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Die Vitra Colour & Material Library

Auszug aus einem Text von Alice Rawsthorn

Als Hella Jongerius 1988 ihre Ausbildung an der Design-Akademie begann, gab es ein Fach, das sie auf keinen Fall belegen wollte: Textildesign. «Meine Mutter arbeitete als Schnittzeichnerin. Zu Hause nähte sie ständig, wobei bergeweise Stoffe vor ihr auf dem Tisch lagen», erinnert sich Jongerius. «Ich hatte eine eigene Nähmaschine, aber ich hasste das Nähen. Ausserdem war da dieses Geschlechterklischee: Männer studieren Industriedesign und Frauen Textildesign. Also dachte ich: ‹Das mache ich nicht. Ich möchte im Bereich Elektronik arbeiten.› Aber natürlich haben mich die Textilien irgendwie angezogen.»

Im Laufe ihrer Karriere als eine der einflussreichsten Produktdesignerinnen Europas hat Jongerius’ Begeisterung für Textilien stetig zugenommen. In den letzten zehn Jahren führte sie für den Schweizer Möbelhersteller Vitra eine umfassende Studie zu den Eigenschaften und Einsatzmöglichkeiten verschiedener Farben und Strukturen von Textilien und anderen Materialien durch. Das Ergebnis ihrer Arbeit ist die Vitra Colour & Material Library, die nicht nur den Mitarbeitenden von Vitra, sondern auch Architekten und anderen Kunden dabei helfen soll, Aussehen, Beschaffenheit und Funktionalität ihrer Produkte zu optimieren.

Vor einigen Jahrhunderten wurde der Wahl von Farbe und Material eine so grosse Bedeutung zugemessen, dass viele Herrscher bestimmten Gesellschaftsgruppen die Nutzung begehrter Farben und Materialien per Gesetz untersagten. Im ersten Jahrhundert nach Christus verfügte der römische Kaiser Nero unter Androhung der Todesstrafe, dass die Farbe Violett nur ihm allein vorbehalten sei. König Heinrich VIII. liess Violett im England des 16. Jahrhunderts ebenfalls verbieten, Kleidung aus goldenem Tuch war nur einem Herzog oder Marquis vorbehalten, Hermelin und Zobel dem Adel, und wer seidene Hemden tragen wollte, musste mindestens im Stand eines Ritters sein. Nach der Industriellen Revolution kamen viele neue Färbemittel und Materialien auf, sodass leuchtende Farben und ausgefallene Stoffe nicht länger nur den Reichen vorbehalten waren.

Im frühen 20. Jahrhundert traten bekannte Management-Theoretiker wie Frederick Winslow Taylor für Standardisierung ein, damit Hersteller ihre Waren schneller, effizienter und günstiger produzieren konnten. Ein wichtiger Teil dieses Prozesses war die Beschränkung der Farb- und Materialauswahl, wie das Beispiel des amerikanischen Fahrzeugpioniers Henry Ford bestätigt, der seine Verkäufer dazu anhielt, hauptsächlich schwarze Autos zu verkaufen, da diese Farbe am schnellsten trocknete. Je weniger Farben ein Unternehmen anbot, desto wichtiger war es, die beliebtesten zu wählen. In Erwartung der nächsten Farbtrends entstand so der Beruf des «Farbstylisten».

«Ich wusste nicht, wie man ein Sofa herstellt, aber ich wollte diesem Sofa Leben einhauchen.»
Hella Jongerius über ihre Arbeit am Polder Sofa

1993 schloss Hella Jongerius die Design-Akademie ab. Wie andere radikale junge niederländische Designer ihrer Zeit suchte sie nach neuen Wegen, um Objekten aus Massenproduktion die Raffinesse, Eigentümlichkeit und Wärme zu verleihen, die am Handwerk so geschätzt werden, jedoch der Standardisierung zum Opfer gefallen waren. Oft nutzte Jongerius handwerkliche Tricks, um (mit einer kleinen, gutgemeinten Schwindelei) anzudeuten, dass ein bestimmtes Objekt in Handarbeit geschaffen worden war. Der Gummi ihrer Vase «Soft Urn» (1993) trug vielsagende Spuren des Gussprozesses, und der Ton des Geschirrsets B-Set (1997) wurde so stark erhitzt, dass jeder Teller und jede Schüssel kleinste Unvollkommenheiten zur Schau trugen, wie sie für Antiquitäten und handgemachte Keramik typisch sind.

