologie ist Fortschritt. Doch wenn die strukturellen Verbindungen – Armlehnen, Rückenlehne, Sockel – kompatibel bleiben, können einzelne Elemente ausgetauscht werden. So ändert man vielleicht 30 % und behält die anderen 70 %. Das macht einen grossen Unterschied. Was passiert mit den alten Teilen? Sie können ordnungsgemäss recycelt werden. Das müssen wir ernst nehmen.
Als ich jung war, haben die Leute alles wiederverwendet. Die Jacken wurden drei Nummern zu gross gekauft und hielten jahrelang. Nichts wurde verschwendet. In den folgenden Jahrzehnten stieg der Konsum drastisch an, aber jetzt ändert sich die Einstellung wieder. Produkte können eine längere Lebensdauer haben – wenn wir sie entsprechend gestalten.

Während der ID Chair als System konzipiert ist, das auf Modularität und Evolution aufbaut, reagiert ACX auf eine andere Veränderung der Arbeitsplätze: die Mobilität. Die Büros von heute sind flexibel, werden gemeinsam genutzt und sind weniger individuell. Arbeitsplätze wechseln zwischen Schreibtischen, Besprechungsräumen und Zuhause – oft innerhalb eines einzigen Tages.
Der 2023 eingeführte ACX begegnet diesem Wandel nicht mit mehr Anpassungsmöglichkeiten, sondern mit einer Reduktion. Der Stuhl umgeht Komplexität durch einen automatisch reagierenden Mechanismus, der sich intuitiv an den Benutzer anpasst.
ACX ist «der» adaptive Stuhl. Ein Stuhl ist heute nicht mehr unbedingt «Ihr» Stuhl, der auf Ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Sie sitzen mal hier, mal dort, wechseln den Schreibtisch, wechseln von konzentrierter Arbeit zu Besprechungen. Im Laufe des Tages wird derselbe Stuhl von verschiedenen Benutzern genutzt. Sie wollen nicht jedes Mal, wenn Sie sich hinsetzen, die Lendenwirbelstütze, die Höhe oder die Rückenlehnen-Gegenkraft einstellen. Beim ACX passt sich der Mechanismus automatisch an – egal ob Sie gross, schwer oder leicht sind. Selbstanpassung war die Schlüsselidee.
Der 2023 eingeführte ACX begegnet diesem Wandel nicht mit mehr Anpassungsmöglichkeiten, sondern mit einer Reduktion. Der Stuhl umgeht Komplexität durch einen automatisch reagierenden Mechanismus, der sich intuitiv an den Benutzer anpasst.
ACX ist «der» adaptive Stuhl. Ein Stuhl ist heute nicht mehr unbedingt «Ihr» Stuhl, der auf Ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten ist. Sie sitzen mal hier, mal dort, wechseln den Schreibtisch, wechseln von konzentrierter Arbeit zu Besprechungen. Im Laufe des Tages wird derselbe Stuhl von verschiedenen Benutzern genutzt. Sie wollen nicht jedes Mal, wenn Sie sich hinsetzen, die Lendenwirbelstütze, die Höhe oder die Rückenlehnen-Gegenkraft einstellen. Beim ACX passt sich der Mechanismus automatisch an – egal ob Sie gross, schwer oder leicht sind. Selbstanpassung war die Schlüsselidee.
Sie entwerfen in verschiedenen Massstäben – von Architektur über Innenräume bis zu Produkten wie zum Beispiel Möbeln. Wie beeinflusst der Wechsel zwischen diesen verschiedenen Massstäben Ihr Denken?
Ich entwerfe Bürogebäude von innen und aussen und beobachte daher, wie die Menschen tatsächlich arbeiten. Heute sprechen die Kunden über Pflanzen, natürliches Licht und Atmosphäre. Es geht ihnen mehr um Emotionen und Beziehungen und weniger um technische Höchstleistungen.
Als ich in diesem Geschäft anfing, war die Bürowelt geteilt – traditionelle Anwaltskanzleien mit grossen Ledersesseln auf der einen Seite und die frühe Tech-Kultur mit Tischtennisplatten, die als Büroschreibtische dienten, auf der anderen. Heute sind diese Unterschiede weniger ausgeprägt. Juristen und Kreative sind einander in ihrer Einstellung näher. Als Designer müssen wir diese Veränderungen im Lebensstil verstehen – und im Idealfall vorwegnehmen.
Der selbstanpassende Stuhl wurde nicht von einem Kunden angefordert. Er entstand aus unserer Vision – der von Vitra und mir – und aus der Erkenntnis, dass sich unsere Beziehung zu Stühlen verändert. Es ist schwierig, nach etwas zu fragen, von dem man noch nicht weiss, dass es existieren könnte. Wenn etwas gut funktioniert, bemerkt man es kaum. Aber Unangenehmes bemerkt man sofort. Unsere Idee war einfach: die Notwendigkeit von Anpassungen entfallen lassen. Der Stuhl soll automatisch reagieren.