Das erste Projekt, das Jongerius für Vitra ausführte, brachte sowohl ihr als auch dem Unternehmen den Durchbruch. Auf den ersten Blick sieht das Polder Sofa ausgesprochen merkwürdig aus und scheint mit seinen verschieden grossen Sitzkissen, den Polstern in unterschiedlichen Tönen derselben Farbe, den auffälligen Baumwollfäden und den bunt zusammengewürfelten Knöpfen, die eher an eine alte, abgenutzte Couch erinnern, so gar nicht zur akribisch gestalteten, modernen Ästhetik von Vitra zu passen. Wie die unvollkommenen Oberflächen von Jongerius’ Vasen sollen diese Eigenarten uns dazu verleiten, das Sofa als geliebtes altes Möbelstück wahrzunehmen, das von seiner jahrelangen Nutzung schon ganz verschlissen ist. «Ich war so naiv», erzählt Jongerius. «Das Polder Sofa war mein bis dahin grösstes und komplexestes Objekt. Ich wusste nicht, wie man ein Sofa herstellt, aber ich wollte diesem Sofa Leben und Energie einhauchen, indem ich es in verschiedene Formen aufbrach und zeigte, wie eine Farbe durch unterschiedliche Materialien verfälscht werden kann und wie sie auf Licht und Schatten reagiert. Am Abend vor der Markteinführung ersetzten wir die Polsterung noch durch konventionellere Farben. Und dann am nächsten Morgen machten wir alles wieder rückgängig.»

Grau- und helle Blautöne für Jasper Morrison, Grün- und Bordeaux-Töne für Ronan und Erwan Bouroullec

Das Polder Sofa war eines der Highlights des Mailänder Salone del Mobile 2005 und ein wirtschaftlicher Erfolg für Vitra. Das Unternehmen bat Jongerius, näher zu untersuchen, wie Materialien und Farben geschickter genutzt werden können. «Als wir sahen, wie Hella beim Polder-Sofa unterschiedlich strukturierte Stoffe und Farben meisterhaft zu etwas ganz Neuem und Energetischem vereinte, wussten wir, dass sie die Richtige war, um über Farben und Textilien zu sprechen», so Eckart Maise, Chief Design Officer bei Vitra.

«Produktdesignprojekte bei Vitra laufen in enger Zusammenarbeit zwischen einem unabhängigen Designer und einem Mitglied unseres Forschungs- und Entwicklungsteams ab», so Maise. «Ursprünglich ging es dabei um die technische Ausführung. Material, Verbindungen, Werkzeuge und technische Anforderungen. Funktion und Komfort werden dabei heute genauso diskutiert wie Formen, Ebenen und Radien. Wenn es aber um Farben, Strukturen oder die Oberflächenbeschaffenheit geht, sehen sich unsere Entwicklungsingenieure nicht als geeignete Ansprechpartner. Deshalb haben wir ein Farb- und Stoffteam aufgebaut, das die Entwickler unterstützt.» Als Erstes untersuchte Jongerius 2006 das bestehende Produktportfolio von Vitra genau. Dabei verglich sie die Farben und Materialien mit den Originalspezifikationen in den Archiven und arbeitete Verbesserungsmöglichkeiten heraus.

Farben und Materialien zu entwickeln, die jedes Produkt so ansprechend wie möglich machen, ist ein langer und arbeitsintensiver Prozess. Hunderte von Produkten und Materialien müssen analysiert und neuen oder überarbeiteten Entwürfen umfassend getestet werden. Im Industriedesign möchte Jongerius Farben so nuanciert einsetzen, als wären sie dem Pinsel eines bekannten Künstlers entsprungen. Dabei testet Vitra alle neuen Textilien auf deren Licht- und Farbbeständigkeit, ihr Nahtschiebeverhalten sowie ihr Brenn- und Abnutzungsverhalten. Und selbst die geringste Farbanpassung bei einem Kunststoff erfordert weitergehende Schritte wie eine erneute Betrachtung der Lichtbeständigkeit nach mehr als 2000 Stunden in der Lichtkabine. Mit einem neuen, selbst erarbeiteten System stellen Jongerius und das Vitra-Team sicher, dass neue Töne so effektvoll wie möglich eingesetzt werden. Die Farbpalette von Vitra umfasst nun auch besondere Farben, die die Arbeit bestimmter Designer versinnbildlichen und für diese reserviert sind: Dazu gehören beispielsweise Grau- und helle Blautöne für Jasper Morrison sowie Grün- und Bordeaux-Töne für Ronan und Erwan Bouroullec.

Ihr Studio in einer alten Wurstfabrik in Berlin-Mitte zeigt das Vermächtnis der über ein Jahrzehnt andauernden Arbeit von Hella Jongerius für Vitra. Wände, Tische und Regale sind mit Stoffmustern in lebendigen Tönen, Farbklecksen und Miniaturstühlen aus dem Vitra Design Museum geschmückt. An einigen Miniaturen probiert Jongerius neue Farbtöne für die originalgrossen Versionen dieser Stühle aus, wie beispielsweise für die Eames Plastic Chairs. Nachdem sie festgestellt hatte, dass der 1967 vom finnischen Architekten Eero Aarnio gestaltete Pastil Chair die perfekte Form für Farbtests aufwies, forderte Jongerius Hunderte von Miniaturen dieses Stuhls an. Auf dem Boden und neben den Fenstern ihres Büros liegen Dutzende von mit farbigen Glasuren überzogenen Keramikfliesen, damit die Designerin die Auswirkungen des wechselnden Lichts auf jeden einzelnen Farbton beobachten kann. Eine Etage ihres Studios nutzt sie für Textilexperimente, aus denen mit Maize und Aura bereits zwei neue Wollstoffe für die Vitra Home Collection hervorgingen, die beide 2016 eingeführt wurden.

In einem Raum steht eine grosse, hölzerne Webmaschine, die von zwei Assistenten betrieben wird. Auf dem winzigen Webstuhl daneben webt Jongerius Stoffmuster für Vitra. Im Nebenraum befindet sich ihr Archiv von Textilprototypen, in die neue Webtechniken, Farben, Fasern und Verzierungen eingeflossen sind. In Zukunft möchte Jongerius weitere Textilien für Vitra und insbesondere die Home Collection gestalten, grösstenteils aus Naturfasern wie Leinen, Wolle und Baumwolle. Mit dem gleichen Tatendrang wie bei ihren Farbstudien möchte sie auch andere Designaspekte untersuchen. «Ich habe gerade erst damit begonnen, die Auswirkungen von Tageslicht und künstlichem Licht auf Farben und Oberflächenbeschaffenheit zu untersuchen», erklärt Jongerius. «Danach möchte ich noch Formen, Schatten und die räumliche Gestaltung betrachten. So könnte es ewig weitergehen.»

Das Buch:
Das Buch «I Don’t Have A Favourite Colour» beschreibt Hella Jongerius in eigenen Worten ihre Experimente für Vitra über eine Dauer von zehn Jahren. Auf Grundlage der Aufzeichnungen von Michel-Eugène Chevreul, Johannes Itten und anderen Farbtheoretikern, ihrer Webexperimente auf dem winzigen Webstuhl in ihrem Berliner Studio und von Projekten von Designern des 20. Jahrhunderts wie Jean Prouvé und Verner Panton, die sie im Archiv des Vitra Design Museum fand, beschreibt Jongerius, wie sich ihr Farb- und Materialverständnis verfeinerte, während sie die Farb- und Materialbibliothek aufbaute und neue Farbtöne, Stoffe und Oberflächenbehandlungen für Vitra entwickelte.

Die Autorin:
Alice Rawsthorn ist Design-Autorin für die «International New York Times», die ihre Artikel weltweit verbreitet. Zudem schreibt sie Kolumnen für die Zeitschrift «Frieze». Ihr letztes, von Kritikern hochgelobtes Buch «Hello World: Where Design Meets Life» untersucht den Einfluss des Designs auf unser Leben – gestern, heute und morgen.


Veröffentlichungsdatum: 06.10.2016. Erstmals veröffentlicht im Buch «I Don’t Have A Favourite Colour», Gestalten Verlag, 2016.
Autor: Alice Rawsthorn
Bilder (wie abgebildet):
Titelbild: Studies by Verner Panton on colour mixing in paint and textile fibre. Photo: Labadie / van Tour, Copyright: Vitra. Reconstruction of the colour blanket woven for the Maize colour range. Photo: Labadie / van Tour, Copyright: Vitra. Samples and yarns used as a reference for colouring Maize. Photo: Labadie / van Tour, Copyright: Vitra. Colour research on three-dimensional red shapes, Photo: Labadie / van Tour, Copyright: Vitra. Textile selection for the 2015 update of the Polder Sofa and Sketch of the Polder Sofa. Photo and Copyright: Jongeriuslab. Textile study for the 2015 update of the Polder Sofa. Photo and Copyright: Vitra. Study for duotone weave using paper strips. Photo: Labadie / van Tour, Copyright: Vitra. Colour recipe research using historical colour chips as a reference. Photo: Labadie / van Tour, Copyright: Vitra. Sketch on volume and colour; Stack of Hopsak samples from the design process for the 2014 Hopsak colours. Photo and Copyright: Jongeriuslab. The Vitra Colour & Material Library, the red world. Photo: Labadie / van Tour, Copyright: Vitra. Design process for 2014 Hopsak colour range. Photo and Copyright: Jongeriuslab. Studio. Photo: Labadie / van Tour, Copyright: Vitra. Sketch showing Vitra products organised into the four colour worlds: reds, greens, lights and darks; drawing by Iris Toonen for Jongeriuslab. Photo and Copyright: Jongeriuslab. The realisation of the Vitra Colour & Material Library in products. Photo: Labadie / van Tour, Copyright: Vitra. Jongerius Lab Studio. Photo: Magdalena Lepka, Copyright: Jongeriuslab.