Ich entwerfe Bürogebäude von innen und aussen und beobachte daher, wie die Menschen tatsächlich arbeiten. Heute sprechen die Kunden über Pflanzen, natürliches Licht und Atmosphäre. Es geht ihnen mehr um Emotionen und Beziehungen und weniger um technische Höchstleistungen.
Als ich in diesem Geschäft anfing, war die Bürowelt geteilt – traditionelle Anwaltskanzleien mit grossen Ledersesseln auf der einen Seite und die frühe Tech-Kultur mit Tischtennisplatten, die als Büroschreibtische dienten, auf der anderen. Heute sind diese Unterschiede weniger ausgeprägt. Juristen und Kreative sind einander in ihrer Einstellung näher. Als Designer müssen wir diese Veränderungen im Lebensstil verstehen – und im Idealfall vorwegnehmen.
Der selbstanpassende Stuhl wurde nicht von einem Kunden angefordert. Er entstand aus unserer Vision – der von Vitra und mir – und aus der Erkenntnis, dass sich unsere Beziehung zu Stühlen verändert. Es ist schwierig, nach etwas zu fragen, von dem man noch nicht weiss, dass es existieren könnte. Wenn etwas gut funktioniert, bemerkt man es kaum. Aber Unangenehmes bemerkt man sofort. Unsere Idee war einfach: die Notwendigkeit von Anpassungen entfallen lassen. Der Stuhl soll automatisch reagieren.
Mit ACX wird die Technik fast unsichtbar.
Technologie muss das Leben vereinfachen. Wenn sie die Dinge verkompliziert, wird sie von den Menschen gemieden. Schauen Sie sich Telefone, Autos, Lampen und sogar Duschen an – Technologie muss intuitiv und einfach zu bedienen sein. Wir haben nicht die Zeit, uns mit den technischen Details von Gegenständen und Möbeln zu befassen, die uns dienen sollen.
Technologie muss das Leben vereinfachen. Wenn sie die Dinge verkompliziert, wird sie von den Menschen gemieden. Schauen Sie sich Telefone, Autos, Lampen und sogar Duschen an – Technologie muss intuitiv und einfach zu bedienen sein. Wir haben nicht die Zeit, uns mit den technischen Details von Gegenständen und Möbeln zu befassen, die uns dienen sollen.

Im Laufe der Zeit sind Produkte, die einst wartungsfähig und modular waren, zunehmend zu versiegelten, geschlossenen Systemen geworden. Diesem Trend widersetzen sich Ihre Stühle bewusst: Sie können aktualisiert, personalisiert, in Einzelteile zerlegt, repariert und zu guter Letzt recycelt werden.
Genau. Bei Möbeln befinden wir uns zum Glück noch in der mechanischen Welt. ACX wird hauptsächlich aus recyceltem Aluminium, hochwertigem Polyamid und recycelten Textilien hergestellt und ist für Demontage, Reparatur und Materialrückgewinnung konzipiert. Ein Stuhl kann dreissig Jahre oder länger halten, wenn er richtig entworfen wurde und auf Langlebigkeit ausgelegt ist. Sowohl der ID Chair als auch ACX folgen dieser nachhaltigen Logik. Wir sollten nicht vergessen: Design ist komplex. Es geht nicht nur um Recycling. Es geht darum, von Anfang an langfristig zu denken.
Antonio Citterio, Architekt und Designer, lebt und arbeitet in Mailand. Mit Vitra arbeitet er seit 1988 zusammen. In dieser Zeit sind eine Reihe von Bürostühlen und Bürosystemen sowie Produkte für die Vitra Home Collection entstanden. Die Citterio-Kollektion wird laufend erweitert.
Genau. Bei Möbeln befinden wir uns zum Glück noch in der mechanischen Welt. ACX wird hauptsächlich aus recyceltem Aluminium, hochwertigem Polyamid und recycelten Textilien hergestellt und ist für Demontage, Reparatur und Materialrückgewinnung konzipiert. Ein Stuhl kann dreissig Jahre oder länger halten, wenn er richtig entworfen wurde und auf Langlebigkeit ausgelegt ist. Sowohl der ID Chair als auch ACX folgen dieser nachhaltigen Logik. Wir sollten nicht vergessen: Design ist komplex. Es geht nicht nur um Recycling. Es geht darum, von Anfang an langfristig zu denken.
Antonio Citterio, Architekt und Designer, lebt und arbeitet in Mailand. Mit Vitra arbeitet er seit 1988 zusammen. In dieser Zeit sind eine Reihe von Bürostühlen und Bürosystemen sowie Produkte für die Vitra Home Collection entstanden. Die Citterio-Kollektion wird laufend erweitert.
Veröffentlichungsdatum: 02.04.2026
Autorin: Anniina Koivu
Bilder: © Vitra












